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Bibliotheken: Vielleicht lässt sich ja noch was retten

Die neue Bibliotheksgesellschaft will in Sachsen attraktive öffentliche Orte schaffen.

Im letzten Jahr wurde die Bibliothek Bernstadt mit neuen Möbeln ausgestattet: Doch das allein reicht nicht mehr, um neue Besucher anzulocken.
Im letzten Jahr wurde die Bibliothek Bernstadt mit neuen Möbeln ausgestattet: Doch das allein reicht nicht mehr, um neue Besucher anzulocken. ©  Rafael Sampedro (Archiv)

Wie kommt ein Autoreifen in eine Bibliothek? Er liegt im Foyer im Drepunkt am Zelleschen Weg in Dresden, wo Wirtschaftswissenschaftler, Bauingenieure und Elektroniker lesen. Der Reifen gehört zu einer Ausstellung über Plastik: „das Beste seit geschnitten Brot“. Doch weil sich Plastik anders als Brot 400 Jahre lang hält, bis es zerfällt, ist es in Verruf geraten. Die Ausstellung zeigt mögliche Alternativen auf der Basis von Zellulose, Chitin, Naturkautschuk oder Bambuspulver. Die Biokunststoffe taugen zum Beispiel für Alltagsgeschirr. Vor- und Nachteile werden gegeneinander abgewogen. Plexiglaswürfel sind mit gelben, grünen und blauen Plastikkrümeln gefüllt. Es ist nicht unbedingt das, was man in Bücherregalen sucht.

Eric Hattke, Geschäftsführer der Sächsischen Bibliotheksgesellschaft, verteidigt die Idee. Die Bücherhallen, meint er, dienen heute genauso der Vermittlung von Wissen wie im Mittelalter, als Mönche in ihren Schreibstuben zierliche Buchstaben aufs Pergament setzten. Nur die Art hat sich geändert. „Wissen teilen – Menschen verbinden“ ist das Motto der Bibliotheksgesellschaft, die im vorigen Jahr gegründet wurde. Sie engagiert sich für Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und den Austausch zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Die Mitglieder kommen unter anderem aus dem Förderverein der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (Slub). Er kümmerte sich um Ausstellungen und Spenden fürs Haus. Jetzt wird sachsenweit geplant – und anders.

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Bibliotheken ja, aber nur analog

Das ist dringend nötig, denn vielleicht lässt sich ja noch was retten. Sachsen besitzt zwar ein bemerkenswert dichtes Netz von rund 450 öffentlichen Bibliotheken. Doch viele von ihnen wirken bescheiden. Oft haben sie nur zweimal die Woche stundenweise geöffnet. Mehr als die Hälfte kann weder den Zugang zu elektronischen Medien bieten noch elektronische Arbeitsplätze. Für Veranstaltungen fehlt oft das Personal, und an den Wochenenden herrscht sowieso Funkstille. Gerade dann, wenn Leser Zeit hätten zum Lesen.

Das Umfeld macht die Sache nicht leichter. „Mitunter ist die Bibliothek der einzig verbliebene kulturelle Ort in einer Stadt oder Gemeinde“, sagt Thomas Bürger. Er führte lange die Geschäfte der Slub als Generaldirektor und leitet nun den Vorstand der neuen Gesellschaft. Als Beispiel für seine These nennt er Heidenau mit gut 16.000 Einwohnern. Außer einem Märchenpfad ist da nicht viel. „Wir wollen die Zivilgesellschaft unterstützen“, sagt Bürger. „Vorausgesetzt, dass sie das will.“ Er setzt auf Überzeugungskunst.

Demokratie-Treffpunkt

Thomas Bürger ist wie sein Mitspieler geübt in geduldigen Dialogen. Eric Hattke wurde 2014 als Sprecher des Netzwerks „Dresden für alle“ über die Landesgrenzen hinaus bekannt, er engagiert sich im Verein Atticus mit dem Ziel, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Auch dafür will er die Bibliotheken nutzen. „Wir lagen bis 2015 in einem Demokratieschlaf.“

Andere Städte sind da schon weiter und betreiben Bibliotheken als dritten Ort zwischen der Arbeitsstelle und dem Zuhause: ein Ort der Diskussion ohne Tagesordnung, ein Ort des geselligen Austauschs und der sozialen Dienstleistung und nebenbei auch ein Ort, der einen nicht mit Werbung belästigt. Man muss hier keinen Kaffee trinken, wenn man nicht will oder kann. Allzu viele solche öffentlichen Räume gibt es in den modernen Städten nicht. Dass einkaufende Mütter ihre Kleinkinder über Stunden in der Bibliothek deponieren, zeigt eines von vielen Problemen, die mit der Öffnung verbunden sind. Und: Ein solches Haus hat nicht plötzlich mehr Geld und mehr Personal, nur weil man es einen dritten Ort nennt.

Weiße Flecken beseitigen

Thomas Bürger hofft deshalb, dass die neue Landesregierung die Kommunen finanziell besser ausstattet und ihnen mehr Entscheidungsspielräume gibt. Daneben steht die Hilfe zur Selbsthilfe. Bürger plädiert dafür, dass sich Einrichtungen vor Ort verbünden, etwa die Familienbildungsstätte mit der Bibliothek. Fahrradladen, Museum oder das Geschäft für Bastelbedarf könnten hinzukommen. Dazu ist viel guter Wille nötig, viel Flexibilität – und eine großzügige kommunale Selbstverwaltung. „Redet miteinander!“, sagt Eric Hattke. „Sucht gemeinsam nach neuen Wegen! Dazu wollen wir ermuntern. Wir wollen Angebote machen. Wir kommen nicht als Besatzer.“

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