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Bewegende Geschichte

Das Fußball-Museum in Sao Paulo weckt Erinnerungen – und die Emotionen der Fans.

© dpa

Von Jan Kummer

Arthur Friedenreich hat es geschafft – in den Olymp des brasilianischen Fußballs. Gleich neben Pele und Garrincha. Jeder Fan im WM-Gastgeberland kennt den deutschen Namen des ersten Schwarzen in einer südamerikanischen Nationalmannschaft. 1892 als Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns und einer schwarzen Wäscherin geboren, findet er als Zehnjähriger über den Sportunterricht zum Fußball. Bald spielt er beim SC Germania, einem von deutschen Einwanderern gegründeten Klub in Sao Paulo.

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Aufgrund seiner Hautfarbe wird er diskriminiert. Seine weißen Gegner versuchen, ihn so häufig es geht zu foulen, da Schiedsrichter bei Schwarzen gern ein Auge zudrücken. Also legt Friedenreich sich eine Schnelligkeit und Wendigkeit zu, an denen die Trainer der brasilianischen Nationalelf ab 1914 nicht vorbeikommen. Er wird zum Idol. Dem Weltverband Fifa zufolge schießt er in seiner Karriere 1 329 Tore; 49 mehr als Pele. 1969 stirbt er zurückgezogen und verarmt an Parkinson.

Heute erinnert ein Preis für Nachwuchsfußballer an den Athleten – und das Fußball-Museum in Sao Paulo. „Arthur ist ein Bindeglied zwischen dem Fußball in Brasilien und Deutschland“, sagt Museumsführer Samuel Gibran. „Genau wie die Klubs der deutschen Einwanderer in Sao Paulo. Sie haben den brasilianischen Fußball mit zu dem gemacht, was er heute ist.“ In einem Raum kann man Friedenreich sehen: den Tiger, auf schwarz-weißen Fotos, Seitenscheitel links, die krausen Haare mit Pomade glatt gestrichen. Die Wände sind bis unter die Decke voll mit Fotos.

Auf drei Etagen bietet das 2008 gegründete Museum eine Fülle an Informationen über Brasiliens Fußball – von den englischen Eisenbahn-Bauarbeitern, die das Spiel Mitte des 19. Jahrhunderts in das Land am Zuckerhut brachten bis zu den letzten Wettbewerben in den Ligen. Und das beinahe ohne Ausstellungsstücke. „Wir haben ein einziges historisches Exponat: das Trikot von Pele, das er bei der WM 1970 getragen hat“, sagt Pressesprecher Renato Baldin. „Ansonsten hat das Museum virtuellen oder digitalen Charakter.“

Ein gewagtes Experiment, Fußballgeschichte darzustellen anhand von etwa 3 000 Fotos und sechs Stunden Videos. Einige laufen auf Leinwänden in einem Raum unter den Traversen des 1938 gebauten Stadions Pacaembu. Sie zeigen Fans aller brasilianischen Erstligisten und ihre Gesänge. Das Klangerlebnis hat Livecharakter. „Viele Besucher stehen voller Emotionen davor und erinnern sich an ihre Teams, an ihre Besuche im Stadion. Das ist es, was wir erreichen wollen: Gefühle wecken.“

Diese Idee zieht sich durch: An alten Radios kann der Besucher historische Fußballreportagen hören. Alle Weltmeisterschaften sind verewigt auf bunten Fotosäulen, dem WM-Pokal nachempfunden. Von da lächeln auch dreimal die Gewinner in Schwarz-Rot-Gold. Im Raum über „Zahlen und Fakten“ wird gezeigt, womit in Brasilien Fußball gespielt wird, vom zusammengebundenen Knäuel aus Lumpen über Getränkedosen bis zu Puppenköpfen. Der kleinste Spieler des Landes wird vorgestellt: Baba, 1954 bis 1959 bei Flamengo Rio de Janeiro, ein Linksaußen mit gerade mal 1,54 Metern. Und an das Meisterschaftsspiel Portuguesa gegen Botafogo 1954 erinnert, bei dem der Schiedsrichter nach einer Schlägerei alle 22 Kicker vom Platz stellte.

Jedes Jahr kommen etwa 400 000 Besucher. Im WM-Jahr werden es wohl einige mehr sein. Danach will das Fußball-Museum in Sao Paulo ein Kapitel endgültig abschließen und zwar das im Raum Nummer zehn. Da geht es um die Weltmeisterschaft von 1950. Damals stand Brasiliens Nationalmannschaft im Endspiel im Maracana von Rio de Janeiro, dem größten Stadion der Welt. Die Euphorie vor dem Finale war so grenzenlos wie die Trauer danach. Denn das Team von Uruguay zeigte es dem großen Nachbarn und holte sich den Pokal. Diese Schmach soll 2014 getilgt werden.