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Bester Freund und Lieblingsfeind

Was Ralf Minge für Dynamo bedeutet, ist Helge Leonhardt in Aue – das Gesicht des Vereins. Und die beiden Männer verbindet noch viel mehr.

Fester Handschlag, noch festerer Blick. Doch der Eindruck täuscht, Helge Leonhardt und Ralf Minge können mehr als nur gut miteinander.
Fester Handschlag, noch festerer Blick. Doch der Eindruck täuscht, Helge Leonhardt und Ralf Minge können mehr als nur gut miteinander. © Eibner/Bert Harzer

Die Diagnose für Dynamos wichtigsten Mann kommt ausgerechnet aus Aue. Viel ist ja immer wieder gerätselt worden über den Gesundheits- und auch Gemütszustand von Ralf Minge, nachdem sich Dynamos Sportchef vor anderthalb Jahren von jetzt auf gleich krankheitsbedingt aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste. Und auch Helge Leonhardt hatte sich damals nicht nur Gedanken, sondern ernsthafte Sorgen gemacht.

Erzgebirge Aues wortgewaltiger Präsident ist es dann auch gewesen, der nach Minges Rückkehr im Juli 2018 endgültig Entwarnung geben konnte. Er habe ihn bei einer Geburststagsfeier gesehen, erzählte Leonhardt und stellte genüsslich wie erleichtert fest: „Ralf hat wieder geraucht und getrunken. Es sieht gut aus.“

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Die Lacher hatte er damit natürlich auf seiner Seite, und mancher wird die unverhofften Einblicke in Minges Privatleben womöglich sogar als üble Nachrede empfunden haben. Schließlich geht Aue mittlerweile in Dresden locker als Erzrivale durch. „Helge“, entgegnet Minge indes, „ist immer geradeaus und hat seinen ganz speziellen Humor.“

Eine Erklärung fürs Unvorstellbare

Was man noch wissen muss: Die beiden Männer verbindet eine dicke Freundschaft. „Die hält inzwischen schon fast 25 Jahre, unüberlicherweise oder besser gesagt: Eine wahre Männerfreundschaft – Gott sei Dank“, meint Leonhardt. Obwohl sich der Fußball in den Jahren immens verändert hat, der Druck in der Branche stetig zunimmt und die Rivalität zwischen den Vereinen insbesondere von den Fanlagern geradezu zelebriert wird, ist der Kontakt ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten und wirkt fast wie eine komische Konstante. Ein Anachronismus.

Minge, Legende und Gesicht von Dynamo Dresden, eng befreundet mit Helge Leonhardt, der zusammen mit seinem Bruder Uwe das kleine Aue zu einer angesehenen Adresse im deutschen Profifußball gemacht hat und damit überhaupt erst zum ernsthaften Konkurrenten für die Kicker aus der sächsischen Landeshauptstadt!? Eigentlich nicht möglich.

Minges Erklärung für das Unvorstellbare ist ein Blick zurück, einer in seine aktive Zeit. „Es ist ja witzig, wie diese Rivalität heutzutage gelebt wird. Zu DDR-Zeiten gab es die gar nicht, im Gegenteil. Wir haben mit den Aue-Spielern wie Harald Mothes und Jörg Weißflog nach dem Spiel in der Kabine ein Bierchen zusammen getrunken“, erzählt der 58-Jährige im Interview für das Buch „Vergessene Helden“, das im November erscheint und sich mit Dynamos Bundesliga-Zeit befasst. Dass Minge als Trainer nach seiner Entlassung in Dresden im Sommer 1995 direkt nach Aue wechselte, war vor einem Vierteljahrhundert deshalb gar kein Problem. „Für Aue sprach die räumliche Nähe. Zu meinem zweiten Spiel war ich dann wieder hier in Dresden (Dynamo verlor das Regionalliga-Spiel mit 1:3/d. A.), wurde von den Fans vor dem Anstoß mit Blumen verabschiedet, aber auch von den Aue-Anhängern gefeiert. Das war charmant, daran erinnere ich mich gerne“, erinnert sich Minge.

Größere Worte wählt Leonhardt. „Ralf ist ein Sympathieträger, eine Fußballlegende. Das war damals etwas ganz Tolles für uns, dass er nach Aue kam“, sagt er und erzählt, dass sich damals vor allem auch die Familien angefreundet haben. „Ich kenne Ralfs Kinder, habe begleitet, wie sie groß geworden sind, er kennt meine. Da ist wirklich eine richtige Freundschaft auch zwischen den Familien entstanden, die ich sehr schätze, obwohl wir uns relativ selten sehen“, betont Leonhardt.

Umso schmerzlicher, sagt der 60-Jährige heute noch, sei die Entlassung Minges gewesen. Nach nicht mal einer Saison war Schluss. „Die Freundschaft ist das eine, der Dienst am Sport und insbesondere der Profifußball das andere. Das muss man trennen können“, meint Leonhardt – was Minge bestätigt. „Es ist nicht so, dass wir uns täglich anrufen, auch nicht alle zwei Wochen. Wir tauschen auch keine Interna aus. Das ist eine private Geschichte, eine sehr verlässliche noch dazu. Man hat selten so viel Vertrauen bei Personen in der Branche, von denen man dann auch ehrliches Feedback bekommt“, erklärt Minge.

Und die Entlassung damals im April 1996? Ein Stück weit auch seine Schuld, wie Minge jetzt gesteht. „Ich hatte es noch nicht verarbeitet, was in Dresden passiert war. Deshalb habe ich gebeten, den Vertrag zum Saisonende zu beenden. Aber das Konsortium um die Leonhardt-Brüder hat zu null abgestimmt, dass ich zu bleiben habe“, erzählt er vom Beschluss, der ihn eher noch unglücklicher machte: „Mit der Situation bin ich nicht klargekommen. Ich hatte eine kleine Wohnung in Schwarzenberg, saß dort alleine, die Familie war nicht bei mir. Das Problem war ich selber, ich war mit mir noch nicht im Reinen. Als dann die Ergebnisse nicht mehr stimmten, musste der Verein reagieren.“

Duell am Sonntag auf Augenhöhe

Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen, meint Leonhardt, doch die Freundschaft danach noch größer und damit verbunden auch die Wertschätzung für die Arbeit des jeweils anderen. „Ich weiß, was im Haifischbecken Bundesliga zu leisten ist, das ist im Laufe der Jahre immer extremer geworden und hat gerade in den letzten fünf Jahren seinen Höhepunkt erreicht“, sagt Leonhardt und vergleicht: „Beide Vereine haben sich hervorragend entwickelt und eine hervorragende Infrastruktur geschaffen. Dresden hat es uns mit dem Stadionumbau vorgemacht, wir haben mit unserem neuen Stadion und dem Trainingszentrum nachgezogen. Jetzt sind Dynamo und Aue auf Augenhöhe – und das ist gut so.“ Was die Vereine verbindet, ist für Leonhardt daher nicht die Rivalität, sondern vor allem die Tradition, „die übergeht in Wettbewerb und Konkurrenz“. Aue gegen Dynamo – das sei im Moment der letzte große Klassiker im Osten.

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Entscheidend im Duell am Sonntag, ergänzt Minge, seien deshalb nicht zuletzt Matchglück und Tagesform. Doch egal, wie das Spiel endet, die Verabredung danach steht, wenn, so Minge, „die Akkus ein bisschen abgekühlt sind“. Die Frauen haben das gemeinsame Essen arrangiert, und natürlich freuen sich auch die Männer darauf. „Selbst, wenn dabei die Laune bei einem von uns nicht so gut sein könnte. Denn auch Launen sind ergebnissabhängig“, sagt Leonhardt.

Ziemlich sicher ist, dass auch wieder geraucht wird. Und Bier soll es ebenfalls geben. Sieht also wirklich gut aus.

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