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Warum der Rosenmann Tulpen ins Heim schickt

Wochenlang durften Bewohner von Pflegeheimen keinen Besuch empfangen. Im Zentralhospital Görlitz gab es trotzdem viel Aufmerksamkeit.

Jana Nickolmann ist Leiterin des Zentralhospitals in Görlitz, einem Alten- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Oberlausitz.
Jana Nickolmann ist Leiterin des Zentralhospitals in Görlitz, einem Alten- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Oberlausitz. © Nikolai Schmidt

Jana Nickolmann kennt die meisten der 80 Bewohner des Zentralhospitals in Görlitz mit ihrem Namen, persönlich sowieso. Die Frau aus dem Schöpstal ist die Leiterin dieses Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt Oberlausitz (AWO). Über die Corona-Zeit sowie über viel Aufmerksamkeit sprach die SZ mit der Leiterin.

Frau Nickolmann, wegen der Corona-Pandemie gab es Verbote und viele Auflagen. Fiel es Ihnen schwer, sie umzusetzen?

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Sehr schwer sogar. Wir sind ein offenes Haus mit einem Konzept, das den Bewohnern viele Angebote macht und Freiheiten gibt. Außerdem haben wir immer viele Besucher, aber auch Schüler und Praktikanten im Haus. Doch plötzlich mussten wir den Alltag umstellen, da es Kontaktsperren und ein Besuchs- und Betretungsverbot gab. Familie,  Freunde und Praktikanten durften nicht mehr ins Haus. Auch draußen gab es lange keine Treffen. Die Bewohner durften nicht mehr in die Stadt, nicht in die Bibliothek oder einfach etwas einkaufen. Sie konnten sich nur auf unserem Gelände bewegen. Dieses ist zwar recht groß, aber wenn man es nicht verlassen darf, ist das eine Einschränkung. Vor allem unsere an Demenz erkrankten Bewohner können nicht verstehen, warum jetzt so vieles anders ist.

Und jetzt? Seit einiger Zeit gibt es Ausnahmen vom Besuchsverbot, jetzt fällt es ganz, allerdings mit Auflagen.

Darüber sind wir sehr froh. Für die Bewohner bedeutet das, dass sie sich viel freier bewegen, mit Angehörigen einen Stadtbummel machen, ein Eis essen, vielleicht wieder mit in den Garten fahren können. Natürlich müssen die Auflagen erfüllt werden. Schon seit dem 25. April waren uns Ausnahmen vom Besuchsverbot erlaubt. Jeweils eine Person durfte sich im Außengelände mit einem Bewohner treffen. 

Apropos Auflagen. Haben die Besucher dafür Verständnis?

Viele Angehörige hielten sich selbstverständlich an die Auflagen. Einige haben sie offenbar nicht verstanden und die Regeln, die ja zum Schutz der Bewohner gelten, nicht geschätzt. Deswegen sind wir anfangs einen Schritt zurückgerudert und haben am Wochenende die erlaubten Besuche eingeschränkt. Das führte zu etlichen, teilweise unschönen Diskussionen. Wir müssen aber alle 80 Bewohner im Blick haben, nicht nur den einen, wie es möglicherweise der Angehörige tut.

Wir erwarten von den Besuchern ein gewisses Grundverständnis für besondere Maßnahmen in besonderen Zeiten. Schließlich gehören die Heimbewohner zu einer Personengruppe, die wegen ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen besonders gefährdet ist.

Die Schlagersängerin Nicci Schubert sang in der Corona-Zeit am Muttertag für die Bewohner des AWO -Pflegeheimes in Görlitz.
Die Schlagersängerin Nicci Schubert sang in der Corona-Zeit am Muttertag für die Bewohner des AWO -Pflegeheimes in Görlitz. © privat

Die AWO hatte kürzlich über viel Hilfsbereitschaft und Unterstützung während der größten Corona-Einschränkungen berichtet. Wie zeigte sich das im Zentralhospital?

Gleich zu Beginn des Besuchsverbots wurde uns Bläsermusik angeboten. Das Konzert draußen im Park mit drei Posaunenbläsern, natürlich mit Abstand, erfreute die Senioren. Zum Muttertag sang die Schlagersängerin Nicci Schubert im Park. Ein anderes Mal erreichten uns Tulpen vom Rosenmann, den viele Bewohner vom Wochenmarkt kennen.  Der Pelmang-Verein spendierte  Blumensträuße für das Heim und Süßigkeiten als Dank für die Mitarbeiter. 

Angehörige brachten Blumen für ihre Lieben im Heim vorbei, aber auch so manchen Strauß für Gemeinschaftsräume. Die Initiative "Freude schenken mit Wolle" schickte viele hübsche Sachen, darunter Strickdecken, die sich Rollstuhlfahrer über die Beine legen können, Socken, Sitzkissen und vieles mehr. Bettlägerige Heimbewohner wurden mit Mobiles erfreut. 

Der Cyrkus des Kulturbrücken-Vereins durfte mit behördlicher Genehmigung bei uns ein Programm zeigen. Das Quartiersmanagement stellte eine Fotoschau zur Verfügung, als die Bewohner nicht rausdurften, quasi unter dem Motto "Da kommt der Frühling eben ins Heim". Kinder aus umliegenden Kitas haben für Bewohner gemalt und gebastelt. Die Bilder hängen im Saal. Teilnehmer der Fortbildungseinrichtung BAO bastelten 80 Osternester. Ich könnte noch einiges mehr aufzählen. Es gab wirklich viel Aufmerksamkeit für unsere Bewohner. Dafür bedanke ich mich sehr herzlich.

Das gesellschaftliche Leben im Heim kam also nicht zum Erliegen. 

Nein. Wir hatten keinen Covid-19-Infektionsfall und so gab es auch keinen Grund für Einschränkungen. Gemeinsame Mahlzeiten fanden genauso statt wie Sport- oder Kochgruppen. Ich habe auch keine Bewohner mit Depressionen erlebt, wie das von anderen Heimen berichtet wurde.

Die Mitarbeiter haben viel mit den Bewohnern unternommen, sind oft im Park spaziert. Beispielsweise wurde Ende März eine Tover-Tafel gekauft. Dieses multimediale Mittel eignet sich gut für die Unterhaltung in kleinen Gruppen, indem Spiele auf einen Tisch projiziert werden. Soziale Kontakte mit Angehörigen wurden über Telefon und Skype aufrechterhalten. Für viele Bewohner war das eine neue Erfahrung. Wenn jetzt Besuche wieder möglich sind, geht das zwar zurück, aber wir überlegen, ob Skype weiterhin für Angehörige, die weit weg wohnen, angeboten wird. 

Das Zentralhospital ist bislang gut über die schwere Zeit gekommen. Worauf führen Sie das zurück?

Auf die gute Arbeit unserer Mitarbeiter. Das sind Pfleger, Betreuer und Mitarbeiter in Hauswirtschaft,  Haustechnik und Verwaltung, insgesamt rund 90, die meisten in Teilzeit. Bei ihnen bedanke ich mich sehr herzlich. Sie arbeiten unter zusätzlichen Belastungen, tragen zum Beispiel den ganzen Tag einen Mund-Nasen-Schutz. Und sie haben jetzt viel mehr Arbeit. Ich denke da nur mal an die gesamte Dokumentation der Besucher, die nötig ist. 

Wir sind auch froh, dass wir von einer Krankheitswelle bei den Mitarbeitern verschont blieben. Alle hielten sich auch zu Hause offensichtlich an Hygiene- und Abstandsregeln. Denn das Corona-Virus ist unsichtbar, jeder hätte es unbemerkt übertragen können. Wir sind sehr froh, dass wir bisher verschont blieben und hoffen natürlich, dass es so bleibt. Sobald uns die neuen Regelungen vorliegen, werden wir das notwendige Besuchs- und Hygienekonzept erstellen und umsetzen.

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