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Betreuung künftig mit weniger Geld leisten

1992 wurde in Pirna ein Verein gegründet, der sich die ergänzende Betreuung psychisch Kranker auf die Fahnen geschrieben hat. Drei Jahre später wurde Jörg Stange Geschäftsführer. Wie er die Arbeit selbst erlebt, was für ihn Erfolge sind und welche Probleme er hat, darüber sprach die SZ mit ihm.

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Wie verkraften Sie die Arbeit mit psychisch Kranken?

Als Geschäftsführer bin ich nicht immer unmittelbar mit den zu Betreuenden im Kontakt. Die Arbeit ist vielseitig und interessant. Natürlich gibt es auch persönlich belastende Momente, die stets eine neue Herausforderung darstellen.

Worin bestehen die Probleme?

Sie ergeben sich zum Beispiel dadurch, dass die von uns Betreuten große Probleme im Erkennen rechtlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge haben. Für viele ist der Übergang von einem Sozialsystem ins andere noch nicht vollzogen. Sie haben sich immer aufgehoben gewusst. Heute müssen sie zum Beispiel selbst Anträge stellen.

Können sie das allein?

Teilweise ja, ansonsten mit unserer Hilfestellung. Wir sorgen dafür, dass ihre Rechte gewahrt bleiben.

Welche Rolle spielen die Angehörigen psychisch Kranker?

Sie sind sehr wichtig, die Betroffenen brauchen die emotionale Anbindung. Aber es gibt leider sehr viele Klienten, die von ihrem familiären und häuslichen Umfeld sehr isoliert sind.

Wie reagiert die Öffentlichkeit heute auf psychisch Kranke?

Anfang der 90er Jahre war das Verständnis größer. Seit 2000 ist es bei zunehmender Knappheit der öffentlichen Mittel auch schwerer geworden, Partner für die Arbeit zu finden. Auch die öffentliche Lobbyarbeit ist schwerer. Inzwischen würde es die Bevölkerung akzeptieren, wenn Mittel in diesem Bereich gekürzt würden. Es gibt in Sachsen schon Einrichtungen, die schließen mussten. Da gab es wenig Proteste, es wurde so akzeptiert.

Steht Ihnen ähnliches bevor?

Ich spüre auch hier in den Gesprächen mit dem Landkreis und den Verantwortlichen, dass eine Kürzung der Mittel nicht mehr ausgeschlossen wird, wenngleich wir bisher verschont blieben.

Was würde das bedeuten?

Betroffen wären zuerst die Kontakt- und Beratungsstellen, da hauptsächlich Personalkosten gekürzt werden. An den Sachkosten kann nicht mehr gespart werden.

Mit welchen Argumenten wollen Sie Kürzungen abwenden?

Wird in der ergänzenden Betreuung gekürzt, gehen die Verantwortung und damit die Kosten wieder an die Krankenkassen, weil die Menschen öfter in medizinische und stationäre Behandlung müssen. Das bedeutet einen viel höheren Aufwand. Es sieht eben oft jeder nur seine Kasse.

Wie haben sich die Schwerpunkte Ihrer Arbeit verändert?

Nach der Wende haben wir zuerst die Menschen, die in der Lage waren, im Betreuten Wohnen zu leben aus Langzeiteinrichtungen wie Arnsdorf und dem Pflegeheim Struppen geholt. Im Betreuten Wohnen ist ihre Selbstbestimmung höher. Daran hat sich nichts geändert. Heute sehen wir das ambulant betreute Wohnen als weiteren Schwerpunkt. Das sind psychisch Kranke, die überwiegend zu Hause leben, aber regelmäßig von uns betreut werden. Das sind derzeit 55 Betreute. Hinzu kommt die Hilfe für die, die täglich Betreuung brauchen. Dazu dient die sozialtherapeutische Wohnstätte, die wir bald in Neustadt eröffnen. Hier bereiten wir die Kranken auf eine Integration in der Gesellschaft vor. Das hängt immer vom Einzelnen ab.

Wie oft gelingt die Integration?

Etwa zehn Prozent der Frauen und Männer schaffen den Sprung zurück. Das ist schon sehr viel. Jeder, der es schafft, ist ein Erfolg.

Wie sehen Sie die Hilfe für psychisch Kranke in zehn Jahren?

Eine andere Trägerschaft kann ich mir nicht vorstellen, da unser Verein sehr effizient und erfolgreich arbeitet. Die Fallzahlen werden zudem nicht zurückgehen. Im Gegenteil. Wir werden uns darauf einstellen müssen, Betreuung mit weniger Mitteln zu erbringen. Deshalb überlegen wir, wie wir sie noch effektiver organisieren können. Die ambulanten Dienstleistungen müssen ausgebaut werden.

Der November ist für psychisch Kranke ein schwieriger Monat. Können Sie das bestätigen?

Bei manisch Depressiven ist das Wetter durchaus ein Faktor, der sich negativ auswirkt. Viele begeben sich zwischen November und Februar in stationäre Behandlung.

Das Gespräch führte Heike Sabel.