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"In meiner Werkstatt tut mir nichts weh"

Seit 70 Jahren ist Johannes Bielig aus Burkau Polsterer mit Leib und Seele. Jetzt arbeitet er nur noch für Freunde und Bekannte - und hilft damit auch sich selbst.

Johannes Bielig in seiner Werkstatt in Burkau. Über 50 Jahre war sie sein Lebensmittelpunkt. Heute arbeitet der 83-Jährige dort noch aus Freude am Handwerk. und aus Gefälligkeit für Freunde und Bekannte.
Johannes Bielig in seiner Werkstatt in Burkau. Über 50 Jahre war sie sein Lebensmittelpunkt. Heute arbeitet der 83-Jährige dort noch aus Freude am Handwerk. und aus Gefälligkeit für Freunde und Bekannte. © SZ/Uwe Soeder

Burkau. In seiner Werkstatt fühlt sich Johannes Bielig wohl. "Dort finde ich Entspannung. Dort tut mir nichts weh", sagt der 83-Jährige. Wann immer er Lust hat und es Arbeit gibt,  geht er in seine Polsterwerkstatt, die über 50 Jahre sein Lebensmittelpunkt war. Zwei, drei Stunden am Tag arbeitet er dann dort. 

Den Firmennamen "Raumausstatter Bielig" liest man noch heute an der Hauptstraße in Burkau, auch wenn das Ladengeschäft seit vielen Jahren das Büro einer Versicherung beherbergt. Im Jahr 2003 ist Johannes Bielig  in den Ruhestand gegangen.  Seitdem polstert der Senior im Hinterhaus nur noch aus Freude am Handwerk und aus Gefälligkeit für gute Freunde und Bekannte. Meist sind es in die Jahre gekommene Sessel und Stühle, an denen die Besitzer hängen, die der Burkauer mit Begeisterung restauriert. 

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Schon mit 22 Jahren Firmenchef

Johannes Bielig war 13 Jahre alt, als er am 31. Juli 1950 bei Gerhard Kluge in Putzkau seine Lehre zum Sattler und Polsterer begann. Der Handwerksmeister war ein Freund seines Vaters Herbert Bielig, der ebenfalls Polsterer und Sattler war und 1934 einen Betrieb in Burkau gründete. Herbert Bielig, der gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 als Soldat eingezogen wurde, galt seit dem März 1945 als vermisst. Seine Mutter Ella führte in all den Jahren den Betrieb weiter. Ihr Sohn Johannes stieg dort nach der Ausbildung 1953 mit ein und übernahm die Firma 1958 nach seinem Meisterabschluss im Tapeziererhandwerk. Damals war er gerade 22 Jahre alt. 

Alles das hat Johannes Bielig an einer "Traditionswand" dokumentiert, wie er es augenzwinkernd nennt. Daran findet man Skizzen und Fotos seines Gesellen- und Meisterstückes - jeweils ein Sessel -, den Gesellen- und den Meisterbrief sowie den Goldenen Meisterbrief, den er 50 Jahre nach der Meisterprüfung erhalten hat. 

Hinzu kommen mehrere Urkunden der Handwerkskammer. 33 Jahre lang, von 1960 bis 1993, war der Burkauer Obermeister des Tapeziererhandwerks im Kreis Bischofswerda. Die Branche zählte damals 28 Betriebe in der Region. Seit der Wende firmieren sie als Raumausstatter. Die Zahl dieser Firmen auf dem Gebiet des ehemaligen Kreises Bischofswerda lässt sich heute beinahe an den Fingern einer Hand abzählen. 

Tausende Stühle für den DDR-Handel

An seinem Beruf, der längst Hobby geworden ist, schätzt Johannes Bielig noch heute, dass es Handwerk im besten Sinne des Wortes ist. Man muss kreativ sein, braucht  ein gutes Vorstellungsvermögen und vor allem Fingerfertigkeit. Heute sind es ausschließlich Einzelstücke, denen er sich widmet. 

Früher haben er, seine Ehefrau Irmi und die bis zu sechs Angestellten neben Unikaten auch Klein- und Großserien produziert. Unter anderem Cafés, Restaurants und Villen wurden von dem Familienbetrieb eingerichtet. In den 1980er-Jahren, als es in der DDR an Konsumgütern mangelte, wurden Betriebe zu deren Produktion verpflichtet. So musste der kleine Burkauer Handwerksbetrieb,  der auch all die DDR-Jahre privat geführt wurde, in der einen Monatshälfte 600 bis 700 Stühle für den Handel herstellen, in den anderen beiden Wochen des Monats durfte er für Privatkunden arbeiten. 

Bei aller Liebe zum Beruf - bei der Frage, ob er jungen Leuten heute raten würde, eine Ausbildung zum Raumausstatter zu machen, wägt der Senior ab. Dafür spricht aus seiner Sicht die Vielfalt. Zum Berufsbild gehören neben dem Polstern auch Dekorationen, das Verlegen von Fußböden und die Montage von Sonnenschutz. Hemmnisse seien dagegen die Bürokratie und die Konkurrenz der Möbelindustrie. Jetzt würde sich ein Betrieb, wie er ihn führte, auf dem Lande wohl nicht mehr tragen, sagt Johannes Bielig. Es sei denn, man verbinde ihn mit einem weiteren Gewerk. 

Als Rentner auf vielen Gebieten aktiv

Für ihn hatte sich vor 70 Jahren die Frage nicht gestellt, ob er den selben Beruf ergreift wie sein Vater. Das war damals selbstverständlich, schon um den elterlichen Betrieb fortzuführen. Seinem Sohn Bernd, der sich mehr für den Sportplatz als für die Werkstatt interessierte, ließ er dagegen bei der Berufswahl freie Hand. Der machte dann wirklich den Sport zu seinem Beruf und arbeitet jetzt als Geschäftsführer des Landesruderverbandes Sachsen. Schwiegertochter Brigitte steht dem nicht nach. Sie trainiert als Bundestrainerin die Elite der deutschen Nachwuchs-Ruderer. 

Das von seinem Vater in den 1930er-Jahren errichtete Wohnhaus mit der Werkstatt hat Johannes Bielig seinen Kindern überschrieben. Die halten es zur Freude  des Seniors tipptopp in Schuss. Er selbst hat in Burkau noch einmal neu gebaut. Er sei damit einer Empfehlung der Handwerkskammer gefolgt, sagt Johannes Bielig. Um nach dem Berufsleben Abstand zu gewinnen, sollte ein Handwerksmeister nicht dort bleiben, wo er sein Leben lang gearbeitet hat, raten die Experten. 

Der Neubau sollte für den Burkauer nicht der einzige Neustart im Rentenalter sein. Johannes Bielig war 70, als er begann, Keyboard zu spielen. Er veröffentlichte sieben Hefte mit Gedichten und Geschichten in Westlausitzer Mundart. Er ist als Unterhalter gefragt und geht gelegentlich als Reiseleiter auf Bustour. Und wenn ihm danach ist, fährt oder läuft er in seine Werkstatt. Für ihn ist das reine Medizin. "Tabletten brauche ich schon seit einigen Jahren nicht mehr", sagt er.  

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