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"Die Menschen sind hier offener"

Familie Werab tauschte ihr Dresdner Wohnung gegen ein Bauernhaus im Dörfchen Schmiedefeld. Ein Glücksgriff auch für die Großeltern.

Janine und Mario Werab mit Tochter Lilian im Bauerngarten vor dem sanierten Wohnhaus in Schmiedefeld.
Janine und Mario Werab mit Tochter Lilian im Bauerngarten vor dem sanierten Wohnhaus in Schmiedefeld. © SZ/Uwe Soeder

Wer von Dresden nach Bischofswerda auf der B6 fährt, lässt Schmiedefeld rechts neben der Bundesstraße liegen. In dem Dorf, das zur Gemeinde Großharthau gehört, haben Janine und Mario Werab mit ihren Töchtern Helen und Lilian ihr Glück gefunden. 

Das Glück des Tüchtigen. In wenigen Jahren sanierten sie einen Vierseithof, der zuvor sieben Jahre lang leer gestanden hatte, und machten ihn zu einem Schmuckstück. Die Gebäude wurden mit viel Liebe zum Detail restauriert. Hinter den historischen Fachwerkmauern findet man jetzt modernen Wohnkomfort. Draußen grünt und blüht es überall.

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Raus aus der Dresdner Neustadt

„Wir wollten raus aus der Stadt“, sagt Janine Werab. Die Drei-Raum-Wohnung in der Dresdner Neustadt war für die vierköpfige Familie zu klein geworden. So gingen sie auf die Suche, schauten auch im Dresdner Umland und wurden bei Ebay-Kleinanzeigen auf den Hof in Schmiedefeld aufmerksam, der dort zum Verkauf angeboten wurde. Das war vor gut fünf Jahren. In den ersten zweieinhalb Jahren, in denen die Familie das denkmalgeschützte Wohnhaus sanierte, wohnte sie im benachbarten Ausgedingehaus. 

Jetzt nutzen die Werabs das kleine Gebäude, um Besucher unterzubringen. Die Entscheidung, aufs Land zu ziehen, war für die Familie genau die richtige. Schmiedefeld ist für die Mädchen, die jetzt elf und neun Jahre alt sind, ein kleines Paradies. Sie fahren mit dem Bus nach Großharthau zur Schule. Dort lernten beziehungsweise lernen sie in Klassen mit jeweils 15 bis 18 Kindern. In Dresden sind die Grundschulklassen oft mit 28 Kindern bis auf den letzten Platz besetzt.

Nachbarn helfen - auch den Meerschweinchen

Zu Hause in Schmiedefeld können sie sich frei bewegen, ohne dass sich die Eltern Sorgen machen müssen. Mal fix aufs Rad und auf den Sportplatz oder zu einer Freundin fahren – kein Problem. „In Dresden muss man da schon wegen des Verkehrs viel mehr aufpassen“, sagt Janine Werab. Mario Werab (42) arbeitet in Schichten im Dresdener Serumwerk. Auch Janine Werab (40) pendelte einige Jahre in die Landeshauptstadt zur Arbeit in ihrem Fotostudio. Kürzlich wechselte sie als Marketing-Mitarbeiterin zum Kunststoffproduzenten Schoplast nach Bischofswerda. Dadurch hat sie jetzt einen kürzeren Arbeitsweg.

An seinem neuen Wohnort schätzt das Paar vor allem die Ruhe, die saubere Luft, die Natur. „Man hört hier kein Auto“, sagen sie – und plötzlich nimmt auch der Gast bewusst die Ruhe und das Gezwitscher der Vögel im Garten wahr.

Großmutter Bettina Werab zog mit aufs Land zu ihrem Sohn und dessen Familie. Im Rückblick staunt sie selbst, wie leicht es ihr gefallen ist, im neuen Wohnort Fuß zu fassen.
Großmutter Bettina Werab zog mit aufs Land zu ihrem Sohn und dessen Familie. Im Rückblick staunt sie selbst, wie leicht es ihr gefallen ist, im neuen Wohnort Fuß zu fassen. © SZ/Uwe Soeder

Janine Werab liebt den Garten am Haus, in dem Blumen, Kräuter, Gemüse und Kartoffeln wachsen. Ein Kleingarten in der Stadt wäre nicht ihr Fall. In Schmiedefeld kann sie in den Garten gehen, wann immer sie möchte und Zeit hat – auch mal nur für eine Stunde am Abend. Mehrmals in der Woche gehen Mario und Janine Werab joggen. Ihre Laufrunde beginnt gleich auf der Wiese hinterm Haus.

Die angestammten Schmiedefelder machten es der Familie leicht, im Dorf Fuß zu fassen. „Die Menschen sind hier offener als in der Stadt“, sagt Janine Werab. Und sie sind hilfsbereit. Wurde beim Bauen mal eine dritte Schubkarre gebraucht oder geht das Stroh für die Meerschweinchen aus – Nachbarn helfen gern. Auch die Kinder fanden ihren Freundeskreis und ihren Sportverein. 

Auch die Oma wurde überzeugt

Helen, die ältere, fährt zum Fechten nach Bischofswerda. Lilian spielt in einer Kindermannschaft in Großharthau Fußball. Mittendrin im Familienglück sind Oma und Opa – und das gleich zweimal. Für die Eltern von Mario Werab richteten die jungen Leute in ihrem Haus eine maßgeschneiderte Wohnung ein. Die Mutter von Janine Werab und ihr Lebensgefährte leben in der ehemaligen Scheune gegenüber, die sie fürs Wohnen ausbauten.

Bettina Werab und ihr Mann sind aus Freital zugezogen. Sie genießen es, täglich bei den Kindern und Enkeln zu sein. Gerade in der Corona-Zeit war das ein Glücksfall, sagt die 65-Jährige. Sie möchte es sich nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn sie in den Wochen der Kontaktbeschränkungen kaum aus ihrer Zweiraumwohnung rausgekommen wären und wochenlang ihre Enkel nicht gesehen hätten.

Bei allen Problemen – die Familie kann der Zeit, als Deutschland runter schaltete, auch etwas Gutes abgewinnen: Es war eine Zeit der Entschleunigung, die man auf dem Lande vielleicht noch intensiver als in der Stadt empfand. Im Rückblick staune sie selbst, wie leicht ihr der Umzug aufs Land gefallen ist, sagt Bettina Werab. Das mag zum einen daran liegen, dass sie schon während der Bauzeit oft in Schmiedefeld gewesen ist, um abwechselnd mit der anderen Oma die Mädchen zu betreuen. Das mag aber auch an ihrer Agilität liegen. „Eine Zweiraumwohnung hat man leicht im Griff“, sagt sie. In dem großen Haus und im Garten gibt es dagegen immer etwas zu tun – „und das ist schön“.

Semmeln sind knapp

Die Gemeinde Großharthau bietet Familien viel. Kindertagesstätten in drei Ortsteilen, eine Grundschule, öffentliche Spielplätze, Vereine, seit kurzem auch einen Supermarkt. Schön wäre es, in der Region würde es modernere Kinos geben, ist einer der Wünsche der Zuzügler. Aber um einen Film zu sehen, kann man ja auch nach Dresden fahren. Mit dem Auto ist man in gut zehn Minuten am Stadtrand. „Es wäre schön, wenn ein Bus von Schmiedefeld nach Dresden fahren würde“, sagt Janine Werab. Dann könnte sie das Auto eher mal stehen lassen. Doch die Familie fand auch dafür schon eine Lösung: Sie fuhr mit den Rädern zum Bahnhof nach Arnsdorf und stieg dort in den Zug ein.

Freilich habe sie auch schon Lehrgeld gezahlt, erzählt Janine Werab schmunzelnd. Als sie nach dem Umzug an einem Sonnabend gegen 10 Uhr zum Bäcker nach Großharthau fuhr, waren die Semmeln schon ausverkauft. In der Stadt wäre das undenkbar. Auf dem Land stehen die Leute halt früh auf.

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