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„Beten ist für mich wie essen“

Gert Scharf ist seit einem halben Jahr Chef der Dresdner Heilsarmee. Der Kölner will das Wort Gottes auch hier unter die Leute bringen –und geht dabei ungewöhnliche Wege.

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Von Christian Dittmar

Durch den Aufenthaltsraum der Heilsarmee weht schon der Duft von deftiger Linsensuppe mit Knackern. Gert Scharf tritt in seiner dunkelblauen Uniform vor ein schmuckloses Holzkreuz, neben ihm hängt die schwarz-rote Flagge des Dresdner „Korps“ der Heilsarmee auf Halbmast. „Wie immer zuerst: die geistige Vorspeise“, sagt Scharf und blickt auf die abgewetzte Bibel in seinen Händen.

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Heute wird er aus dem Petrusbrief aus dem Alten Testament zitieren. Der Brief endet mit den Worten: „In unserem großen Erbarmen wurden wir zum zweiten Mal mit Leben erfüllt.“ Es geht also um das Thema Hoffnung. „Wer hat Hoffnung?“, fragt Gert Scharf in die 15-köpfige Runde. Nur zwei Hände gehen hoch.

Gerade diese weit verbreitete Hoffnungslosigkeit ist für Gert Scharf der größte Ansporn. Der gebürtige Kölner kam im August 2011 nach Dresden, um die über ein Jahr lang vakante Stelle des Chefs der hiesigen Abteilung der Heilsarmee anzutreten. Damals übernahm er zusammen mit seiner Frau Rosi die beiden Posten als „Divisions-Sergeanten“ – und damit auch die einzigen Arbeitsplätze mit Bezahlung, die die Heilsarmee in Dresden zu bieten hat. Alle anderen Helfer arbeiten dagegen ehrenamtlich für die Freikirche.

Nun gehören vor allem die Sozialarbeit im Tagestreff auf der Reicker Straße, die Betreuung der Kleiderkammer und Gottesdienste zu den Aufgaben von Gert Scharf und seiner Frau. Die Spezialität des Rheinländers ist dabei die Gemeindearbeit. „Beten ist für mich wie essen“, sagt er. Scharf gibt Bibelstunden, macht Musik mit den Besuchern des Heilsarmee-Treffs und hält auch die Andachten vor dem täglichen Mittagessen. Dabei geht er bevorzugt auf persönliche Erlebnisse ein.

„Auch ich hatte jahrelang die Hoffnung, dass unser kranker Sohn wieder gesund wird. Er redet aber immer noch nicht mit mir“, bekennt er in der heutigen Predigt. Er meint damit seinen Pflegesohn David, den er und seine Frau aufnahmen, als der Junge zehn Monate alt war. Zuvor war er von seiner alkoholkranken Mutter völlig vernachlässigt worden und kam ins Heim. Als er fünf war, stellte sich heraus, dass David Autist ist.

„Das war natürlich erst einmal ein Schock für uns“, erzählt Gert Scharf. Doch er und seine Frau begriffen nach und nach, dass David ebenso wie ihre drei leiblichen Kinder „ein Geschenk Gottes“ ist, wie Scharf es formuliert und „wuchsen an den Aufgaben“. Mittlerweile ist David aus der elterlichen Wohnung in eine betreute Gruppe für Autisten gezogen. Er ist zwar immer noch autistisch, aber geht jetzt zumindest offener mit Menschen um.

Doch wie findet man die Kraft, mit solchen Schicksalsschlägen umzugehen? Gert Scharfs eisblaue Augen blitzen hinter der altmodischen Brille auf. Er antwortet mit einem Bibelzitat. „Jesus hat gesagt: Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt er. „Wenn es wirklich hart wurde, mussten wir uns nur daran erinnern.“

Nach David kam Lukas

Und so nahmen die Scharfs nach David auch noch ein zweites Pflegekind an, das vorher bei einer alkoholkranken Mutter vor sich hinvegetiert hatte. Lukas ist mittlerweile 14 und wohnt zusammen mit Gert und Rosi Scharf in der kleinen Wohnung über dem Heilsarmee-Treff in der Reicker Straße. Im Gegensatz zu David ist er heute vollkommen gesund.

„Gott hat ein Interesse an jedem Einzelnen von uns und seinen Umständen. So absurd das auch klingen mag“, sagt Gert Scharf kurz vor dem Ende seiner Mittagspredigt. Wahrscheinlich ist es dieses Gottvertrauen, das den 54-Jährigen dazu bringt, außergewöhnliche Strapazen auf sich zu nehmen.

So fuhr er zum Beispiel während der Kältewelle Anfang Februar mit seinen Helfern Lothar Walter und Wolfgang Wenzel jede Nacht quer durch Dresden auf der Suche nach Obdachlosen. Doch wenn er einen Bedürftigen gefunden hatte, wollte der sich meist nicht helfen lassen und stattdessen seine Ruhe haben.

Doch solche Rückschläge kann Gert Scharf gut verkraften. Schon seit 36 Jahren ist er in der Heilsarmee, mit 18 entschied er sich bewusst für Gott. „Seitdem muss ich mir keine Sorgen mehr um dieses Leben machen“, sagt er und streichelt seinen schlohweißen Vollbart. Er hat sein Ziel gefunden. „Es lautet nicht: Mein Boot, mein Haus, mein Pferd. Sondern: Herauszufinden, was Gott mit mir vorhat.“

Gert Scharf beschließt die Mittagspredigt mit einem Gebet. „Und wie jeden Tag gilt: So wie ich gebe, so werde ich auch bekommen“, sagt er. Boris, ein alter Stammkunde, der nach der Wende aus der Sowjetunion nach Dresden gekommen war, geht zu Scharf und begrüßt ihn herzlich. Alle anderen Besucher fangen an zu essen.

Die Dresdner Heilsarmee bittet um Spenden: Kontonummer:162 524 0014, Bankleitzahl: 350 601 90, Bank für Kirche und Diakonie.