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Sachsen streitet über Sinn von Kopfnoten

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts löst eine Diskussion über den Sinn der Sekundärtugenden aus.

Noten für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit wurden in Sachsen ab dem Schuljahr 2000/2001 wieder eingeführt.
Noten für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit wurden in Sachsen ab dem Schuljahr 2000/2001 wieder eingeführt. © Robert Michael

Kultusminister Christian Piwarz (CDU) hält Kopfnoten für „zwingend notwendig“. „In Zeiten, in denen wir einen zunehmenden Werteverfall in der Gesellschaft beklagen, muss Schule mehr denn je auch ihrem Erziehungsauftrag nachkommen.“ Es sei völlig unverständlich, „wie man das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das spätere Berufsleben so wichtige Sozialverhalten infrage stellen kann“. Das Kultusministerium prüft die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes vor dem Oberverwaltungsgericht Bautzen anzugreifen.

Das Verwaltungsgericht Dresden hatte in einem Beschluss vom Montag festgestellt, dass Kopfnoten auf dem Abschlusszeugnis der 9. Klasse das Recht des Schülers auf freie Berufswahl verletzen könnten. Für so einen weitreichenden Eingriff brauche es ein Gesetz des Landtags. Bisher sind Kopfnoten aber nur in einer Verordnung des Kultusministeriums geregelt. Das sei verfassungswidrig. In Sachsen werden seit dem Schuljahr 2000/01 die Sozialkompetenzen von Schülern bis zum ersten Halbjahr der zehnten Klasse bewertet. Benotet werden Betragen, Mitarbeit, Fleiß und Ordnung auf einer Skala von sehr gut bis mangelhaft. Die Einschätzung fällen alle Lehrer, die die Schüler der Klasse unterrichten.

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Der Präsident des Sächsischen Handwerkstages, Roland Ermer, kann über die Diskussion nur den Kopf schütteln. „Wir Inhaber von Ausbildungsbetrieben im Handwerk haben es begrüßt, dass Sachsen Kopfnoten wieder eingeführt hat.“ Die Gegenargumente seien völlig überzogen. „Kein Ausbildungsbetrieb entscheidet ausschließlich auf Basis von Kopfnoten in einem Schulzeugnis, ob mit einem Ausbildungsplatz-Bewerber ein Vertrag zustande kommt oder nicht“, sagt Ermer. Zwar geben die Kopfnoten einen ersten Anhaltspunkt über den bisherigen Werdegang des potenziellen Azubis, letztlich komme es aber immer auf den persönlichen Gesamteindruck an.

Auch für die Schulen haben Kopfnoten eine Berechtigung. „Sie geben Aufschluss über die Persönlichkeitsentwicklung des Schülers und spielen eine nicht unwichtige Rolle“, sagt Michael Ufert, Schulleiter der Zille-Oberschule Radeburg. Kopfnoten können ein Kriterium für Arbeitgeber sein, aber sie seien bei weitem nicht das Einzige. „Hinterlassen die Jugendlichen einen positiven Eindruck, treten Kopfnoten in den Hintergrund“, sagt der Vorsitzende des sächsischen Schulleiterverbandes.

Man sollte die Wirkung der Kopfnoten nicht überschätzen, meint Thomas Langer, der Vorsitzende des Berufsverbands für Gymnasiallehrer. Sie seien vor allem eine Rückmeldung für die Eltern. „Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, wie sich ihre Kinder in der Schule verhalten.“

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Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kritisierte das Urteil. „Wir werden in der nächsten Instanz sehen, wie das ausgeht.“ Er sieht viele Gründe, an dem bewährten Prinzip der Kopfnoten festzuhalten, um die Sozialkompetenz von Schülern zu beurteilen. Schule sei nicht nur zur Wissensvermittlung da, sondern habe auch einen Erziehungsauftrag. „Uns liegt sehr daran, diesen Erziehungsauftrag eher noch zu stärken, als zu schwächen“, sagte Kretschmer. „Ich sehe da die Mehrheit der Eltern auch eher auf meiner Seite.“