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Bewegende Tour durch beklemmende Geschichte

In Pirna lebten einst 42 jüdische Familien. Eine neue Führung zeigt nicht nur wo, sondern auch die Schicksale der Menschen.

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Von Alexander Müller

Wo leben Juden? Es gab eine Zeit in Deutschland, so also auch in Pirna, da war diese Information für die, die es betraf, eine große Gefahr. Heute leben in Pirna keine jüdischen Familien mehr. Wie es dazu kam und wo einst Juden in der Stadt wohnten und wie, das zeigt eine neue Führung auf, die der Verein Aktion Zivilcourage gemeinsam mit der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna initiiert hat.

Los geht es, ganz normal, am Marktplatz. Schon hier zeigt sich aber, dass es bei der neuen Tour nicht darum geht, die historischen Gebäude der Altstadt nahezubringen. Eine geschichtliche Einführung gibt es aber auch. Doch in der wird zum Beispiel erklärt, wie die Nazis „Jude“ definierten. Jude war man während der Zeit des Nationalsozialismus nicht, wenn man diese Religion ausübte, sondern wenn es auch die Vorfahren waren. Juden wurden als Rasse deklariert und entsprechend diffamiert, diskriminiert und denunziert.

Das wird schon an der ersten Station klar, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Hier lebte Max Zimmering. Er ist vor allem noch der älteren Generation bekannt als bedeutender Schriftsteller der DDR und als Ehrenbürger Pirnas. Sein Enkel Ron Zimmering erzählt noch eine andere Geschichte – per Videobotschaft auf einem mitgeführten Tabletcomputer. Was man zu hören bekommt, ist ein Bericht über eine schier unglaubliche Odyssee von Max Zimmering, der auf seiner Flucht große Teile der Welt bereist, sogar in Australien landet, um schließlich nach dem Krieg doch wieder nach Pirna zurückzukehren. Etwas bekannter ist da schon das Schicksal von Esra Jurmann und seiner Familie. Vor dem ehemaligen Geschäft seines Vaters, wo sich heute ein Friseur befindet, wird aus dem Buch gelesen, das Esra Jurmann schrieb. „Vor allen Dingen war ich ein Kind – Erinnerungen eines jüdischen Jungen aus Pirna“, heißt das. Esra erzählt darin, wie er aus der Schule kam und vor dem demolierten Laden seines Vaters stand und welche Gefühle er dabei empfand. Dass es für einen von den Nazis als „Jude“ abgestempelten Menschen auch nichts brachte, die Religion zu wechseln, das macht die Geschichte von Alfred Korn deutlich, der in einem Eckhaus der Schuhgasse wohnte. Er wechselte zum katholischen Glauben, doch das alles nützte nichts. Entscheidend waren die Vorfahren, egal wie wenig die Betroffenen sich selbst mit dem Judentum identifizierten oder als Deutsche sahen.

Nach gut anderthalb Stunden endet die Führung auf der Breiten Straße, nahe der Kreuzung zur Bundesstraße. Hier wohnte eine junge Frau, die auch angesichts der bereits bestehenden Repressalien noch ein Geschäft übernahm und ein Kind bekam. Trotz ihres enormen Einsatzes und Courage wurden sie, ihr Kind und ihre ganze Familie umgebracht.

„Wie geht es Ihnen jetzt?“, werden die Teilnehmer der Tour zum Schluss gefragt. Es kommt so schnell keine Antwort, denn alle sind sichtlich bewegt. Die Reaktionen sind dann aber einhellig. „Das ist eine völlig andere Art der Information, als ich sie bisher kannte“, sagt Steffen Löbel, einer der Teilnehmer. Der Pirnaer weiß viel über seine Stadt, hier hat er trotzdem wieder Neues gelernt. „Und das auf so authentische und lebendige Weise.“ Die Gründe dafür finden sich in der Art der Stadtführung, die mit ihren Videobotschaften, Hörbeispielen, Zeitzeugenberichten, Originaldokumenten und Requisiten die Leute integriert, zum Teil der Geschichte und nicht nur zu bloßen Zuhörern macht. Viele dieser Materialien sind dem Pirnaer Historiker Hugo Jensch zu verdanken. Es sind natürlich aber vor allem auch die Stadtführer selbst, die dafür sorgen, dass man diese Tour so schnell nicht vergisst und von nun an mit anderen Augen durch Pirna geht. Am Sonnabend waren das Juliane Wiegant, Thomas Börner und Ramona Meisel, die mit ihrem Engagement für so manchen Gänsehautmoment sorgten.

Die Spurensuche jüdischen Lebens in Pirna wird von nun an regelmäßig angeboten. Wer Interesse hat, meldet sich bei der Aktion Zivilcourage  03501 460220 oder beim TouristService. Für Schülergruppen ist die Tour kostenlos, Erwachsenengruppen zahlen 35 Euro pro Zeitstunde bzw. 6 Euro pro Person.