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Bestens vorgesorgt – von wegen

Noch funktioniert das Modell Lebensversicherung. Doch die Sparer müssen sich auf weiter sinkende Erträge einstellen.

Von Wolfgang Mulke

Gespannt wartet die Versicherungsbranche in jedem Jahr auf eine Mitteilung des größten Unternehmens ihrer Zunft, der Allianz. Im Dezember gibt der Primus unter den Lebensversicherern seine Verzinsungsprognose für das folgende Jahr bekannt. Das ist der Maßstab für die Konkurrenten. Die jüngste Nachricht der Münchner lässt die Kunden hoffen. Die Verzinsung bleibt auch 2014 bei 4,2 Prozent.

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Jene Sparer, die bei neuen Verträgen auf eine garantierte Rendite verzichten, können sogar mit 4,5 Prozent rechnen. Angesichts der Niedrigzinsphase auf den Kapitalmärkten überrascht die Stabilität selbst Fachleute. „Es zeigt, dass die Allianz ein Signal setzen will“, sagt Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata. Zuvor hatte mit der Versicherung Alte Leipziger schon eine weitere Branchengröße gleichbleibende Erträge in Aussicht gestellt.

Nachdem die Unternehmen im vergangenen Jahr reihenweise ihre Überschussbeteiligung zurückfuhren, deutet in diesem Jahr alles auf eine Verschnaufpause hin. Im Vergleich zum Sparbuch oder zu Festgeld sind Kapitallebensversicherungen oder private Rentenversicherungen noch vergleichsweise gute Anlagen. Rund 3,6 Prozent warfen sie im vergangenen Jahr durchschnittlich ab, und das bei einem Leitzins der Zentralbank von nur noch 0,25 Prozent. „Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen“, glaubt Heermann. Kapitalkräftige Konzerne wie die Allianz können sich attraktive Renditen für ihre Versicherten noch leisten.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob das für die kleineren Anbieter auch gilt. Denn das Modell Lebensversicherung, die in Deutschland mit 90 Millionen Verträgen weiterhin beliebteste Geldanlage, steht erheblich unter Druck. Der Garantiezins ist von vier Prozent in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf mittlerweile 1,75 Prozent zusammengeschmolzen. Kunden, deren Verträge jetzt fällig werden, erhalten am Ende der Laufzeit oft einen viel geringeren Betrag ausbezahlt, als ihnen der Versicherungsvertreter beim Abschluss des Vertrages einst in Aussicht gestellt hat. Dabei geht es bisweilen um viele Tausend Euro Differenz zwischen Prognose und Ergebnis.

Pleiten sind möglich

Auf mittlere Sicht droht ein weiterer Rückgang der Überschüsse, die den Kunden gutgeschrieben werden. Denn es fehlt den Unternehmen wie privaten Sparern auch an ausreichend vielen Möglichkeiten für eine lukrative Geldanlage. Die Anbieter müssen aber alte Garantieversprechen einlösen. Diese Zusagen können immer schwerer eingehalten werden. Selbst die Bundesbank warnt schon vor Risiken für die Branche. Dazu kämpfen die Versicherer noch mit einem zweiten Problem. Die Sparer, deren Verträge jetzt auslaufen oder die ihre Police kündigen, haben einen Anspruch auf eine Beteiligung an den sogenannten Bewertungsreserven des Anbieters. Das sind in der Regel reine Buchgewinne, die später nicht realisiert werden, die Unternehmen aber teilweise auszahlen müssen. Das zehrt weiter an der Substanz.

Vorerst wird sich an dieser Belastung der Versicherungen auch nichts ändern. Laut Bundesfinanzministerium ist frühestens 2014 mit einer Änderung des Gesetzes zu rechnen. Finanzminister Wolfgang Schäuble hat schon durchblicken lassen, dass den Versicherern geholfen werden soll. Auf lange Sicht halten auch die Experten des Bundes Pleiten von einzelnen Unternehmen für möglich.

Von einer vorschnellen Kündigung raten sowohl Verbraucherschützer als auch Analyst Heermann ab. Denn dabei entgeht den Sparern trotz einer hohen Beteiligung an den Bewertungsreserven meist viel Geld. Auch verweist Heermann auf die Steuerfreiheit für die Erträge aus den vor 2005 abgeschlossenen Policen. Zur Gelassenheit kann auch die Einschätzung der Finanzaufsicht beitragen. Die Behörde hat im Herbst noch einmal festgestellt, dass die Lebensversicherer ihre Zusagen noch längere Zeit einhalten können, auch wenn die Zinsen niedrig bleiben.