merken
PLUS Meißen

Big Brother im Storchennest

Fast alle Horste im Altkreis Meißen sind besetzt. Ob es ein gutes Storchenjahr wird, ist aber noch unsicher.

Auch die beiden Zehrener Störche sind wieder da und waren schon fleißig.
Auch die beiden Zehrener Störche sind wieder da und waren schon fleißig. © Archivfoto: Claudia Hübschmann

Zehren. Von seinem Grundstück in Zehren aus hat Jürgen Biller den direkten Blick auf einen alten Werksschornstein und auf das Storchennest, das sich darauf befindet. Und so ist der Weißstorchbeauftragte für den Altkreis Meißen immer bestens informiert, was auf dem dortigen Horst in 22 Metern Höhe  passiert.  Seit Ostersonntag sind "seine" Störche wieder da, sagt Jürgen Biller, der hauptberuflich Fliesenleger  ist.  

Vor zwei Jahren hat er das Amt des Weißstorchbetreuers im Altkreis Meißen von Bernd Katzer übernommen.  Dass es "seine" Störche sind,  die da hoch oben auf dem Schornstein ihr Lager aufgeschlagen haben, dessen kann sich der Zehrener sicher sein. Nicht nur, weil Störche sehr standorttreu sind, also meist das gleiche Nest wie im Vorjahr aufsuchen, sondern weil das Weibchen beringt ist.  

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Und diesen Ring kann er gut erkennen. Denn am Nest ist seit vielen Jahren ein Videokamera installiert. Big Brother im Storchennest sozusagen. Mit Fernglas und Spektiv kann der Storchenbetreuer zudem die Schrift auf den Ringen genau erkennen, so zum Teil die Flugrouten verfolgen. Einmal konnte er den Zwischenstopp eines Storches in Jordanien nachvollziehen. Er gehört zu den „Ostziehern“, die von dort aus nach Afrika weiterziehen. Die „Westzieher“ hingegen bleiben wegen der höheren Temperaturen auch im Winter jetzt meist schon in Südspanien hängen.

Jürgen Biller jedenfalls kann stets beobachten, was sich im Horst abspielt. Und weiß deshalb auch, dass bis Freitag voriger Woche bereits zwei Eier in dem Nest lagen. Am Sonntag kam ein drittes dazu. "Wenn es gut läuft,  könnten es in diesem Jahr vier bis fünf Eier werden", sagt der Weißstorchbeauftragte. Was jedoch nicht heißt, dass auch ebenso viele Jungstörche aufgezogen werden. "Es kommt auch auf das Nahrungsangebot an. Gibt es zu wenig Futter, sind Störche rabiat. Sie werfen dann einfach ein oder zwei Jungtiere aus dem Nest", sagt er.

Auch die anderen Horste in seinem Revier sind besetzt, bis auf einen. In Rhäsa wurden 2018 zum letzten Mal Störche gesichtet, hatten sogar schon Eier gelegt. "In jenem Jahr kam es aber zu einem Zwischenfall. Wir wissen aber nicht genau, was dort geschah. Seitdem ist dieser Horst jedenfalls unbesetzt", sagt Jürgen Biller. Die Störche dort sind wohl umgezogen, brüten jetzt auf einem Schornstein der ehemaligen Lederfabrik in Nossen. Besetzt sind auch die Horste in Niederlommatzsch,  Lommatzsch und in Meißen-Zaschendorf. In Lommatzsch kamen die Störchin am 3. April, der Storch sieben Tage später. Zwischendurch war auch ein beringter Storch am Nest, wurde aber vertrieben. Störche sind eben nicht nur standorttreu.  

Life is live: Die Zehrener Störchin mit drei Eiern, aufgenommen von einer Videokamera am Host.
Life is live: Die Zehrener Störchin mit drei Eiern, aufgenommen von einer Videokamera am Host. © Jürgen Biller

Es könnte also ein gutes Storchenjahr werden, so wie im Vorjahr. Damals wurden insgesamt zwölf Jungstörche großgezogen, jeweils drei in Lommatzsch und Nossen und je zwei in Zehren, Niederlommatzsch und Zaschendorf. Prognosen will Jürgen Biller aber nicht aufstellen. Wie viele Störche letztlich überleben und sich im Herbst in Richtung Süden aufmachen, hängt von vielen Faktoren und Unwägbarkeiten ab. 

"Die ersten zwei Wochen nach dem Schlüpfen sind die kritischsten. Ist es dann kalt und nass, können die Jungtiere schnell unterkühlen", sagt der Zehrener. So kamen beispielsweise vor zwei Jahren in Nossen zwei der drei Jungstörche durch Hagel ums Leben. Auch in Lommatzsch war damals ein Jungstorch bei Hagel aus dem Nest gefallen. 

Ein großes Problem könnte auch die Trockenheit werden. Die derzeit trockene und warme Witterung kommt den Störchen zwar entgegen, doch wenn in etwa vier Wochen die Jungen schlüpfen, könnte die Trockenheit zum Problem werden. Die Störche brauchen dann Regenwürmer, um die Jungen zu füttern. Dazu muss es aber erst einmal kräftig regnen. 

Um den Bestand der Weißstörche im Altkreis Meißen macht sich Jürgen Biller, der seit 1992 die großen Vögel auf dem Zehrener Werksschornstein beobachtet, keine Sorgen. Um den Storchenbestand zu erhalten, sind zwei Jungstörche pro Jahr und Paar nötig, also insgesamt zehn auf den fünf Horsten. 2017 und 2018 wurde diese Zahl erreicht, im Vorjahr waren es sogar zwölf. Das sah zumindest sachsenweit im Jahr 2016 noch ganz anders aus. Damals sank der Zahl der Jungen pro Horst auf 1,6.

Jürgen Biller beobachtet und zählt nicht nur die Störche, er greift auch helfend ein, wenn es sein muss. So war vor einigen Jahren ein junger, noch nicht flugfähiger Storch aus dem Nest gefallen. Biller brachte ihn zunächst in die Wildvogel-Auffangstation nach Dresden-Kaditz. Dort wurde der Storch aufgepäppelt, kam dann in den Zoo Görlitz, wo er beringt wurde.

Weiterführende Artikel

Wird 2020 ein Rekordjahr für die Störche?

Wird 2020 ein Rekordjahr für die Störche?

In der Region Riesa und Großenhain nisten so viele der Tiere wie seit Jahrzehnten nicht. Warum, darüber rätseln auch die Experten.

Jürgen Biller holt seinen Laptop heraus. Die Störchin ist zu sehen und deutlich auch die Eier. Vor einigen Jahren war im angrenzenden Eiscafé ein Bildschirm aufgebaut. Jeder konnte sich dort die Livebilder vom Storchennest ansehen. Das Eiscafé ist seit Jahren geschlossen. So hat der Weißstorchbeauftragte derzeit das Privileg, live in den Horst zu schauen. Das könnte sich aber ändern. Denn das Eiscafé soll wieder eröffnet werden. Corona hat den Plänen aber erst mal ein Stoppzeichen gesetzt. Aber vielleicht gibt es im nächsten Jahr Big Brother aus dem Storchennest für alle. 

Mehr zum Thema Meißen