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Mit 40 den ersten sicheren Job gefunden

Als Wissenschaftler bekam Jan Gülzau immer nur Zeitverträge. Deshalb entschied er sich gegen Leipzig - und für Bischofswerda.

Einen ausgesprochenen Lieblingsplatz in Bischofswerda habe er nicht, sagt Jan Gülzau. Er findet viele Ecken in der Stadt schön, zum Beispiel den Mühlteich, an dem er hier steht.
Einen ausgesprochenen Lieblingsplatz in Bischofswerda habe er nicht, sagt Jan Gülzau. Er findet viele Ecken in der Stadt schön, zum Beispiel den Mühlteich, an dem er hier steht. © Steffen Unger

Bischofswerda. Von seiner Wohnung in der Bischofswerdaer Innenstadt zur Arbeit läuft Jan Gülzau nur  wenige Minuten. Der 40-Jährige weiß es zu schätzen, dass er früh den Wecker etwas später klingeln lassen kann und trotzdem pünktlich im Stadtarchiv ist. Er hat dessen Leitung von Bischofswerdas langjähriger Stadtarchivarin Marina Wuttke übernommen, die in den Ruhestand gegangen ist. 

Jan Gülzau, der aus dem Norden stammt, ist Neu-Schiebocker. Seine ersten 20 Lebensjahre verbrachte er in Niedersachsen. Im Jahr 2000 ging er nach Leipzig, um Geschichte, Archivwissenschaften und Journalistik zu studieren. Nach dem Studium blieb er an der Uni und machte seinen Doktor. 18 Jahre lang lebte er in der Messestadt, ehe er zu Jahresbeginn 2019 nach Bischofswerda umzog.  

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Umzug bringt Planungssicherheit

Wer googelt, findet unter seinem Namen etliche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Zum Beispiel zum Grenzregime der DDR. Zu Schicksalen von DDR-Bürgern, deren Flucht in den Westen gescheitert war. Aber auch zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen - Thema seiner Doktorarbeit. Was zieht so einen Mann in eine Kleinstadt? 

Jan Gülzau sagt es frank und frei, dass es die Arbeit war. Es hätte auch jede andere Stadt sein können, in der er eine feste Anstellung gefunden hätte. Doch die Wege kreuzten sich. Die Stadt  Bischofswerda hatte die Stelle in ihrem Archiv ausgeschrieben - und der Wissenschaftler wollte sich beruflich verändern. "Archive haben ja auch immer  etwas mit Geschichte zu tun", sagt Jan Gülzau, der im Hauptberuf Historiker ist. Dass er im Nebenfach Archivwissenschaften studierte, ist jetzt natürlich von Vorteil. 

Wer Christoph Heins Roman "Weißkerns Nachlass" liest, bekommt eine leise Ahnung davon, unter welchen prekären Bedingungen Wissenschaftler an Universitäten und Hochschulen mitunter arbeiten, vor allem wenn sie auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften tätig sind. Auch im Gespräch mit Jan Gülzau fällt einmal das Wort "prekär". Obwohl hoch qualifiziert, bekam er immer nur befristete Verträge, Werkverträge und Stipendien. Mit der Festanstellung im Bischofswerdaer Stadtarchiv habe er nun mit 40 Jahren endlich auch persönlich Planungssicherheit, sagt er. 

Kulturschock ist ausgeblieben

Den vermeintlichen Kulturschock beim Wechsel von der prosperierenden Großstadt Leipzig ins beschauliche Bischofswerda habe es für ihn nicht gegeben, versichert Jan Gülzau. Im Gegenteil, er sieht sogar eine Parallele. 

Als er vor 20 Jahren in die Messestadt kam, war es - im Unterschied zu heute - nicht schwer, dort eine Wohnung zu finden. Daran musste er denken, als er sich in Bischofswerda nach einer Wohnung umsah. Er wollte gern in der Innenstadt leben - und konnte auf Anhieb aus mehreren Angeboten wählen.  

Seine Entscheidung umzuziehen habe er "bisher noch keine Minute bereut", sagt Jan Gülzau. "Ich fühle mich hier wohl. Die Arbeit macht Spaß und sie erfüllt mich." 

Auch der Stadt Bischofswerda kann er viel abgewinnen. "Sie bietet die Vorteile der Kleinstadt, ohne dass die Nachteile zum Tragen kommen." Kurze Wege, viel Grün, Geschäfte, in denen man bekommt, was man fürs tägliche Leben braucht, sanierte Schulen bis zum Gymnasium, Ärzte, Apotheken und ein Krankenhaus, zählt er auf, was er auf der Haben-Seite sieht. Seine Wege in der Stadt erledigt er zu Fuß oder mit dem Rad; nach Bautzen oder Dresden fährt er mit der Bahn. Ein Auto brauche er hier nicht, sagt Jan Gülzau.   

Was er im Unterschied zu Leipzig vermisst, ist das Kino um die Ecke. Dafür fährt er nach Dresden oder Bautzen. "Auf wichtige Filme verzichte ich auch jetzt nicht." 

"Bischofswerda verändert sich zum Positiven"

Dem Historiker gefallen auch die sanierte Altstadt, der Butterberg, der Stadtwald und der Tierpark, in dem er kürzlich zum ersten Mal gewesen ist - "klein, aber fein". 

"Bischofswerda verändert sich zum Positiven", sagt er und macht es an den vielen Baustellen, aber auch den seit einigen Jahren sinkenden Arbeitslosenzahlen fest. 

An die Möglichkeit, von hier wieder wegzugehen, verschwendet Jan Gülzau keinen Gedanken. "Wir würden ihn auch gar nicht weglassen", sagt Sascha Hache, Persönlicher Referent des Oberbürgermeisters, augenzwinkernd. Der neue Mann im Archiv sei mit seinem Wissen und seiner strukturierten Arbeitsweise genau der Richtige an diesem Platz und ein Gewinn für die Stadt. Auch die Semester, die Jan Gülzau im Fach Journalistik belegte, zahlen sich aus. "Er kann schwierige Themen so aufbereiten, dass es jeder versteht", sagt Sascha Hache. 

Als Archivar verwaltet Jan Gülzau  fast einen laufenden Kilometer Dokumente. Zur Stadtgeschichte zu forschen, gehört nicht zu seinen vorrangigen Aufgaben, auch wenn er wie seine Vorgängerin mit den Ortschronisten eng zusammenarbeitet und schon einige Themen erkannte, zu denen bisher nur wenig dokumentiert ist. Als Beispiel nennt er die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1949. "Arbeit gibt es hier noch für Jahrzehnte", ist sich Jan Gülzau sicher.

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