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Bierflaschen-Attacke: War es Notwehr?

Ein 30-Jähriger verletztean der Schlachthofstraße einen anderen Mann mit einer zerbrochenen Flasche am Hals. Der Anwalt plädiert auf Freispruch.

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Von Christoph Scharf

Andreas B.* bekommt eine abgebrochene Bierflasche gegen den Hals. Die scharfen Kanten zerschneiden die Schlagader, Blut strömt. Eine Notoperation rettet den Bautzener. Allerdings wird der Trockenbauer bei der Tat vom Dezember 2011 so schwer verletzt, dass er wohl nie wieder seinen Beruf ausüben kann: B. kann einen Arm nicht mehr nach oben heben.

Die Folgen des Vorfalls an der Schlachthofstraße stehen fest. Umstritten ist, wie es dazu kommen konnte. Im Prozess gegen Denis W. wegen versuchten Totschlags konnten die Plädoyers am Landgericht gestern unterschiedlicher nicht sein. Laut Staatsanwalt Ingo Roehl stellte sich der Abend so dar: Auf dem Gelände des früheren Schlachthofs machen drei junge Frauen und ein Mann ein illegales Lagerfeuer – von dessen Rauch sich der nebenan wohnende Angeklagte belästigt fühlt. Nachdem der 30-Jährige aus dem Fenster ruft, kommen die jungen Leute in sein Treppenhaus und drohen W. Prügel an. Später geht der mit Freundin und Hund Gassi – in der Hand Taschenlampe, Bierflasche und Gehstock.

Bis hierhin gleicht seine Version der des Angeklagten. Doch dann gehen die Erklärungen auseinander. Nach Ansicht des Staatsanwalts soll der angetrunkene Angeklagte einen Hund der Gruppe am Feuer getreten haben, worauf sich eine Frau beschwerte – und von Denis W. mit einem Schlag verletzt wurde. Darauf soll Andreas B. den Angeklagten zur Rede gestellt haben. „Dann kam der Angriff des Angeklagten mit der Bierflasche“, sagt Ingo Roehl. So habe das Opfer die Tat glaubhaft geschildert, die anderen Zeugen hätten in der Dunkelheit nicht viel erkennen können.

Nach einem gut drei Monate dauerndem Verfahren geht der Staatsanwalt nicht mehr davon aus, dass W. töten wollte, als er mit der abgebrochenen Bierflasche zustach. Schließlich habe der 30-Jährige laut Gutachter anderthalb Promille im Blut gehabt – und sei deshalb vermindert schuldfähig. Wegen der schweren Folgen und der 14Vorstrafen des Angeklagten fordert er dennoch drei Jahre und neun Monate Haft für Denis W.

Dessen Verteidiger Endrik Wilhelm sieht die Sache fundamental anders. Schließlich hätte zuerst die Gruppe am Feuer deutlich aggressives Verhalten gezeigt – nicht der Angeklagte. Zudem sei die später verletzte Frau groß und kräftig. „Sie ist nicht der Typ, der von einem Mann beschützt werden muss.“ Laut Spurenlage habe sich sein Mandant immer weiter rückwärts bewegt, während es zu den Gewalttaten kam. „W. wurde von der aggressiven Frau und Andreas B. angegriffen –nicht umgekehrt.“ Deshalb habe er mit der zerbrochenen Bierflasche vor sich hin- und hergefuchtelt, worauf es zu der schweren Verletzung kam. „Das war Notwehr.“ Deshalb fordert der Anwalt Freispruch. Das Urteil wird nächste Woche verkündet.

*Name von der Redaktion geändert