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Er hilft Dresdner Senioren durch die Krise

Das Coronavirus bedeutet vor allem für ältere Menschen noch mehr Einsamkeit. Wie die Stadt versucht zu helfen.

Matthias Aegerter koordiniert das neunköpfige Team am Sorgentelefon.
Matthias Aegerter koordiniert das neunköpfige Team am Sorgentelefon. © Christian Juppe

Dresden. Der Besuch von Kindern und Enkeln, der Schwatz beim Einkauf, das Herz ausschütten beim Arzt des Vertrauens - all das gab es wochenlang für Senioren nicht. Auch weiterhin müssen sich betagte Menschen ganz besonders vorsehen und sollten dafür zu viele Kontakte meiden. So bleibt die Situation für die ältere Generation beim Alten: Sorgen können sie kaum von Angesicht zu Angesicht besprechen, und wohltuende Unterhaltungen ergeben sich nicht so einfach wie sonst im Treppenhaus oder im Seniorentreff.

Beide Schwierigkeiten haben die Mitarbeiter des Dresdner Sozialamtes erkannt und schon zu Beginn der Pandemie das Seniorentelefon noch viel häufiger als in unbelasteten Zeiten geschaltet. Einer, der für dieses Angebot zuständig ist, ist Matthias Aegerter. "Wir haben mit dem Seniorentelefon ein zusätzliches Angebot geschaffen, das es Senioren leicht macht, Kontakt zu uns aufzunehmen", sagt er. Zweimal die Woche sitzen normalerweise er oder seine Kollegen am Telefon, aufgrund Coronas nun sogar von Montag bis Freitag jeden Tag, von 8 bis 18 Uhr durchgängig.

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Endspurt - jetzt geht es um alles! Denn das Ende der Schulzeit rückt in greifbare Nähe und damit auch die Chance auf einen der heiß begehrten Wunschausbildungsplätze.

"Dafür mussten wir das Team auf neun Mitarbeiter aufstocken", sagt Matthias Aegerter. Da die Schulen geschlossen waren, übernahmen beispielsweise Sozialpädagogen, die eigentlich dort arbeiten, die Aufgabe, Senioren zu beraten. Nun kehren sie zu den Schülern zurück. Das ist eine große Herausforderung für Sachgebietsleiter Aegerter, der die Dienste am Telefon koordiniert. Denn das Seniorentelefon bleibt weiterhin täglich erreichbar.

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Wie wichtig es für ältere Menschen und deren Angehörige ist, telefonisch Beistand zu haben, zeigt die Menge der Anrufe. "In normalen Zeiten hatten wir rund 50 pro Monat, nun sind es etwa 500", sagt Aegerter. Durch die Kontaktsperre und die dringende Empfehlung, zu Hause zu bleiben, fanden sich viele alte Menschen in einer plötzlich veränderte Lebenslage wieder, die ihnen schwer zu schaffen machte. Darf ich überhaupt noch das Haus verlassen? Kann ich mich zum Arzt oder zum Einkaufen trauen? Woher bekomme ich einen Mundschutz? Wer geht für mich einkaufen, wenn die Familie zu weit weg wohnt, um das zu übernehmen? Und was wird aus meinem 80. Geburtstag, für den das Buffet bereits bestellt ist? 

Schwierige Suche nach Betreuungsplätzen

Engen Kontakt halten Matthias Aegerter und sein Team zu Gesundheitsamt, Lebenshilfe und freien Begegnungsstätten. Über sie organisiert er die nötige Hilfe, wie zum Beispiel Ehrenamtliche, die für Senioren Einkaufen gehen, Essenlieferungen, hauswirtschaftliche Unterstützung oder Pflegedienste. "Schwierig ist nach wie vor die Suche nach einem Platz im Pflegeheim", weiß Aegerter. Das war schon vor Corona nicht leicht, da viele Einrichtungen Wartelisten haben. Doch immerhin konnten Senioren und ihre Angehörige Altenheime besichtigen. Das ist momentan nicht möglich, weil Besuche streng verboten sind. Braucht ein Senior stationäre Pflege, kann Aegerter sie lediglich vermitteln.

Die Waschmaschine ist kaputt, Medikamente sind alle, ein Wohngeldantrag muss zum Amt, für all diese Probleme ist das Seniorentelefon Anlaufstelle. "Dazu kommen die psychischen Schwierigkeiten", sagt Matthias Aegerter. Wenn Routinen wegfallen, sorge das für tiefe Verunsicherung. Der Diplompädagogen arbeitet seit 13 Jahren als Sozialarbeiter der Stadt und hat schon einige Ausnahmesituationen erlebt.

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Als wegen eines Bombenfundes 2018 eine groß angelegte Evakuierung vorbereitet wurde, hatten er und seine Kollegen ein Mammutprogramm zu bewältigen. Unter den betroffenen 20.000 Dresdnern waren zahlreiche Senioren, für die der Umzug in Heime außerhalb des Radius und in Notunterkünfte organisiert werden musste. Auf solche Krisensituationen ist die Abteilung Offenen Altenhilfe des Sozialamtes vorbereitet und aktiviert im Ernstfall ein weites Netzwerk.

Einsamkeit ist auch ohne Corona ein großes Thema für Matthias Aegerter. Bei ihm landen Anrufe von Senioren, die einfach nur reden wollen. Der Bedarf ist nun natürlich noch viel höher. Er selbst hat dafür keine Zeit. Doch er vermitteln Gespräche mit den Sozialarbeitern der Dresdner Seniorenbegegnungsstätten. Die haben das so genannte Plaudertelefon geschaltet. Dort finden alte und einsame Menschen offene Ohren, auch wenn sie keine konkreten Probleme haben. 

Matthias Aegerter und seine Kollegen in den insgesamt elf Sozialstellen der Stadtbezirksämter stehen Senioren aber nicht ausschließlich auf Distanz bei. "Trotz Corona besuchen wir die Menschen auch zuhause, wenn telefonische Hilfe nicht ausreicht", sagt er. Traurige Schicksale gehören zu seinem Berufsalltag, aber auch sehr schöne Momente. "Die älteren Menschen sind wirklich dankbar und lassen es uns auch wissen." Das gibt Kraft für die nächsten 500 Anrufe. 

Das Seniorentelefon erreichen Sie Montag bis Freitag, von 8 bis 18 Uhr unter 488-4800


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