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Bildhauer mit Stihl

Dieses Wochenende ist „Kunst: offen“ in Sachsen. Initiator Olaf Klepzig arbeitet zurzeit gern mit Kettensägen.

Von Jörg Stock

Olaf Klepzig geht mir um den Bart. Mit einer Stihl-Kettensäge. Ich bin froh, dass es nur mein hölzernes Abbild ist, an dem er hantiert. Aus dem Eichenstück guckt schon das Kinn hervor, die Nase, die Augenpartie. Ich sitze auf meinem Höckerchen, und die Späne fliegen mir um die Ohren. Dann und wann taxiert mich Klepzig durch das Drahtvisier seines Forsthelms. Plötzlich stellt er die Säge ab. Er wundert sich: Zwei, drei Zähne hat sie sich ausgebissen. Ein eingewachsener Stein? Die Kunst wird das nicht stoppen. Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen, von Machen müssen, sagt Klepzig. Flugs holt er eine zweite Säge und legt aufs Neue los.

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Wer wissen will, wo und wie Kunst gemacht wird und von wem, der hat dieses Wochenende Gelegenheit, es herauszufinden. „Kunst: offen“ ist angesagt. Von heute bis Montag laden sachsenweit 321 Künstler zum Besuch in ihre Arbeitsstätten. Auch Olaf Klepzig, der Bildhauer aus der Alten Försterei in Rabenau, tut das. Wer Lust hat, kann sich bei ihm einen Holzkopf sägen lassen, sich mit Ton oder am Stein ausprobieren oder einfach Kunstwerke anschauen und – das ist Klepzig wichtig – auch anfassen. In einer Zeit, wo alles immer virtueller wird, weiß doch keiner mehr genau, was Wirklichkeit ist und was gefälscht, sagt er. „Hier im Atelier ist alles echt.“

Der 51-jährige Olaf Klepzig arbeitet seit 2002 als freischaffender Künstler in Rabenau. „Kunst: offen in Sachsen“ ist sein Projekt. Pfingsten 2005 fand der Ateliertag zum ersten Mal statt, mit etwa 80 Künstlern, die Klepzig persönlich zusammengetrommelt hatte. Dieses Jahr ist Nummer zehn dran. Es gibt so viele Teilnehmer wie nie zuvor. Die Sache hat sich herumgesprochen. Längst ist ein Verein gegründet, der alles lenkt. Klepzig ist der Vorsitzende, „nur der Kopf“, sagt er. Die Arbeit aber ruht auf vielen Schultern.

Wie es damals zu „Kunst: offen“ kam, ist schnell erzählt. Nachdem sich Olaf Klepzig, früher Lehrer, entschlossen hatte, die Kunst zum Brotberuf zu machen, suchte er nach Wegen, seine Kunstwerke an den Mann und die Frau zu bringen. Als Künstler auf dem Lande, der keine Galerie hat, war das schwierig. Ein paarmal packte er seine Sachen ins Auto und fuhr damit zum Ateliertag nach Dresden, dorthin, wo potenzielle Kunden waren. Eine umständliche Sache. Die Lösung: Interessenten ins Atelier holen, und zwar nicht nur in eins, sondern in möglichst viele, und das zu gleicher Zeit. Etwas Ähnliches gab es in Mecklenburg-Vorpommern schon seit den 1990er-Jahren. Klepzigs Kollegen mochten die Idee. „Die Resonanz war erstaunlich“, sagt er. Und so kam die Landpartie für Kunstsinnige auch in Sachsen in Gang.

Kunstwerke sind keine Brötchen

Olaf Klepzig öffnet seine Arbeitsräume gern, auch deshalb, weil er weiß, dass ohne Extra-Einladung kein Fremder zu ihm und zu seiner Kunst finden würde, von der er schließlich leben muss. Klar, er hat auch eine Internetseite. Er schickt jeden Monat eine E-Mail mit neuen Angeboten an seine Kontakte in die Weltgeschichte hinaus. Verkäufe oder Aufträge sind dadurch so gut wie nie zustande gekommen. Klepzig hält das Internet für überschätzt. Das direkte Erleben, das Sehen und Begreifen ist noch immer die beste Werbung, findet er. Und eben das passiert bei „Kunst: offen“.

Von Kunst leben. Geht das überhaupt? Es ist ein hartes Brot. Vielleicht so hart wie der Eichenstamm, den Olaf Klepzig gerade unter der Säge hat. Klepzig denkt, dass achtzig, neunzig Prozent seiner Berufskollegen am Limit leben, so wie er selbst. Er hat keine Schulden, aber er kommt gerade so über die Runden. „Kunst: offen“ ist für ihn eine Chance, Leuten zu zeigen, dass es ohne die Kunst nicht geht. „Wir würden vertrocknen wie Primeln ohne Wasser.“ Dass Kunst ihren Preis haben muss, ist klar, sagt er. Die leistet man sich nicht jeden Tag wie die Frühstücksbrötchen. Jedes Kunstwerk ist etwas Besonderes. „Das gibt es nur einmal auf der ganzen Welt.“

Kunst verkaufen und Kunst schaffen bleiben für Olaf Klepzig trotz allem zwei verschiedene Dinge. Denn wie gesagt: Machen muss er die Kunst. Sie muss raus aus ihm, sagt er. „Die Kunst ist mein Leben.“

Atelier Olaf Klepzig: Malerei, Plastik/Skulptur, Grafik;

Alte Försterei Rabenau, Förstereistr. 8, So+Mo 10-18 Uhr, Porträtsägen, arbeiten mit Holz, Ton, Stein und Farben