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Bierretter mit Rückenschmerzen

Saisonarbeiter aus Osteuropa sind rar. Deshalb engagieren die Schrebitzer Hopfenbauern neue Helfer: Döbelner Gymnasiasten bücken sich für den Abi-Ball.

Victoria Ort und ihre Mitschüler helfen auf den Hopfenfeldern beim Anleiten der schnellwüchsigen Pflanzen.
Victoria Ort und ihre Mitschüler helfen auf den Hopfenfeldern beim Anleiten der schnellwüchsigen Pflanzen. © Dietmar Thomas

Schrebitz. Ohne Hopfen kein Bier. Damit das nicht passiert, sind nun täglich viele Helfer in der Region Schrebitz unterwegs, um die Triebe der Hopfenpflanzen anzuleiten. Dafür nehmen sie auch einige Unbequemlichkeiten und Rückenschmerzen in Kauf.

Normalerweise übernehmen 30 bis 40 Saisonarbeitskräfte aus Polen und Rumänien das Anleiten der Hopfenpflanzen. Dafür haben sie im Frühjahr ein enges Zeitfenster. Die Triebe der frisch geschnittenen Pflanzen müssen alle innerhalb von zwei bis drei Wochen an Drähten befestigt werden, damit sie in die Höhe wachsen können. 

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Eile ist angesagt. „Der Hopfen ist eine der am schnellsten wachsenden Pflanzen. Bei günstigen Bedingungen sind es zehn bis 20 Zentimeter, die die Triebe täglich länger werden“, sagte Julia Joachim.

 Sie ist nicht nur die Tochter der Geschäftsführer der Hoob Hopfen und Obst GmbH Schrebitz, sondern die amtierende Hopfenkönigin des Hopfenpflanzerverbandes Elbe-Saale. 

Mehr als 190.000 Pflanzen müssen fast zeitgleich auf den 80 Hektar angeleitet werden. Und das mit nur acht rumänischen Saisonarbeitskräften – mehr haben es wegen der Corona-Pandemie nicht nach Schrebitz geschafft.

„Obwohl wir froh sind, wenigstens diese Helfer zu haben, wäre das Anleiten einfach nicht zu schaffen gewesen. Dabei haben wir schon mithilfe unserer Bekannten, Nachbarn und der Familie die Vorarbeiten geleistet. Das heißt, je Pflanze wurden zwei Drähte in einer Höhe von sieben Metern angehangen und dann im Boden verankert“, sagte Julia Joachim.

„Es haben sich viele Leute gemeldet, die uns helfen wollen“

Lange habe wegen der aktuellen Situation Unklarheit geherrscht, wie die erfahrenen Saisonarbeitskräfte zu ersetzen seien. Eine Lösung musste her. „Wir haben uns entschieden, einen Hilferuf auf dem Portal ‚Das Land hilft‘ zu starten. Dabei handelt es sich um eine Initiative des Bundesverbandes der Maschinenringe mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft“, sagte Julia Joachim. 

Parallel dazu habe das Unternehmen mit dem Stadtwerbering Döbeln und den künftigen Abiturienten des Lessing-Gymnasiums Kontakt aufgenommen. Und es hat sich gelohnt, diesen neuen Weg zu gehen. „Es haben sich viele Leute gemeldet, die uns helfen wollen. Wir haben sie die Bierretter genannt“, so die Hopfenkönigin.

Zu ihnen gehören auch die etwa 30 Elftklässler des Döbelner Gymnasiums. Nicht alle waren von Anfang an von der Idee begeistert, in der Landwirtschaft zu helfen. Hans Stiller hatte den Kontakt zur Firma Hoob und über einen Jahrgangschat nachgefragt, wer mitmachen will. 

Das erwirtschaftete Geld soll zur Finanzierung des Abi-Balls im nächsten Jahr eingesetzt werden. „Ich war zuerst überhaupt nicht von der Idee begeistert. Von jemanden mit Erfahrung habe ich mir erklären lassen, wie das Anleiten von Hopfen funktioniert. Mir wurde gesagt, man stehe auch noch nach der Arbeit im rechten Winkel“, sagte Viktoria Ort, eine der Elftklässlerinnen. 

„Ohje dachte ich. Das ist nichts für mich.“ Da dann noch Helfer gebraucht wurden, habe sie sich entschlossen, doch mitzumachen – für den Jahrgang und den Abi-Ball. Und dann kam ihr Einsatz.

Zunächst am Sonnabend. Doch anhaltende Regenschauer beendeten den Einsatz nach viereinhalb Stunden. „Die Arbeit war gar nicht so schwer und auch nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagte Viktoria Ort. Allerdings habe sie Rückenschmerzen und einen mächtigen Muskelkater in den Beinen. 

Doch der werde auch wieder vergehen, wenn auch erst in den nächsten Tagen. Denn Viktoria und ihre Klassenkameraden waren am Montag noch einmal in Aktion. „Es hat trotz allem Spaß gemacht. Ich habe nun viel mehr Respekt vor denjenigen, die diese Arbeit immer leisten. Die Arbeit auf dem Feld war eine gute Erfahrung. Ich lerne gern etwas dazu. Außerdem hat es uns Schüler noch enger zusammengeschweißt“, so Viktoria Ort.

Man habe sich gegenseitig geholfen. Die einen waren schneller, die anderen langsamer. Wer fertig war, habe einfach in der anderen Reihe weitergemacht. „Schließlich wollen wir für das Geld auch eine Leistung abgeben und bei Familie Joachim einen guten Eindruck hinterlassen. Ich glaube, dass ist uns gelungen. Herr Joachim hat sich bei uns ausdrücklich bedankt“, so die Elftklässlerin.

Trotz Abstand gute Stimmung

Am kommenden Sonnabend werden 15 weitere Gymnasiasten der elften Klasse im Einsatz auf den Hopfenfeldern rund um Schrebitz sein. „Obwohl die meisten Helfer keine Erfahrung beim Anleiten von Hopfentrieben haben, sind wir sehr zufrieden. Natürlich können sie mit der Schnelligkeit der erfahrenen Saisonkräfte nicht mithalten. Dafür sind mehr Leute im Einsatz“, so Julia Joachim. 

Die Familie sei über jede helfende Hand froh. Alle werden entlohnt. „Schließlich stehen sie bei Wind und Wetter auf dem Feld“, sagte die Hopfenkönigin. Viel Kompetenz werde nicht benötigt. 

„Wichtig ist, dass man bis Drei zählen kann. Denn an jeden Draht werden drei Triebe angeleitet. Und das erfolge im Uhrzeigersinn. Das Arbeiten von Links nach Rechts müsse beherrscht werden.“ Denn der Hopfen wächst mit der Sonne mit. Wird falsch herum angeleitet, wickeln sich die Triebe von selbst ab und die Arbeit ist umsonst.

Obwohl die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden – die Zeilen liegen alle zwei Meter auseinander – ist die Stimmung unter den Helfern sehr gut. „Es bilden sich Teams, die sich einen Namen geben. Über die Zeilen hinweg wird sich zugerufen, ermuntert weiterzumachen“, sagte Julia Joachim. 

Der Zusammenhalt sei enorm. Familien, Freunde, Studenten, Wohngemeinschaften würden die Hauptzutat für der Deutschen liebstes Getränk, das Bier, retten.

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