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Beständig ist nur der Wandel

Wenn Jutta Poberschien in Großenhain nächstes Jahr mit ihrer Gaststätte im Berliner Bahnhof das 40-jährige Betriebsjubiläum feiert, wird höchstens entfernt das Rattern durchfahrender Züge zu hören sein.

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Von Peter Anderson

Wenn Jutta Poberschien in Großenhain nächstes Jahr mit ihrer Gaststätte im Berliner Bahnhof das 40-jährige Betriebsjubiläum feiert, wird höchstens entfernt das Rattern durchfahrender Züge zu hören sein. Am 14. Dezember voriges Jahr hielt zum letzten Mal offiziell ein Zug am Berliner Bahnhof. Seit diesem Stichtag läuft sämtlicher Personenverkehr per Eisenbahn über den Cottbusser Bahnhof. Der ist allerdings noch Baustelle. Später, sagt Poberschien, soll er einmal einen Imbiss bekommen.

Die Großenhainerin steht mit ihrem Schicksal nicht allein. Seit Mai 1998 sind auch Hans-Jürgen Raschke in Lommatzsch und Carsten Gallschütz in Ziegenhain nur noch dem Namen nach Bahnhofswirte. Am 23. Mai vor fünf Jahren stellte die Deutsche Bahn den Verkehr auf der Strecke Riesa – Lommatzsch – Nossen ein. „Wenn nicht die Alten noch zu mir kommen würden mit ihren Familienfeiern, sähe es düster aus. Die Jugend geht doch lieber bowlen als in einem still gelegten Bahnhof zu feten“, sagt Gallschütz.

Wer in Meißen den Mut aufbringt, vom Zug kommend in der Bahnhofshalle durch die Schwingtür rechts das Bahnhofsrestaurant zu betreten, wird mit einer Zeitreise belohnt. Ein mit dunklem Holz getäfelter hoher Speisesaal nimmt den Gast auf, und eine breite Treppe schwingt zur Empore hinauf. Der Treppenpfosten wird von einer hölzerne Putte des Meißner Bildhauers Georg Türke bekrönt. „Das Holz haben wir erst vor vier Jahren neu lackiert“, sagt Steffen Heinrich, der Wirt des Meißner Bahnhofsrestaurants „Saxonia“. Den Namen hat er von der ersten einsatzfähigen deutschen Lokomotive übernommen. Mit ihr wurde am 7. April 1839 die Eisenbahnlinie Dresden – Leipzig eröffnet. Damit begann die Hoch-Zeit der Bahnhofsgaststätten im Elbland. Genau genommen sogar bereits ein Jahr eher. Louis Heine, Inhaber der Traditionsgaststätte „Goldenen Weintraube“ in Radebeul, errichtete 1838 am Endpunkt der von Dresden kommenden Eisenbahn-Probestrecke ein Restaurant für die ersten Bahnreisenden und nannte es „Kleine Weintraube“.

Einstmals das vornehmste Haus am Platze

„Die Wartezeiten waren damals oft länger als heute“, sagt die Dresdner Bahnsprecherin Helga Kuhne. Um den Reisenden ihre Zeit möglichst angenehm zu vertreiben, entstanden in Nähe der Bahnsteige Hotels, Restaurants und Läden. Der Bahnhof wurde zum Dienstleistungs-Zentrum. „Schmückende gärtnerische Anlagen oder Parks, mit Ruhebänken in Bahnhofsnähe, wurden geschaffen, um dem ankommenden Reisenden einen erste angenehmen Eindruck des Ortes zu vermitteln.“ So beschreibt es der ostdeutsche Bahn-Historiker Manfred Berger in seinem Buch „Historische Bahnhofsbauten in Sachsen“.

„Die Funktion des Bahnhofs hat sich gewandelt“, sagt Kuhne. Die meisten Fernreisenden sitzen lieber allein im Auto, als zu sechst mit wildfremden Menschen in einem Abteil. Die spiegelverglasten ICEs rasen ohne Halt über die Landschaft hinweg. Ein Fortschritt, der vielen Bahnhofsgaststätten das Rückgrat gebrochen hat. Überleben konnte nur, wer den Wandel zur Wohngebietsgaststätte schaffte.

Andreas André kennt die Bahnhofsgaststätte in Coswig von Kindesbeinen an. Seite sechs Jahren ist er selbst Bahnhofswirt. „Als Jungs haben wir Flaschen gesammelt“, erinnert er sich. Am Nachmittag sei jeder Platz besetzt gewesen. Bevor es mit dem Zug nach Hause ging, tranken die Arbeiter aus den vielen Betrieben im Industriegebiet Kötitz im Bahnhof ihr Feierabend-Bierchen. Ein noch etwas wilderes Zeremoniell ist aus Riesa überliefert. Wenn für die Stahlwerker der Nachschicht früh der Feierabend läutete, ging in der Riesaer Mitropa das erste Pils schon kurz nach Sonnenaufgang über den Tresen.

In den letzten Jahren ist es eher selten geworden, dass sich ein Reisender zu André verirrt. Der Bahnhofswirt musste sich andere Standbeine suchen. „Der Gehörlosenverein kommt regelmäßig zu mir feiern. Silvester zieh’n wir jedes Jahr groß auf“, sagt André. Dem Coswiger Karneval Club hat er die Bahnhofshalle für Proben zum Faschingsprogramm vermittelt.