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Das Geister-Gewächshaus von Leipzig

Seit einem Jahr steht das Millionen-Forschungsobjekt im Botanischen Garten der Stadt. Gewachsen ist dort bis heute nichts.

Die Außenansicht des Forschungsgewächshaus des Biodiversitätszentrums (iDiv) in Leipzig auf dem Gelände des Botanischen Gartens.
Die Außenansicht des Forschungsgewächshaus des Biodiversitätszentrums (iDiv) in Leipzig auf dem Gelände des Botanischen Gartens. © Peter Endig

Von Sven Heitkamp

Wie ein unbemanntes Raumschiff liegt das neue Forschungsgewächshaus im Botanischen Garten von Leipzig. Gut 1.000 Quadratmeter groß, riesige Glasflächen, viel Edelstahl. Hinter den Scheiben aber sieht man nichts, außer leere Pflanztische, ungenutzte Deckenlampen und feine Metallrohre. Dabei ist es inzwischen 13 Monate her, dass das Forschungs-Flaggschiff mit viel Prominenz eröffnet wurde: Der Direktor des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), das das Haus eigentlich nutzen soll, war ebenso dabei wie der Finanzstaatssekretär aus Dresden und die Rektorin der Uni Leipzig. Immerhin 8,7 Millionen Euro hat das Gewächshaus gekostet, rund 5,3 Millionen kamen von der EU. Doch wer den Forschern einen Besuch abstatten und sich über ihre Arbeit zur Artenvielfalt informieren will, wird vertröstet: Es gebe immer noch technische Probleme. Man arbeite gemeinsam an der Einregulierung und hoffe auf eine baldige Nutzung – obwohl der Bau seit April 2019 offiziell als fertiggestellt gilt.

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Genauere Erklärungen für das Dilemma sind schwer zu bekommen. IDiv-Geschäftsführerin Sabine Matthiä sagt auf SZ-Nachfrage: „Es gibt noch Klärungs- und Anpassungsbedarf hinsichtlich der komplexen Steuerung der Technik im Gewächshaus.“ Die Zuständigkeit dafür liege beim Sächsischen Immobilien- und Baumanagement, kurz SIB. Gespräche würden laufen, heißt es weiter. Beim SIB hört sich die Erklärung dagegen etwas anders an. „Einer wissenschaftlichen Nutzung steht nach Meinung des SIB nichts mehr im Weg“, sagt Pressesprecher Alwin-Rainer Zipfl. „Wir wünschen uns diese auch bereits seit Längerem. Nicht nur, weil ein mit erheblichen Mitteln errichtetes Gebäude endlich in Nutzung kommen muss, sondern auch, weil dieses erst mit Bepflanzung richtig einreguliert werden kann.“

Das Herzstück des Forschungsgewächshauses ist eine 460 Quadratmeter große verglaste Fläche mit zwölf Anzuchtkabinen, in denen jeweils ein eigenes Mikroklima herrscht. Die Kammern sind teils mit Schleusen voneinander abgetrennt. In den unterschiedlichen Klimazonen können die Wissenschaftler simulieren, wie sich ein Ökosystem wandelt, wenn sich Temperaturen und Luftfeuchtigkeit verändern oder Arten verschwinden. Hinzu kommen Labore, eine Kühlzelle, eine Wurzelwaschanlage und weitere Technikbereiche. Das Forschungsgewächshaus sei eine hoch technisierte „Maschine“, sagt Zipfl. Der Betrieb und die Regulierung müssten umfangreich getestet und erlernt werden.

Nervöse Wärme- und Kälteerzeugung

Das Gebäude und die technischen Anlagen seien aber bereits seit Sommer vorigen Jahres an die Universität übergeben, betont Zipfl. Auch mit den Nutzern seien die Parameter diskutiert und immer weiter spezifiziert worden – „leider auch in Bereichen, die ursprünglich nicht bestellt waren“. Unter anderem seien Server ausgetauscht worden, da sie für die Datenmenge zu klein bemessen waren. Inzwischen sei das Gewächshaus jedoch in der Lage, Temperaturen in einem Schwankungsbereich von einem Grad Celsius auf Dauer zu halten und die Befeuchtung mit einer Abweichung von zehn Prozent zu sichern. „Das ist oberste Klasse“, sagt Zipfl. Schwierig seien die Wärme- und Kälteerzeugung, „die zurzeit noch sehr nervös reagiert“. Das verhindere aber aus Sicht des SIB einen Betrieb schon lange nicht mehr. Es seien lediglich noch weitere Optimierungen im Gange, die voraussichtlich im Juli abgeschlossen würden.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Gewächshaus ein Pilotprojekt zur Energieeinsparung ist: Es ist so konstruiert, dass möglichst wenig Energie benötigt wird und CO2-Emissionen deutlich verringert werden. Schließlich beschäftigen sich die Forscher aus 30 Nationen mit wissenschaftlichen Grundlagen für den nachhaltigen Umgang mit der Erde. Biodiversität gilt den Forschern dabei nicht nur als die Vielfalt der Arten und Ökosysteme, sondern auch als genetische Vielfalt und als Vielfalt ihres Zusammenspiels.

Das Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung ist eine Einrichtung der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit mehr als 300 Mitarbeitern und Mitgliedern in Leipzig, Halle und Jena. Ein 34 Millionen Euro teurer Neubau für die Wissenschaftler in der „Biocity“ an der Alten Messe ist indessen fast fertiggestellt: Man sei schon im Prozess der Übergabe, so ein Sprecher, und gehe von einer ersten Teilnutzung spätestens ab Oktober aus.

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