SZ +
Merken

Biber arbeiten sich nach Süden vor

200 Tiere leben mittlerweile entlang der Neiße. Der Görlitzer Biberbeauftragte Thomas Zuche weiß ganz genau, wo.

Teilen
Folgen

Von Elke Schmidt

Thomas Zuche kennt die Neiße beinah wie seine Westentasche. Als einer von vier ehrenamtlichen Biberbeauftragten des Landkreises Görlitz ist er seit drei Jahren beinahe jede Woche unterwegs, um von Zittau bis Pechern längs der Neiße Biber zu beobachten und zu kartieren. Die dabei erhobenen Daten zeigen, dass sich die Tiere allmählich über den gesamten Landkreis ausbreiten. Ihr bislang südlichstes Revier ist der Abschnitt zwischen Drausendorf und Hirschfelde. Hier findet Thomas Zuche immer häufiger Spuren der Tiere. Manche, wie gefällte Bäume, fallen direkt ins Auge. Andere, wie die Eingänge zu den Bauen, erkennt man nur mit jahrelanger Erfahrung. An diesem Flussabschnitt verzichten die Tiere auf den zeit- und arbeitsaufwendigen Burgen- und Dammbau. Das Wasser ist hier tief genug, um stattdessen Röhren und Baue in die Ufererde zu graben, erklärt Thomas Zuche.

Daher sei es nicht ganz einfach, die Biber bei ihrem Tun zu beobachten, obwohl sie sich durchaus auch an sehr belebten Orten wie mitten in Görlitz niederlassen und über einen Meter groß werden können. Oft, wenn auch nicht immer, liegen die Eingänge zu ihren Bauten unter Wasser, und wenn sie schwimmen, guckt meist nur der Kopf aus dem Wasser. Obendrein sind sie nacht- und dämmerungsaktiv.

Thomas Zuche entgeht dennoch kaum eine Spur, welche die Nager in ihren Revieren am und im Wasser hinterlassen. Dieses Wissen gibt der Görlitzer gerne weiter, wie zuletzt bei einer Exkursion auf den „Spuren der Biber“ zwischen Drausendorf und Hirschfelde als „sächsischer Frühlingsspaziergang“. Organisiert und vorbereitet wurde sie von Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz, der im Rahmen seines Projektes „Geschützte Arten und ihre Lebensräume in der östlichen Oberlausitz“ sozusagen Öffentlichkeitsarbeit für die Biber betreibt. Die Tiere sind streng geschützt und dürfen grundsätzlich nicht gefangen oder getötet werden. Durch das Fällen der Bäume und ihre Bautätigkeit greifen sie sehr in die Landschaft ein. Die von ihnen geschaffenen Strukturen nutzen viele andere selten gewordene Wildtiere als Lebensraum. Wo Biber sich niederlassen, wächst die Artenvielfalt. Doch auch wenn ihre Reviere einen jeweils höchstens 20 Meter breiten Streifen längs des Wassers umfassen, gefällt es nicht jedem Landbesitzer, auf dessen Grund und Boden sie sich niederlassen. Denn unbestritten ist: Biber machen auch Probleme. Schäden entstehen am Ufer der Neiße vor allem durch verlassene Baue, die der Biber dort eingegraben hat, erklärt Britta Andreas von der Landestalsperrenverwaltung (LTV) des Freistaates. Außerdem hätten die Baumschäden durch Verbiss stark zugenommen. Gefahr besteht dadurch vor allem für Bootsfahrer, da angenagte Bäume unkontrolliert umstürzen können. Außerdem könnten durch den Biber „umgelegte“ Bäume bei Hochwasser abtreiben und sich zum Beispiel an Brücken und Wehren im Gewässer festsetzen. Damit werden sie zur Hochwassergefahr, sagt Britta Andreas.

An Hochwasserschutzdeichen selber seien bisher dagegen noch keine Schäden durch den Biber aufgetreten, da diese meist in einiger Entfernung zum Flussufer lägen. Die LTV kontrolliere jedoch regelmäßig Anlagen und Flussabschnitte, damit Problemstellen frühzeitig erkannt und beseitigt werden können. Dafür arbeite die LTV auch eng mit dem Biberbeauftragten des Landkreises zusammen.

Biber können Ufer unterwühlen und fressen durchaus auch Feldfrüchte, wenn diese nah am Wasser wachsen. Damit sowohl die Interessen der Menschen, als auch die der Biber gewahrt bleiben, können verschiedene Maßnahmen wie Zäune oder Drahtgitter helfen, die Tiere von Wegen, Feldern oder Bäumen fernzuhalten. Der Landschaftspflegeverband erstellt derzeit eine Broschüre, in der sich betroffene Bürger informieren können. Auch ist seit Anfang Mai eine Wanderausstellung über die Biber im Rothenburger Rathaus zu sehen, die im Juni nach Görlitz zieht. Damit wollen Kay Sbrzesny und seine Mitstreiter um Verständnis für die Nager werben.

Denn nur wenn die Biber vom Menschen toleriert werden, kann sich ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen. Bis zu 200 Tiere leben derzeit im Landkreis, schätzt Thomas Zuche. 1999 wurde der erste Biber bei Zodel nachgewiesen. Er ist wie alle seine Nachfolger von selbst in die Region eingewandert, wobei nicht sicher ist, ob aus Polen oder von der Elbe her. Das ist nicht selbstverständlich, denn Biber waren in Deutschland und ganz Europa so gut wie ausgerottet. Der letzte aus der Region wurde 1785 bei Deutsch Ossig erlegt. Die Ausrottung hatte gleich mehrere Gründe. Das sogenannte Bibergeil, ein Drüsensekret, galt als wahres Wundermittel und wurde gegen Krämpfe, Nervosität und vieles mehr eingesetzt. Wegen ihres geschuppten Schwanzes wurden sie 1528 vom Vatikan zum Fisch erklärt und durften also auch zur Fastenzeit gegessen werden. Zu dieser Zeit sind jedoch die Weibchen tragend, es gab also immer weniger Jungtiere. Auch dachte man früher, Biber wären Fischfresser, weil sie im Wasser leben. Das stimmt aber nicht. Biber sind reine Vegetarier und fressen bis zu 200 verschiedene Arten von Pflanzen. Nicht zuletzt sind mit wachsender Bevölkerungszahl ihre Lebensräume verschwunden. Heute sorgt der Naturschutz dafür, dass sie ihre angestammte Heimat zurückerobern und die Gebiete rund um Wasserläufe, Teiche und Seen bereichern.

Die nächste Biberwanderung startet am 15. Oktober, 10 Uhr, am Kraftwerk Hirschfelde; Voranmeldungen dafür sind erforderlich bei Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz,  035828 70414