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Bildungsticket: Sachsens Schüler müssen weiter warten

Sachsens Schüler warten weiter vergeblich auf das kostengünstige, ganztägig und verbundweit gültige Bildungsticket.

Junge Leute sollen kostengünstig auf allen ÖPNV-Strecken unterwegs sein.
Junge Leute sollen kostengünstig auf allen ÖPNV-Strecken unterwegs sein. © dpa/Montage SZ

Die Linke im Sächsischen Landtag hatte es geahnt: Das mit dem Bildungsticket wird wohl wieder nichts. Die Oppositionspartei hatte Ende Januar einen Antrag im Plenum eingebracht. Titel: „Die Einführung des Bildungstickets zum Schuljahresbeginn 2020/2021 nicht gefährden“. 

Demnach sollte die Landesregierung das Vorhaben „prioritär behandeln“ und dem Parlament Bericht erstatten – spätestens am 28. Februar, gut zwei Wochen, ehe Corona auch Sachsen lahmlegte. Der Antrag wurde abgelehnt. „Weil wir ihn nicht brauchen“, er „gegenstandslos“ sei, man sich längst mit der Materie befasse, hieß es unisono von CDU, Bündnisgrünen und SPD.

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Kurz zuvor hatte die Regierung ihr Sofortprogramm „Start 2020“ beschlossen: 220 Millionen Euro für rund 170 Projekte – zusätzlich zu den im Doppelhaushalt 2019/20 eingestellten 75 Millionen für den ÖPNV. Das einheitliche, kostengünstige, ganztägig und ganzjährig sowie mindestens verbundweit gültige Bildungsticket für Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen wurde explizit genannt. 

Die Vorhaben würden „durch die jeweiligen Ressorts weiter konkretisiert und auf den Weg gebracht“, hieß es. Auf die Anfrage der SZ, was das Wirtschaftsministerium seit jener Kabinettssitzung auf dem Fichtelberg unternommen habe, geht das SPD-geführte Haus nicht ein. Stattdessen räumt es gut sieben Wochen vor dem geplanten Start ein.

„Leider haben wir uns noch nicht mit den Geschäftsführern der Zweckverbünde auf die Einführung eines Bildungstickets einigen können. Damit erscheint die Einführung des Tickets zum Schuljahresbeginn als nicht realistisch.“ Auch der Verkehrsverbund Oberelbe signalisiert: „Bis Ende August wird das nichts mehr“, man sei „noch mitten im Prozess“. Durch das Ticket würden den Verbünden Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe fehlen, sagt Sprecher Christian Schlemper.

Freistaat ist nur Bittsteller

Sachsens öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV) wird von den Landkreisen und kreisfreien Städten über Zweckverbünde organisiert. Der Freistaat sei „nur Bittsteller“ und besitze bei Tarifen keine direkten Einflussmöglichkeiten, hatte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) im Landtag erklärt. Wer nur auf das Bildungsticket schaue, greife viel zu kurz, argumentierte er. 

Ihm gehe es um eine Grundsatzreform des ÖPNV und direkte Einflussnahme über eine Landesverkehrsgesellschaft. Die Landräte, Chefs der Zweckverbünde, beziffern die monatlichen Kosten mit 45 bis 65 Euro pro Bildungsticket – weit über den von der Regierung angestrebten Ausgabepreis von zehn bis 20 Euro. Sie erwarten, dass das Land den Verbünden die Differenz mit jährlich festgeschriebener Anpassung nach oben erstattet. „Mondzahlen werden wir nicht akzeptieren“, entgegnet Dulig. Sein Haus habe eigene Berechnungen und lasse sich „nicht verschaukeln“. 

In den vergangenen sieben Jahren war das Bildungsticket immer wieder an- und abgesagt worden. Der Landesschülerrat (LSR) moniert „viele Absichtserklärungen, aber keine handfesten Vereinbarungen“. Schon die vorherige schwarz-rote Regierungskoalition hatte sich 2014 in den Vertrag geschrieben, dass ein kostengünstiges Bildungsticket eingeführt werden soll – Ende 2015 und sogar „sachsenweit gültig“. Zuletzt war von Schuljahresbeginn 2020/2021 die Rede und nur noch „mindestens verbundweiter“ Gültigkeit.

"Große Enttäuschung"

Bezahlbare Mobilität für Sachsens Jugend bleibt Stückwerk. Kurz vor der letzten Landtagswahl im September wurden ein Schülerfreizeitticket – zehn Euro im Monat, ab 14 Uhr gültig – und ein Azubiticket eingeführt. Mit ihm können Lehrlinge für 48 Euro in ihrem Verbund mit Bus und Bahn zum Ausbildungsbetrieb und zur Berufsschule fahren. Jede weitere Zone kostet fünf Euro mehr, ganz Sachsen 68 Euro. 

Der Fahrausweis gilt ab August auch für Teilnehmer am Freiwilligendienst. Andreas Brzezinski, Chef der Handwerkskammer Dresden, lobt das Ticket als „Schritt, die Attraktivität der dualen Berufsausbildung zu steigern“. Er kritisiert aber auch deutlich höhere Kosten im Vergleich zum Semesterticket für Studenten.

„Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, sagt Marlen Schröder im Namen der DGB-Jugend. Die Landesjugendsekretärin hat sich „damit abgefunden, dass das Bildungsticket in diesem Jahr wieder nicht kommt“. Der Gewerkschaftsnachwuchs wolle 2021 eine neue Kampagne starten, sagt sie.

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Auch für Joanna Kesicka ist das Azubiticket ein Erfolg. Dennoch spricht die LSR-Vorsitzende von „großer Enttäuschung“. Die allermeisten hätten nichts davon, sagt die Sprecherin von fast 380.000 Schülerinnen und Schülern im Freistaat. Sicher habe die Pandemie einiges verändert, so die Elftklässlerin. „Aber Corona kann nicht die Ausrede für die nächsten Jahre sein.“

Vor allem für Schüler auf dem Land sei das ganztägige Bildungsticket wichtig. Kesicka pendelt selbst zwischen Görlitz und Löbau, wo sie aufs Gymnasium geht – für rund 100 Euro im Monat. Die 19-Jährige verlangt von der Politik die Einlösung ihres Versprechens. Am besten noch vor dem eigenen Abi im kommenden Jahr.

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