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Bis das Flügelhorn Funken sprüht

Samt Band eröffnet Till Brönner das Classic Open Air Dresden und gibt eine überraschende Erklärung ab.

Verführte die Massen in Dresden: Star-Trompeter Till Brönner.
Verführte die Massen in Dresden: Star-Trompeter Till Brönner. © Thomas Kretschel

Gesungen hat Till Brönner diesmal nicht. Der Trompeter beschränkte sich einmal ganz auf seine Kernkompetenz. Zwei Ausnahmen: Bevor er am Freitag auf dem Dresdner Neumarkt das Publikum mit einer instrumentalen Version des romantischen Songs „Once Upon a Summertime" aus dem Musicalfilm „Les Parapluies de Cherbourg“ entzückte, rezitierte er mal fix die englische Textvariante. 

Pianist Jasper Soffers genügte dafür als Begleitung. Anschließend schwelgte die gesamte Band in der Komposition von Michel Legrand, ließ Brönner die Trompete schmachten, als plane er eine Massenverführung. Die ihm, Absicht oder nicht, tatsächlich gelang.

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Gegen Ende der Show wollte er hingegen mit der Bossa-Nova-Nummer „Aquelas Coisas Todas“ noch einmal richtig den Sommer feiern, schnappte sich das Mikrofon, beließ es aber dabei, die Melodie ein paar Takte lang zu summen. Eine gute Entscheidung. Wie er überhaupt alles richtig machte. In seinen launigen Zwischenmoderationen den richtigen Ton traf, beim Spiel auf Trompete und Flügelhorn sowieso. Mit seinen Kollegen agierte er musikalisch und handwerklich auf derartig hohem Niveau, dass sich die Frage gar nicht stellte, was ein Jazzer beim Classic Open Air zu tun hatte.

1.300 Besucher hatten für das Vergnügen bezahlt, etliche Hundert lauschten hinter den Absperrungen gratis.
1.300 Besucher hatten für das Vergnügen bezahlt, etliche Hundert lauschten hinter den Absperrungen gratis. © Thomas Kretschel

Diese Veranstaltungsreihe erlebt in diesem Jahr ihre sechste Auflage, zweimal war Brönner bereits dabei. Am Freitag spielte er vor ausverkauften Reihen. 1.300 Besucher hatten für das Vergnügen bezahlt, etliche Hundert lauschten hinter den Absperrungen gratis und bekamen sogar noch mittels Videowand die Show in großformatigen Bildern präsentiert. Hingerissen war das gesamte Publikum ziemlich schnell, nach der Zugabe, einer funkensprühenden Version von Pharrell Williams’ „Happy“, jedoch gänzlich aus dem Häuschen. Was nicht zuletzt ein Verdienst von Drummer David Haynes war, der bei seinem Solo mal nicht auf Tempo-Angeberei setzte, sondern straffen Groove mit raffinierten Rhythmusfiguren paarte.

Während sich hier Till Brönner ebenso wie Saxofonist Magnus Lindgren förmlich die Seele aus dem Leib bliesen, die gesamte Band die Volldampfobergrenze durchbrach, hatte Brönner zu Beginn des zweiten Teils die Reduktion gefeiert. Für das im Januar 2018 veröffentlichte Duo-Album „Nightfall“ nahm er zusammen mit Bassmann Dieter Ilg auch Leonard Cohens „A Thousand Kisses Deep“ auf. Ein großartiges Stück Musik, das Brönner in Dresden mithilfe von Bandbassist Christian von Kaphengst servierte. Entkleidet, bis nur noch der herrliche Kern strahlte und man nicht mehr recht wusste, ob man laut juchzen oder gerührt schluchzen sollte.

„Ein Grad weniger und die Trompete fühlt sich um zehn Kilo schwerer an:“ Die laue Sommernacht war für Brönner perfekt.
„Ein Grad weniger und die Trompete fühlt sich um zehn Kilo schwerer an:“ Die laue Sommernacht war für Brönner perfekt. © Thomas Kretschel

Mit Blick auf den gesamten Abend fällt die Entscheidung dagegen leicht. Ein herrlicher Spätsommerabend vor schönster Kulisse, perfekter Sound, eine effektvolle Lichtinszenierung, feinste Musik und eine Hammer-Band. Mehr war gar nicht drin. Und deshalb: Jubeln und auf eine Wiederholung unter gleichen Bedingungen hoffen. Schließlich hatte Brönner gleich zu Beginn konstatiert, dass die Temperatur für ihn perfekt sei. „Ein Grad weniger und die Trompete fühlt sich um zehn Kilo schwerer an.“ Was sich sofort aufs Spiel auswirke. Generell sei der Mensch eben nicht dafür gemacht, sich „zwei Stunden lang ein Stück Metall ins Gesicht zu stecken“. Nur gut, dass er es dennoch getan hat. 

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