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Billig bis in die Katastrophe

Markenfirmen schaffen zwar Millionen Jobs in Indien und Co. Aber sie tolerieren miese Arbeitsbedingungen.

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Von Hannes Koch

Die Globalisierung ist brutal. Am Sonnabend starben über 100 Näherinnen beim Brand einer Textilfabrik in Bangladesch, die unter anderem für das deutsche Unternehmen C&A arbeitet. KIK dementierte, Waren von dort zu beziehen. Das ist die eine Seite des weltweiten Prozesses. Die andere sollte man aber nicht vergessen: In den Fabriken Chinas und Indiens, in Bangladesch, Indonesien und weiteren Ländern finden Hunderte Millionen Menschen erstmals eine Lohnarbeit und haben damit die Möglichkeit, ihre soziale Lage zu verbessern.

Das mag erstaunlich oder gar zynisch klingen. Doch während des Zeitalters der neuen Globalisierung seit Beginn der 1980er Jahre sank weltweit die absolute Zahl der Armen, ebenso wie ihr Anteil an der Weltbevölkerung. Denn in vielen Entwicklungsländern wurden neue Fabriken gebaut. Dort verdienen Millionen Menschen erstmals einen Arbeitslohn, mit dem sich mindestens einige ein besseres Leben finanzieren. Industrialisierung bedeutet beides – Fortschritt, aber auch neues Elend.

Diese beklagenswerte Seite der Globalisierung sieht so aus: Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Textil-, Schuh- und Handyfabriken erhalten oft Löhne, die für sie und ihre Familien nicht zum Leben reichen. Sie arbeiten deshalb bis zu 70 Stunden pro Woche. Hunderte teilen sich eine Toilette, Dutzende den überfüllten Schlafsaal im Wohnheim. In den Fabriken fehlen Notausgänge, Feuerlöscher und Belüftungsanlagen. Nicht selten werden besonders die Arbeiterinnen von ihren Vorgesetzten erniedrigt.

Zehn Cent pro T-Shirt

Warum ist so etwas möglich? Schließlich gibt es die weltweiten Mindeststandards der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Vereinten Nationen, die allzu miese Arbeitsbedingungen verhindern sollen. Und auch Unternehmen wie C&A, Otto, P&C, H&M und KIK haben sich eigene Sozialstandards verordnet. Vom Einzelfall abgesehen, besteht grundsätzlich jedoch häufig ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Manche Staaten und Firmen setzen nicht richtig um, was auf dem Papier steht.

Beispiel Kontrollen: In der Textil- und Elektronikbranche ist es mittlerweile üblich, dass die Handelskonzerne Europas und Nordamerikas regelmäßig überprüfen lassen, ob ihre Zulieferfirmen in den Entwicklungs- und Schwellenländern die Sozial- und Ökostandards einhalten. Mitunter aber kündigen die Kontrolleure ihre Besuche vorher an. Oder sie drücken ein Auge zu, wenn die Notausgänge verstellt sind und ein neues Fabrikgebäude zu wenige Fluchtwege aufweist. Oft erstrecken sich die Visiten auch nur auf die größten Zulieferer. Die Hunderten kleinen Buden, die jene mit Halbfertigprodukten versorgen, werden niemals durchleuchtet. Zudem neigen hiesige Handelskonzerne dazu, sich doppeldeutig zu verhalten. Ihre Ziele widersprechen einander. Einerseits möchten die Firmen gut sein, andererseits aber auch viel Geld verdienen. So reservieren sie sich selbst zweistellige Gewinne. Von ihren Auftragnehmern verlangen sie, schnell und extrem günstig zu liefern. Wegen des Kostendrucks fällt es den Fabrikbesitzern in den Entwicklungsländern schwer, die Verhaltensregeln einzuhalten. Und natürlich wollen auch die Zulieferer noch eine eigene Rendite erwirtschaften.

Dieser kombinierte Druck geht zulasten der Arbeiter und Arbeiterinnen. Gisela Burckhardt von der Kampagne für Saubere Kleidung schätzt, dass die Beschäftigten in den Textilfabriken von Bangladesch größenordnungsmäßig 0,5 bis ein Prozent dessen als anteiligen Arbeitslohn erhalten, was ein T-Shirt für Verbraucher in deutschen Geschäften kostet. Von 20 Euro wären das zehn bis 20 Cent.

Die Konzerne argumentieren oft, sie könnten den Zulieferarbeiterinnen nicht mehr zahlen, weil die Endkunden höhere Preise nicht tolerierten. Angesichts der in Rede stehenden kleinen Cent- oder Euro-Beträge ist diese Behauptung haarsträubend – einerseits. Andererseits: Jagen nicht die meisten von uns nach Schnäppchen-Textilien, obwohl man auch mal ein Fairtrade-Produkt kaufen könnte?