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Pirna

Ein toter Briefkasten beim Bestatter

Corona macht das Sterben komplizierter. Die Bestatterzunft fühlt sich im Stich gelassen.

"Wir werden stiefmütterlich behandelt." Der Pirnaer Bestattermeister Uwe Billing kritisiert, dass seine Zunft noch immer nicht zur "kritischen Infrastruktur" gezählt wird.
"Wir werden stiefmütterlich behandelt." Der Pirnaer Bestattermeister Uwe Billing kritisiert, dass seine Zunft noch immer nicht zur "kritischen Infrastruktur" gezählt wird. © Norbert Millauer

Es klingt komisch. Aber zum Lachen ist Bestattermeister Uwe Billing keineswegs, wenn er erzählt, dass es jetzt in seiner Firma einen toten Briefkasten gibt. Dieser "Todesfall" geht auf die Rechnung von Corona. Um  Ansteckung auszuschließen, deponiert der Chef Papiere und Kleidung für die Leichenversorgung in einer Box im Abschiedsraum. Erst wenn er weg ist, kommen die Träger und nehmen die Dinge an sich. Wollte der Chef im Betrieb mal nach dem Rechten sehen, er könnte es höchstens nachts tun.

Bestatter und Corona, ein Paar, das sich dem Anschein nach verträgt. Gestorben wird immer. Doch der Pirnaer Bestattungsunternehmer Uwe Billing lächelt bitter. Der Umgang mit dem Tod ist komplizierter geworden. Und er kostet mehr. Damit seine Firma im Falle einer Infektion nicht komplett ausfällt, hat er aus der Belegschaft zwei streng getrennte Teams gemacht, die sich den Arbeitstag teilen. Pro Kopf wird kürzer gearbeitet, für das selbe Geld. "In den sauren Apfel müssen wir beißen", sagt Billing.

Wir helfen Händlern der Region Sächsische Schweiz Osterzgebirge
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Corona ist bedrohlich. Für die Gesundheit, aber auch für Händler und Gewerbetreibende vor Ort. Hier können Sie helfen – und haben selbst etwas davon.

Was ihn vor allem wurmt, ist, dass der Staat die Bestatter noch immer nicht in seiner "Sektorenliste Kritische Infrastruktur" führt. Dadurch hat es die Zunft schwerer als etwa der medizinische oder der Pflegebereich, an Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel zu kommen. Und Notbetreuung im Kindergarten gibt es, streng genommen, für seine Berufsgruppe auch nicht.

Urnen im Schauraum der Firma Billing: Die Beisetzung wird jetzt häufig bis nach Corona vertagt, in der Hoffnung auf einen würdigeren Abschied.
Urnen im Schauraum der Firma Billing: Die Beisetzung wird jetzt häufig bis nach Corona vertagt, in der Hoffnung auf einen würdigeren Abschied. © Norbert Millauer

Für Uwe Billing ist das ein Beleg mehr dafür, dass die Gesellschaft mit dem Tod ein Problem hat. "Wir werden schlichtweg vergessen." Er selbst hatte Glück und konnte seinen vierjährigen Sohn trotzdem unterbringen, weil der Kita-Träger sich kulant zeigte. Einer von Billings Angestellten hingegen fehlt nun, weil er keinen Betreuungsplatz erhielt. Was soll denn werden, fragt der Bestatter, wenn man die Toten nicht mehr abholen könne. "Dann ist Seuchengefahr."

Sachsenweit hat die Bestatterinnung 122 Mitglieder. Obermeister ist Tobias Wenzel aus Marienberg. Er lobt den Zusammenhalt in der Branche. Man hilft sich untereinander und wird auch von außen unterstützt. So kamen neulich fünfeinhalbtausend Flaschen Händedesinfektionsmittel, gespendet vom Kosmetik-Riesen Beiersdorf, bei der Bestatterzunft an. "Da haben wir uns sehr drüber gefreut."

Prinzipiell sei die Innung gut genug aufgestellt, die momentane Situation zu beherrschen, sagt Tobias Wenzel. Doch rechnet er mit einem deutlichen Anstieg der Sterbefälle wegen Corona, zusätzlich zum laufenden Geschäft. Jede Hand bei den Bestattern werde gebraucht. Das sei "weiter oben" offenbar noch nicht angekommen. Er will zwar keine italienischen Verhältnisse heraufbeschwören, sagt er. "Aber es wird mehr."

Nachrichten aus dem sächsischen Sozialministerium hatten zuletzt Hoffnungen genährt, dass das Bestattungswesen bis Ostern in die Liste der kritischen Infrastruktur aufgenommen sein könnte. Auf Nachfrage der SZ am Montag sagte eine Referentin, man könne noch keinen genauen Tag für das Inkrafttreten der überarbeiteten Sektorenliste nennen. "Wir versichern aber, dass die beteiligten Beschäftigten daran mit Hochdruck arbeiten."

Bis auf einen Fall hat es im Landkreis noch keine Corona-Toten gegeben. Für den Umgang mit Covid-19-Verstorbenen gelten pro forma dieselben Richtlinien wie für Tote, die an anderen ansteckenden Krankheiten litten, etwa an Influenza. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt dennoch besondere Maßnahmen zum Eigenschutz, etwa Filtermaske, Schutzkittel, Schutzbrille und natürlich strikte Händedesinfektion. 

Grundsätzlich macht sich Uwe Billig in Pirna keine Sorgen, sollte sein Unternehmen mit Covid-19-Fällen zu tun kriegen. Vieles, was die Hygiene betreffe, sei ohnehin tägliches Geschäft. Tote, wenn auch infiziert, husten niemanden an und tun auch sonst kaum etwas Unerwartetes, sagt er. "Die Lebenden sind da gefährlicher." 

Was Billing Sorgen macht, ist der Nachschub an Desinfektionsmittel. Zwar gibt es überall im Betrieb und in den Büros Spender, aber nicht immer Flaschen, sie zu füllen. Bewährte Lieferanten heben die Hände. Deshalb klickt sich der Chef durchs Internet, um irgendwo irgendwas zu kriegen. Das tun andere auch. Die Preise explodieren. Früher kosteten fünf Liter Desinfektionslösung vierzehn, fünfzehn Euro, erzählt er. Neulich sei ihm dieselbe Menge für das Zehnfache angeboten worden.

Beileidsbekundungen schreiben darf jeder. Persönlich den Verstorbenen verabschieden ist momentan nur im kleinsten Kreis erlaubt.
Beileidsbekundungen schreiben darf jeder. Persönlich den Verstorbenen verabschieden ist momentan nur im kleinsten Kreis erlaubt. © Norbert Millauer

Das Sterben wird schwieriger. Und das Trauern auch. Auf vielen Friedhöfen sind die Kapellen geschlossen. Oder es stehen genau jene fünfzehn Stühle für die erlaubten fünfzehn Trauergäste bereit. Wer keine Sargbestattung wünscht - hier muss innerhalb von acht Tagen beigesetzt werden -, kann die Asche seiner Lieben aufbewahren, bis nach Corona. 

Obermeister Wenzel schätzt, dass etwa die Hälfte der Urnenbestattungen aufgeschoben wird. Im Institut Korom in Freital geht man sogar von 80 Prozent aus. Auch Uwe Billing in Pirna rechnet fest damit, dass sich sein Urnenlager füllt. Bis zu sechs Monate dürfen die Aschebehältnisse aufgehoben werden. Dafür nimmt er kein extra Geld. "Die Angehörigen können ja nichts dafür."

Zu diesen Angehörigen gehört zum Beispiel Annett Friedrich. Sie wohnt am Tharandter Wald und hat Mitte März ihren Vater verloren, nicht an Corona, sondern an die Demenz. Die Beisetzung der Urne hätte still und leise und praktisch ohne Gäste stattfinden müssen. "Mein Vater war ein offener Mensch, der gern im Mittelpunkt stand", sagt Frau Friedrich. "Er hätte nicht gewollt, dass wir nur zu viert an seinem Grab stehen."

So hat auch sie sich für die Verschiebung der Feier entschlossen, auch auf die Gefahr hin, dass dann bei manchen der Schmerz wieder hochkommt. Sie nutzt die Zeit, um den Abschied vorzubereiten, hat ein schönes Foto ausgesucht, einen Rahmen, eine Kerze, die Musik. Und für den Fall, dass die Friedhöfe nach dem Virus im Akkord benutzt werden, hat sie auch schon vorgesorgt. "Ich stehe ganz oben auf der Warteliste."

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