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Bis zuletzt

Heike Hauptmann begleitet Sterbende und ihre Angehörigen. Sie weiß, wie wichtig Hilfe in dieser Situation ist. Vor einem Jahr hat die Polizistin selbst ihren Mann verloren.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich (Text) und Uwe Soeder (Foto)

Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Bautzen. Such dir wieder jemanden, bleib nicht allein“, hat Jan auf dem Sterbebett gesagt. Heike Hauptmann muss lächeln, wenn sie daran denkt. „Er wollte unbedingt, dass ich das weiß. Das war ihm ganz wichtig“, erzählt sie. Aber noch will und kann sie darüber gar nicht nachdenken. Dazu ist Jan noch viel zu gegenwärtig. Er ist ja überall: sein Lachen auf den Fotos, die sie in der ganzen Wohnung aufgehängt hat, seine Züge in Max, ihrem Sohn. Jan ist in ihren Gedanken, in ihren Gefühlen, in den Gesprächen mit Freunden, auf ihrer Arbeitsstelle. Jan war auch Polizist.

Am 7. März 2017 ist er gestorben. Mit nur 52 Jahren. Acht Monate nach der Krebsdiagnose. Er hat ein Grab auf dem kleinen städtischen Friedhof am Bautzener Prot- schenberg. Heike Hauptmann kommt oft hier herauf. Fast immer bringt sie Blumen mit. Sie will nicht mit leeren Händen kommen. Sie nimmt sich viel Zeit dafür, das Grab schön zu machen, ordnet das Reisig, wechselt die Blumen und das Öllicht in der kleinen Laterne. Ein Öllicht brennt drei Tage. Sie macht das nicht für die Leute, sagt die 43-Jährige. Sie macht das für sich. Und wenn sie allein ist hier oben, dann redet sie mit Jan, fragt ihn, wie er dieses oder jenes gemacht hätte, was er ihr denn raten könne in dieser oder jener Frage. Jan wollte eine Grabstelle auf dem Bautzener Protschenberg. Heike und Max haben sie ausgesucht. Eine schöne Stelle. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieser Ort hier mal so wichtig ist“, sagt die Bautznerin.

Heike Hauptmann weiß viel über das Trauern und das Sterben. Sie hat es gelernt in der Theorie. Vor drei Jahren hat sie eine Ausbildung zur Hospizhelferin bei der Bautzener Diakonie gemacht. Neben ihrer Arbeit bei der Autobahnpolizei begleitet sie seitdem ehrenamtlich sterbende Menschen und ihre Angehörigen. Fast ein Jahr lang hat sie eine alte Frau besucht und ihr vorgelesen. Heike Hauptmann lächelt: „Hape Kerkeling wollte die alte Dame hören: Ich bin dann mal weg.“ Auch Menschen, die im Sterben liegen, können hören. „Es heißt ja, das Gehör stirbt zuletzt“, sagt Heike Hauptmann. „Ich glaube ganz sicher, dass das so ist. Und es ist beruhigend, das zu wissen.“ Die Besuche bei der alten Dame, sagt sie, haben ihr auch selbst viel gegeben. „Einfach nur da sein und Zeit schenken, das ist ein sehr schönes Gefühl.“ Auch ihrer Großmutter hat sie beim Sterben die Hand gehalten und einer einsamen alten Frau im Altersheim. „Danach wusste ich, ich kann das“, sagt sie. Sie wusste aber nicht, was es bedeutet, die Liebe des Lebens beim Sterben zu begleiten.

Die Wohnung als Krankenstation

Es wird keine Heilung mehr geben, sagen die Ärzte gleich nach der Diagnose. „Es war ein Schock“, erzählt Heike Hauptmann. „Und es war etwas ganz anderes als alles, was ich beim Hospizdienst gemacht hatte. Da hatte ich doch an den Sterbebetten alter Menschen gesessen.“ Und jetzt Jan! Sie weiß von Anfang an, was kommen wird. Sie weiß nicht, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Es werden acht schwere Monate. Jan, der starke, sportliche Mann, wird ein Pflegefall. „Es war eine völlige Ausnahmesituation“, erinnert sie sich, „das Pflegebett im Wohnzimmer, die ganze Wohnung eine Krankenstation. Und ich, ich hab irgendwie funktioniert.“ Jan will nicht allein sein in diesem Wohnzimmer. Aber auch Max, elf Jahre alt, braucht seine Mutter.

Sie sagen es dem Jungen schon früh: Der Papa wird sterben. Für Max ist das schlimm. Aber den Eltern ist es wichtig, ihn nicht im Ungewissen zu lassen. Sie reden viel über den Tod in dieser Zeit. „Der Tod ist für viele ja ein großes Tabu-Thema, auch für Sterbende. Dabei hilft es sehr, darüber sprechen zu können“, weiß Heike Hauptmann. Auch das Trauern ist wichtig. „Wir haben schon zusammen getrauert, als Jan noch gelebt hat“, erzählt sie. Um all die Zeit, die sie nicht mehr gemeinsam verbringen werden, um all die Dinge, die sie nicht mehr zusammen erleben können.

Viel zusammen gelacht

Sie reden auch viel mit Max darüber, was passiert und wie es weitergehen wird. Seit dem Tod seines Vaters hat er große Angst, auch die Mutter zu verlieren. Regelmäßig geht er bis heute in den Kindertrauerkreis, der sich einmal im Monat bei der Bautzener Diakonie trifft. Dort kann sich der Zwölfjährige mit anderen Kindern austauschen, die ebenfalls ein Elternteil oder Geschwister verloren haben. Stolz trägt Max auch eine Kette um den Hals. Der Anhänger sieht aus wie eine Patronenhülse: Jan war Schießausbilder bei der Polizei. In der Hülse steckt jetzt ein winziger Teil seiner Asche. Den Papa auf diese Weise immer bei sich zu haben, ist sehr tröstlich für den Jungen.

Heike Hauptmann hat sich auf die Friedhofsbank unter der knorrigen, alten Esche gesetzt. Von hier aus kann sie das Grab sehen. Sie atmet die kalte Januarluft. „Wir haben viel zusammen gelacht“, sagt sie. „Auch dann noch, als wir schon wussten, dass der Tod immer näher rückt.“ Als Jan in seinem Pflegebett rund um die Uhr Hilfe braucht, bittet Heike Hauptmann selbst um Unterstützung vom ambulanten Hospizdienst. Renate Diener, die den Hospizdienst der Bautzener Diakonie leitet, koordiniert die ehrenamtliche Hilfe. Rund 80 freiwillige Mitarbeiter stehen mehr oder weniger kontinuierlich auf Abruf bereit. Zu Jan Hauptmann schickt sie einen Mann. Jan möchte die Hilfe zuerst nicht. „Wenn der dann kommt, was soll ich denn sagen?“, fragt er seine Frau. „Das wird sich schon finden“, antwortet sie. Sie ist sich sicher, dass es das wird. Der Hospizhelfer ist ein Glücksfall. Er kann Jan zum Lachen bringen, er kann ihn aufmuntern, ihn mit allen möglichen Themen von seiner Krankheit und seinem Zustand ablenken. „Das hätte ich selber nie so geschafft“, sagt Heike Hauptmann im Nachhinein. Bis heute haben sie Kontakt.

Genau das ist es auch, was den ambulanten Hospizdienst ausmacht. Die Hilfe ist ganz individuell. „Die Sterbenden bestimmen, was wir für sie tun können, wann wir kommen und wann wir wieder gehen“, erklärt Renate Diener, die Leiterin. Die meisten Menschen wollen nicht allein sterben und wünschen sich, dass im Moment des Todes jemand da ist, die Hand hält, vielleicht ein Lied summt. Oder schweigt. Oder den Sterbenden im Rollstuhl noch mal raus in die Natur bringt. Wenn es soweit ist, richten die Helfer rund um die Uhr Sitzwachen ein. Es gibt aber auch Menschen, die allein sterben und ihren Angehörigen diesen Moment nicht antun wollen. Für die Angehörigen ist das nicht immer einfach zu verstehen. Manche haben dann Schuldgefühle. Renate Diener hört das oft: „Ich bin doch nur kurz aus dem Zimmer gegangen.“ Dann sagt sie der Frau: „Ihr Mann wollte das bestimmt so, er hat genau auf diesen Moment gewartet.“

Jan wollte, dass seine Frau bei ihm ist, wenn er stirbt. Die letzten zwei Wochen hat er im stationären Hospiz in Herrnhut verbracht. Heike konnte Tag und Nacht bei ihm sein. Sie will diese intensive Zeit nicht missen. „Auch wenn es sehr schlimm und sehr traurig war, „bin ich dankbar, dass ich das so intensiv erleben durfte.“ Auf der Bank unter der Esche lässt sie ihren Tränen freien Lauf. Man kann auch heulen dürfen, sagt sie sich in solchen Momenten. Sie will noch eine Weile sitzen bleiben. Max kommt erst in einer Stunde nach Hause. Trauer, sagt sie, ist nicht planbar und nicht begrenzbar. Seit Jans Tod hat sie keinen neuen Fall vom Hospizdienst mehr übernommen. Sie wird sich wieder melden, wenn sie das Gefühl hat, dass sie es wieder schaffen kann.

Wer sich ehrenamtlich im ambulanten Hospizdienst engagieren möchte, kann sich gern bei der Bautzener Diakonie melden: Karl-Liebknecht-Straße 16 in Bautzen,

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