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Besser die Wahrheit

Ausgerechnet so heißt das Buch Christian Wulffs, für das der Unternehmer Carsten Maschmeyer still Werbekosten zahlte. Nichts Besonderes unter Freunden in Hannover.

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Von Sven Siebert, Berlin

Die Wulff-Enthüllung des gestrigen Tages: Der Hannoveraner Unternehmer Carsten Maschmeyer hat mehr als 40000 Euro ausgegeben, um ein Interview-Buch von Christian Wulff zu bewerben. Das Buch „Besser die Wahrheit“ erschien während des niedersächsischen Landtagswahlkampfes 2007. Sein Verlag, Hoffmann und Campe, schaltete Anzeigen im Wert von 42732 Euro. Maschmeyer übernahm später die Kosten – „aus seiner privaten Geldbörse“, wie die „Bild“-Zeitung gestern berichtete.

Maschmeyer hat das der Zeitung bestätigt. Bundespräsident Wulff ließ durch seine Anwälte erklären, er habe von dieser Zahlung seines Freundes Maschmeyer nichts gewusst. Der damalige Hoffmann und Campe-Verleger Manfred Bissinger sagte „Spiegel-Online“ gestern, die Fremd-Finanzierung einer solchen Werbekampagne sei „in der Verlagsbranche üblich und ein absolut normaler Vorgang“. Bissinger habe Maschmeyer persönlich um diese Hilfe gebeten, erklärte der Verlag.

Ältestenrat ohne Ergebnis

Erneut geht es um den Vorwurf, Wulff habe in seinem Amt als Ministerpräsident in Hannover private Vorteile von Unternehmern erhalten. Die gegenwärtige Krise des Bundespräsidenten begann in der vergangenen Woche mit dem Bericht über einen Privatkredit in Höhe von 500000 Euro von dem Osnabrücker Unternehmerpaar Geerkens. Gestern Abend trennte sich der Ältestenrat des Landtags in Hannover ohne Ergebnis. Er wollte klären, ob Wulff private und Amtsinteressen verknüpft hat.

Wulff selbst hatte am Sonntag wegen wiederholter Anfragen Angaben über sechs Privaturlaube in den Ferienhäusern von befreundeten Unternehmern gemacht. Und nun wird die Liste um die bisher unbekannte, indirekte Unterstützung durch Maschmeyers Zahlung an den Buchverlag ergänzt.

Der Name Maschmeyer verbindet sich auch mit der ersten Urlaubsaffäre, die den gerade gewählten Bundespräsidenten Wulff 2010 beschäftigte. Wulff und seine Frau Bettina hatten Urlaub in einer Ferienanlage Maschmeyers auf Mallorca gemacht – und dafür nach Angaben des Bundespräsidialamtes einen „angemessenen Preis“ gezahlt. Die Angelegenheit schlug dennoch Wellen, und Wulff betrachtet die damalige Wahl seines Ferienortes als saudummen Fehler.

Maschmeyer ist Chef des „Finanzoptimierers“ AWD. Er ist nicht zum ersten Mal durch Unterstützung für befreundete Politiker aufgefallen. Am Tag vor der Niedersachsenwahl 1998 schaltete er anonym Anzeigen mit der Forderung: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein.“ Damit unterstützte er – erfolgreich – den damaligen SPD-Ministerpräsidenten im parteiinternen Wettbewerb mit Oskar Lafontaine und im niedersächsischen Duell mit seinem Gegenkandidaten von der CDU. Der hieß damals Christian Wulff.

Wulff hat das Maschmeyer offenbar nicht übel genommen. Das Ehepaar Wulff und Maschmeyer und seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres, sind heute befreundet.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beschrieb 2010 mal ausführlich die „Erbfreundschaften von Hannover“. Darin geht es um das inoffizielle Netzwerk von Hannoveraner Unternehmern, Anwälten und führenden Landespolitikern der jeweils regierenden Partei. Auch Verbindungen zum Rotlicht-Milieu wurden dort geschildert, aber die „FAZ“ hat sich wegen einiger Ungenauigkeiten eine Reihe von Gegendarstellungen und Unterlassungsklagen eingefangen.

Der Begriff „Erbfreundschaft“ geht auf den Journalisten und Politikberater Michael Spreng zurück, der schilderte, wie die freundschaftlichen Beziehungen von einem Ministerpräsidenten auf den nächsten vererbt werden, ohne dass alte Bande aufgelöst würden. Auch das Ehepaar Gerhard und Doris Schröder ist weiter mit Maschmeyer/Ferres verbunden. Über den derzeitigen niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) heißt es allerdings, er habe seinen Wohnsitz in Bad Bederkesa aus gutem Grund nicht nach Hannover verlegt.

Zum Hannoveraner Freundeskreis gehören neben Maschmeyer, Wulff und Schröder auch der prominente Rechtsanwalt Götz von Fromberg, TUI-Chef Michael Frenzel, der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann und Klaus Meine von den „Scorpions“.

Umzingelt von Amigos

Auch der Ministerpräsident Schröder zahlte mal die Kosten die für eine Mitreise im Learjet von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch nach Presseveröffentlichungen nachträglich – ähnlich wie dies Wulff machte, als er ein kostenloses Upgrade für einen Flug nach Florida ins Ferienhaus von Familie Geerkens bekommen hatte. Schröders Nachfolger als niedersächsischer Regierungschef Gerhard Glogowski stürzte 1999 über die „TUI-Affäre“. Er hatte sich seine Hochzeitsreise nach Ägypten von dem Hannoveraner Unternehmen finanzieren lassen.

Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte gestern von Bundespräsident Wulff Aufklärung über das Freundschaftsnetz aus Politik und Wirtschaft. Wulff lasse zu, dass das Bundespräsidialamt quasi umgeben sei von einem Amigo-System, dem „System Hannover“, sagte Künast. „Er muss das System Hannover aufklären, sagen, was war und sich entschuldigen.“