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Bist du jetzt mein richtiger Papa?

Bisher durften nur Eheleute das Kind ihres Partners adoptieren. Sachsens Notarkammerchef erklärt, was nun neu ist.

Seit April ist es auch unverheirateten Paaren möglich, das Kind des Partners aus einer früheren Beziehung als gemeinsames Kind zu adoptieren.
Seit April ist es auch unverheirateten Paaren möglich, das Kind des Partners aus einer früheren Beziehung als gemeinsames Kind zu adoptieren. © 123rf

Fast jedes vierte Kind in Sachsen wächst nur bei einem leiblichen Elternteil auf. Leben Mutter oder Vater wieder in einer festen Beziehung, besteht oft der Wunsch, dass der neue Partner das Kind adoptiert. Bisher war das aber nur möglich, wenn das Paar verheiratet war. Eine Ungleichbehandlung nicht ehelicher Stiefkindfamilien, entschied das Bundesverfassungsgericht. Damit änderte sich die Gesetzeslage. Seit April ist es nun auch unverheirateten Paaren möglich, das Kind des Partners aus einer früheren Beziehung als gemeinsames Kind anzunehmen. Welche Voraussetzungen dafür gelten und welche Folgen solch eine Adoption hat, beantwortet Karsten Schwipps, Präsident der Notarkammer Sachsen im SZ-Gespräch.

Herr Schwipps, aus welchen Gründen werden Kinder aus einer früheren Beziehung adoptiert?

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In den meisten Fällen soll durch diesen Schritt aus der „Wahlfamilie“ eine Familie im rechtlichen Sinn gemacht werden. Neben der emotionalen Bindung spielen auch erb- und unterhaltsrechtliche Gründe eine Rolle. Eine praktisch sehr relevante Konsequenz ist auch das gemeinsame Sorgerecht. Stirbt der leibliche Elternteil, hat sein Partner sonst kein Sorgerecht, selbst wenn das Kind zu ihm schon eine innige Beziehung aufgebaut hat. Solange der andere leibliche Elternteil lebt, kann er bestimmen, wo das Kind künftig bleibt. Ohne Adoption könnte das Kind also aus einer festen Bindung zum Stiefelternteil weggenommen werden. Die neue gesetzliche Regelung stärkt damit das Kindeswohl.

Muss der andere leibliche Elternteil sein Kind dafür freigeben?

Ja. Mit der Adoption eines Minderjährigen reißt das bisherige familiäre Band zum anderen Elternteil und dessen Verwandten ab. Deshalb ist grundsätzlich eine Einverständniserklärung des leiblichen Elternteils erforderlich.

Wird diese Erklärung so ohne Probleme abgegeben?

In der Mehrzahl der zur Adoption anstehenden Fälle steht die Elternschaft nur auf dem Papier, weil der Kontakt zum Kind entweder gar nicht vorhanden oder sehr sporadisch ist. Dass der Elternteil nicht einwilligt, kommt daher äußerst selten vor. Mitunter ist der leibliche Vater oder der Aufenthalt des leiblichen Elternteils auch gar nicht bekannt. Dann entfällt das Erfordernis der Einwilligung. Doch auch wenn die Einwilligung verweigert wird, muss die Adoption nicht scheitern. Das Familiengericht kann die Einwilligungserklärung auch ersetzen. Das passiert dann, wenn die Beziehung zu diesem Elternteil tief greifend gestört ist oder das Kindeswohl durch eine Adoption erst gewährleistet wird.

Sind Adoptivkinder den leiblichen Kindern des Paares gleichgestellt?

Ja. Ein Adoptivkind hat stets die gleichen Ansprüche wie leibliche Kinder des Paares.

Was gilt für Unterhalts- und Erbschaftsansprüche?

Nach der Adoption verliert das Kind alle Unterhalts- und Erbansprüche gegenüber dem leiblichen Elternteil, gewinnt aber entsprechend neue hinzu. Das gilt aber nur für Adoptionen von minderjährigen Kindern. Erfolgt die Annahme eines Volljährigen, bleiben die rechtlichen Beziehungen zu leiblichen Verwandten bestehen. Der Volljährige hat mehrere Eltern.

Und minderjährige Kinder können nicht mehrere Eltern haben?

Nein. Zwischen dem Annehmenden und dem Kind soll ein Eltern-Kind-Verhältnis entstehen. Hierfür wäre es problematisch, wenn die Adoptiveltern mit den leiblichen konkurrieren.

Wie häufig werden Kinder aus vorhergehenden Beziehungen durch den neuen Partner adoptiert?

Die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundes- und Landesamtes stammen von 2018. Deutschlandweit sind mehr als 60 Prozent aller Adoptionen Stiefkindadoptionen. Von 3.733 minderjährigen Kindern, die 2018 in Deutschland neue Eltern bekamen, waren 2.283 Stiefkinder. In Sachsen waren es 57 Prozent. Die neue Gesetzeslage wird voraussichtlich zu einem Anstieg der Stiefkindadoptionen führen.

Dr. Karsten Schwipps ist seit 2018 Präsident der Notarkammer Sachsen. Die Ausbildung absolvierte er auch in Dresden.
Dr. Karsten Schwipps ist seit 2018 Präsident der Notarkammer Sachsen. Die Ausbildung absolvierte er auch in Dresden. © Notarkammer Sachsen

Welche Voraussetzungen gelten für die Stiefkindadoption?

Ein nicht verheiratetes Paar muss für eine Adoption nachweisen, dass es in einer verfestigten Lebensgemeinschaft und in einem gemeinsamen Haushalt lebt. In der Regel muss die Lebensgemeinschaft mindestens seit vier Jahren bestehen oder es muss ein weiteres gemeinschaftliches Kind existieren. Wie bei jeder anderen Adoption steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt.

Werden auch die Kinder gefragt, ob sie adoptiert werden wollen?

Ab dem 14. Lebensjahr bedarf die Adoption der Einwilligung durch das Kind selbst. Bei jüngeren Kindern geben deren Sorgeberechtigte diese Erklärung ab. Das Kind wird aber auch dann vom Familiengericht persönlich befragt. Soweit notwendig, erhält es zur Unterstützung einen sogenannten Verfahrensbeistand.

Wie müssen potenzielle Adoptiveltern vorgehen?

Sie wenden sich an einen Notar. Das ist bei Entscheidungen dieser Tragweite zwingend. Der Notar berät die Beteiligten und reicht den Antrag beim Familiengericht ein, das über den Antrag zu entscheiden hat und die Adoption mit rechtsverbindlicher Wirkung ausspricht. Bei Minderjährigen muss sich auch das Jugendamt zur Adoption äußern.

Wann kann das Familiengericht eine Stiefkindadoption ablehnen?

Da es bei der Entscheidung um die Wahrung des Kindeswohls und das Entstehen einer Eltern-Kind-Beziehung geht, kann eine Adoption abgelehnt werden, wenn das Kind nur dem Partner zuliebe angenommen werden soll. Einer Adoption steht es auch entgegen, wenn das Kind – zum Beispiel im Wechselmodell – noch eine feste Beziehung zu seinem leiblichen Elternteil hat. Denn mit einer Adoption werden diese Beziehungen gekappt.

Darf das Kind trotzdem weiter zu den früheren Verwandten Kontakt haben?

Nein, weil mit der Adoption eine stabile neue Familie entstehen soll. Doch wenn die Adoptiveltern nichts gegen den Umgang haben, ist das sicher kein Problem.

Wenn das Kind mit dem neuen Partner der Mutter nicht auskommt, kann es zu seinem leiblichen Vater zurück?

Dazu müsste der leibliche Vater sein Kind erneut adoptieren. Die Aufhebung einer einmal ausgesprochenen Adoption ist nur bei Vorliegen außergewöhnlicher Umstände denkbar.

Welche Nachweise müssen Adoptiveltern vorlegen?

Vor allem bei der Adoption Minderjähriger sind dem Familiengericht Nachweise zu den familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen sowie zur charakterlichen und gesundheitlichen Eignung des Annehmenden vorzulegen. Neben Personenstandsurkunden müssen Verdienstnachweise, ein ärztliches Attest und ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden.

Interview: Stephanie Wesely

Familienkompass 2020

  • Hintergrund: Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet zum Start der Sommerferien.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

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