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Betrogener Bauunternehmer wird zum Bankräuber

Die Region erlebte Ende der 90er-Jahre mehrere Banküberfälle. Die Geschichte wirft ein spannendes Licht auf die Gesellschaft.

© Bernd Goldammer

Von Bernd Goldammer

Arnsdorf. Kurz vor Dienstschluss stand er plötzlich in der Arnsdorfer Sparkasse. Ein pistolenähnlicher Gegenstand war auf die Bankangestellten gerichtet, wird es später im Polizeibericht heißen. Wortkarg fordert der Maskierte den Bargeldbestand an Scheinen. Ende November 1998 trauten viele Arnsdorfer ihren Augen nicht, als sie in der SZ-Wochenendausgabe lasen, dass die Filiale ihrer Sparkasse überfallen worden war … Der Täter ging unter dem Namen „Rotkäppchen“ in die Geschichte ein; weil er eine rote Maske trug.

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Etwa 10 000 Mark soll der Täter erbeutet haben. Sein Gesicht sei maskiert gewesen. Bei der Geldübergabe sei dem Täter eine Farbbombe unter die Geldscheine gelegt worden. Die Hoffnung, den Täter damit zu erwischen, ging aber ins Leere.

Dieser Bankräuber hat gleich mehrere Polizeidirektionen in Sachsen, Brandenburg und auch Mecklenburg-Vorpommern lange in Atem gehalten. Erst Ende 1999 beendete der berühmte „Kommissar Zufall“ seine Laufbahn. Einer Auszubildenden der Kreissparkasse in Weißwasser gelang es bei seinem 28. Überfall, unbemerkt den Alarmschalter zu drücken. Fünf Minuten später standen die Polizisten mit gezogener Pistole vor ihm. Die Beamten ahnten nicht, dass ihnen Deutschlands damals meist gesuchtester Bankräuber ins Netz gegangen war. Er ließ sich ohne Widerstand festnehmen. „Ich bin froh, dass jetzt alles zu Ende ist“, machte der Mann seinem ersten Polizeivernehmer klar, ehe der die erste Frage stellen konnte. Der erfahrene Beamte wusste dabei sofort, was dieser Täter brauchte: Zwei Stunden hat er sich mit dem Verdächtigten einfach nur unterhalten, auch einen Kaffee gekocht. Das Bauchgefühl sagte ihm: Dieser Mann will sich von der Last seiner Taten befreien und seine Version der Geschichte erzählen. Bis zum frühen Morgen soll die anschließende Vernehmung gedauert haben. Nach seinen Geständnissen war klar, welche Banküberfälle auf sein Konto gehen. Auch die Königsbrücker und Schwepnitzer Sparkasse überfiel er.

Bis zur Festnahme hatten zahlreiche Polizisten in gleich drei Bundesländern sehr viel unternommen, um diesen einzigartigen Täter verhaften zu können. Sein Konterfei war mehrmals in der MDR-Fernsehsendung „Kripo live“ zu sehen gewesen. Es gab Fahndungsplakate. Aber dieser Täter passte irgendwie in so gar kein Klischee. Bankmitarbeiter erinnerten sich an seine ruhige, fast schon freundliche Art. Auch wenn niemand ahnen konnte, dass die Pistole, die er dabei hatte, eine ungeladene Schreckschusspistole war … Erst bei der Vernehmung in Polizeigewahrsam stellte sich heraus, wie dicht ihm die Polizei manchmal auf den Fersen gewesen war. Am Waupacksee bei Waren/Müritz zum Beispiel hatten ihn Zeugen gesehen; mindestens drei Stunden versteckte er sich daraufhin im Wasser, dicht am Schilf, nachdem das Gelände rund um den See total abgesperrt worden war. Doch die Beamten hatten ihre Autotüren offengelassen, so konnte der wortwörtlich „Untergetauchte“ den Funkverkehr mithören. Er war also voll im Bilde. Nach und nach wurde den Kriminalisten klar, dass der Gesuchte wohl eine solide militärische Ausbildung absolviert haben musste. Nach der Verhaftung wurde deutlich, wie Recht sie hatten: Der Mann hatte an der Offiziershochschule der Nationalen Volksarmee der DDR-Luftstreitkräfte in Kamenz als Sportoffizier Kampfpiloten für das Überleben nach einem möglichen Flugzeugabschuss ausgebildet. Und die Ausbilder zeigten den Piloten auch, wie man potenziellen Verfolgern in Hubschraubern oder Hundemeuten entgehen konnte. Nach der Wende wurde der Offizier Bauunternehmer. Er verkaufte schlüsselfertige Häuser. Von seinen westdeutschen Geschäftspartnern wurde er allerdings gnadenlos betrogen. Sie verschwanden mit dem Geld seiner Kunden, die ihre Häuser gutgläubig im Voraus bezahlt hatten. Der spätere Bankräuber war also zunächst selbst zum Opfer geworden. Denn er war nicht der Mann, der seinen Kunden überbringen wollte, dass sie das Geld vom Lebenstraum vom eigenen Haus verloren haben. Deshalb wurde seine Situation mit jedem Tag verzweifelter. Er musste Handwerkerrechnungen bezahlen, damit weiter gebaut werden konnte. Und irgendwann war die Idee vom Bankraub in seinem Kopf. Mit der Beute bezahlte er den Weiterbau.

Die Jahrtausendwende erlebte er im Gefängnis. Er hatte den Ermittlern 28 Banküberfälle gestanden, bei denen 650 000 Mark erbeutet wurden.

Die Geschichte ist eine von zahlreichen spannenden Fällen im SZ-Buch „Tatorte“, das in der Edition-SZ erschien und von Thomas Schade und Karsten Schlinzig geschrieben wurde. Einige wenige Rest-Exemplare gibt es für 6.90 Euro in der Radeberger SZ-Redaktion.