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Radebeul

„Besser viele kleine Feste als ein großes“

Bert Wendsche sagt als Tourismusverantwortlicher und Städtetagschef, wie es wieder aufwärts gehen soll.

Bert Wendsche (parteilos) ist Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages und OB von Radebeul.
Bert Wendsche (parteilos) ist Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages und OB von Radebeul. © Norbert Millauer

Herr Wendsche, Sie sind 1. Stellvertreter des Tourismusverbandes Elbland Dresden und Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages. Die Tourismuswirtschaft im Elbland liegt am Boden und beschwert sich mittlerweile massiv über die Einschränkungen. Was sollte zuerst wieder möglich sein?

Die Frage ist eher: Wollen wir wirklich diese Branche, die für Deutschland so erhebliche Bedeutung hat, weiter so strangulieren? Wir müssen jetzt dazu kommen, dass Branchen wie Gastronomie und danach – zumindest in gewissem Rahmen – auch touristische Übernachtungen wieder möglich werden. Alles andere richtet dauerhafte Schäden an. Wenn Betriebe mit Insolvenz wegbrechen, haben wir Schäden über viele Jahre.

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Wenn Sie entscheiden dürfen, in welchen Schritten würden Sie Lockerungen vollziehen?

Wenn wir davon reden, dass Gastro in der zweiten Maihälfte, also ab 15. Mai wieder Möglichkeiten bekommt, dann ist es nur richtig, dass die Beherbergungen in Hotels und Pensionen auch wieder machbar sind.

Würden Sie Unterschiede zwischen Hotel, Pension, Ferienwohnung, Jugendherberge/Hostel machen?

Auch hier gilt die Regel, die derzeit für die Pandemie gilt - vereinzeln. Daher sind Ferienwohnungen - wo überhaupt keine weiteren Begegnungen stattfinden - deutlich unkritischer zu sehen als ein großes Hotel.

Gibt es von Verbandsmitgliedern schon Nachfragen und Drängen?

Ich denke, dem gesamten Verband brennt es auf den Nägeln. Vor allem jenen, die das im Haupterwerb machen. Jene, die Pächter eines Objektes sind oder Eigentümer und davon leben müssen. Im Nebenerwerb ist das sicher auch eine Einbuße, aber nicht existenzbedrohend. Wir reden ja mittlerweile über eine Zeit von Anfang März an.

Haben Sie Zahlen zu Ausfällen?

Nein, noch nicht konkret. Aber jeder sieht ja, was los ist - etwa an der Aktion „Leere Stühle“ vor dem Goldenen Anker in Radebeul oder auf dem Altmarkt in Dresden. Es geht wirklich an die Nieren. Ich habe Gespräche geführt, die auch mir nahe gehen, weil es um nackte Existenzen geht. Vieles in der Tourismusbranche wurde über Jahrzehnte aufgebaut.

Gibt es Pläne, wie der Ausfall wieder nachgeholt werden könnte?

Wenn in einer Fabrik derzeit eine Maschine zwölf Stunden läuft, dann kann sie zum Nachholen künftig zwei Stunden länger laufen. Eine Übernachtung kann ja nicht nachgeholt werden. Urlaub, der ausgefallen ist, lässt sich nicht nachholen. Und: Machen wir uns nichts vor - Übernachtungen werden erst ganz langsam wieder anlaufen. 

Beispiel Tagungen, wozu Übernachtungen gehören. Welches Unternehmen wird in nächster Zeit Tagungen durchführen? Leute waren in Kurzarbeit und werden sich überlegen, ob sie ihr Geld für Urlaub in Städten ausgeben. 

Selbst wenn man jetzt im Tourismus aufmacht, wird es ein halbes Jahr und länger dauern, bis die Häuser wieder voll sind. Jetzt gilt es, zumindest eine Grundanzahl zuzulassen, damit die Touristikunternehmer wenigstens tagtägliche Rechnungen bezahlen können. Da rede ich noch nicht von Aufholen.

Meißen und die anderen Städte und Gemeinden im Kreis wollen wieder Touristen empfangen.
Meißen und die anderen Städte und Gemeinden im Kreis wollen wieder Touristen empfangen. © Claudia Hübschmann

Ist Preise erhöhen eine Aussicht?

Das regelt der Markt. Was sind die Kunden bereit und in der Lage zu zahlen? Wenn in Deutschland die Hälfte bis ein Drittel der Unternehmen in Kurzarbeit sind, heißt das ja auch fehlende Kaufkraft.

Im Erzgebirgs-Tourismusverband werden derzeit wöchentlich Aktionen organisiert - Wanderrouten vorgeschlagen und anderes. Gibt es Ideen im Elbland?

Das passiert analog im Elbland. Damit, sobald wieder eine touristische Öffnung möglich ist, auch dazu passende Angebote da sind. In den Städten, zum Beispiel in Radebeul, bereiten wir uns derzeit darauf vor, in einem ersten Öffnungsschritt die Radebeuler wieder zusammenzubringen, aber nicht gleich Massenveranstaltungen zuzulassen. 

Dazu haben wir uns gerade mit Vertretern der Winzer, Hotellerie und Gastronomie, Einzelhändlern und freischaffenden Künstler getroffen. Beginnend ab Juni bis Oktober wollen wir die beiden Einkaufsstraßen und die Weinberglandschaft in Radebeul bespielen. 

Unter dem Ruf Radebeuler helfen Radebeulern. Es wäre sicher nicht hilfreich, im Juni ein Fest auszurufen und es tauchen dann 80.000 Leute auf. Am ersten Juniwochenende soll es die erste kleinere Aktion geben.

Was heißt Bespielung konkret - kleinere Märkte mit wenigen Ständen und in kürzeren Abständen?

Genau. Ausschankgelegenheiten bieten. Tisch und Stühle rausstellen – dafür haben wir ja dieses Jahr bereits die Sondernutzungsgebühr erlassen – und dazwischen Kleinkunst, mal eine Gauklertruppe, mal ein Schausteller, mal jemand, der zur Kasperiade da wäre, mal ein Lied vom Balkon. Kunst in Bewegung – mal auf Wackerbarth, auf der Hoflößnitz und in anderen Weingütern und Straußwirtschaften.

Und dafür wird gerade der Plan erstellt?

Ja, das Kulturamt hat den Hut auf. Der verantwortliche Bürgermeister Winfried Lehmann wird dabei sein sowie die drei Bereiche Winzer mit Weinbauverband, Gewerbe der Bahnhofstraße/Altkötzschenbroda und Radebeul-Ost.

Gibt es in anderen Städten im Kreis ähnliche Initiativen?

Meißen will seine Tourismuswerbung verstärkt nach außen richten. Wir wissen derzeit nicht, ob und wann Weinfeste wie bisher wieder möglich sein werden. Deshalb wollen wir jetzt schon klein anfangen - und werden dann sehen, was sich im September ergibt.

 Gibt es das klassische Weinfest oder ein irgendwie anders geartetes Weinfest? Bis dahin wollen wir nicht untätig sein, damit die Gewerbetreibenden und die Künstler wirtschaftlich wieder eine Chance haben und die Bürger zusammenfinden.

Meißen hat fürs Weinfest eine Klausel in die Verträge geschrieben, lässt aber offen, ob es stattfinden kann. Wird das in Radebeul auch so gemacht?

Wir haben noch Puffer bis Ende Juni bis zur scharfen Vorbereitung. Deshalb der Plan, sofort mit kleinen Möglichkeiten zu beginnen. Und dann werden wir schauen, wie die Pandemiesituation ist und Entscheidungen treffen. Vielleicht ist es dann ein ganz anderes Weinfest, als wir es uns heute vorstellen. Wir wollen auf jeden Fall irgendwie unseren Wein im September feiern.

Das Weinfest könnte ja auch über die Stadt verteilt und in den Gütern stattfinden?Möglicherweise. Wir werden sehen, was geht und machbar ist.

Radebeul wollte ja gerade 2020 mit dem Karl-May-Fest und der „Der Lößnitzgrund ruft“ richtig mit dem Feiern loslegen. Was tritt jetzt alles an Schaden ein, wenn das nicht möglich ist?

Der Vertragsschaden ist nicht so groß. Wir hatten grandiose Übernachtungszahlen bis Februar im Elbland. Es sah alles nach einem traumhaften Jahr aus. Wobei die guten Monate da ja noch vor uns lagen. Durch Corona ist alles anders. Der wirtschaftliche Umsatz und noch mehr der Imageschaden – das ist kaum zu beziffern.

Die Landesbühnen bauen in Rathen, die Stadt Radebeul wollte den Grund wieder beleben. Das geht jetzt nicht mehr zusammen. Ist damit das gesamte Projekt gestorben?

Nein. Im nächsten Jahr wird noch in Rathen gebaut. Wir werden deshalb auf jeden Fall mit „Der Lößnitzgrund ruft“ starten. Der Grund war ja bis in die 1920er- und 30er-Jahre das Naherholungsgebiet der Region. Das wollen wir stückweise wieder beleben. Dazu trägt bei, wenn die Landesbühnen hier - wenn auch ausweichsweise - ihre Winnetou-Stücke spielen. Es ist also nur ein Jahr verschoben.

Interview: Peter Redlich

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