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Kamenz

"Einmal dringend an die Ostsee bitte!"

Wochenlang hatte ein Kamenzer Reisebüro nur eine Aufgabe: Buchungen stornieren. Jetzt dreht sich der Trend. Sogar Schnäppchen sind drin.

Spürt langsam wieder Aufwind: Antje Löchel, Inhaberin des Reisecenters Kamenz, freut sich dieser Tage über ein zaghaftes Buchungsinteresse für Inlandsreisen. In den letzten Wochen musste sie 65 Reisen stornieren.
Spürt langsam wieder Aufwind: Antje Löchel, Inhaberin des Reisecenters Kamenz, freut sich dieser Tage über ein zaghaftes Buchungsinteresse für Inlandsreisen. In den letzten Wochen musste sie 65 Reisen stornieren. © Matthias Schumann

Kamenz. Sieben Wochen nur Stornierungen. Geld zurückzahlen,  Kunden besänftigen,  über Für und Wider von Gutscheinen beraten - so sah der Alltag bis Anfang der Woche in vielen Reisebüros aus. Nun ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen. Dank der Lockerungen in mehreren Bundesländern, die in den nächsten Wochen sukzessive ihre  Grenzen für Touristen öffnen. 

Wenn jetzt Kunden ins Reisecenter Kamenz schauen, hat Chefin Antje Löchel zumindest eine 50-prozentige Chance, dass nicht nur eine weitere Stornierung auf den Schreibtisch flattert. Das hebt die Stimmung. Bisher sah das anders aus. Sieben Wochen lang hat Antje Löchel für Null gearbeitet, wenn nicht gar ins Minus. Denn stornierte Reisen bedeuteten auch, dass sie die vor Monaten erhaltenen  Provisionen an die Reiseveranstalter zurückzahlen musste.

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Mittlerweile stehen bei Antje Löchel 65 stornierte Reisen zu Buche.  "Im Grunde genommen haben wir doppelt für Null gearbeitet, denn die Arbeitszeit, die wir vor Monaten in Beratung und  Anfragen gesteckt haben, war ebenso für lau wie der jetzige Service der Stornierung und abermaligen Beratung", erklärt sie. Nichtsdestotrotz liebt sie ihren Job. "Ich kann nicht auf stur schalten. Was nutzt es mir, wenn ich nach der Krise zwar mit Reisebüro dastehe, aber ohne Veranstalter und Kunden?"

Schnäppchen gibt es auch in der Krise

Etwas Struktur muss aber auch in dieser schweren Zeit sein. Die Blumendeko vor der Tür wird mit stoischer Gelassenheit gegossen. Es soll hübsch sein, wenn Normalität zurückkehrt. Der Postbote bringt neue Kataloge für 2021, kleine Pralinen landen auf dem Schreibtisch. Es könnten ja Kunden kommen, die erfahrungsgemäß gern zugreifen. Auch der große Werbeaufsteller steht vor der Tür. Man glaubt es kaum: Reisebüros haben selbst in der Krise Schnäppchen im Angebot. "Es sind bereits Urlaubsreisen für  den Sommer 2021 frei geschalten. Mitunter interessiert das schon jemanden", sagt Antje Löchel. 

Auch die Kamenzerin kämpft seit dem 19. März mit den Folgen der Corona-Krise. "Wir Reisebüros gehörten zu den Ersten, die schließen mussten. Für uns gab es keine Schlupflöcher für Überbrückungen, Abholservice oder Nachhause-Lieferungen. Das meiste haben wir geduldig am Telefon abgearbeitet. Zu allen möglichen Tageszeiten, daheim im Wohnzimmer, denn die Kundschaft war verunsichert und wollte schnelle Antworten", sagt sie.

Doch Antworten hatte sie oft selbst nicht. Die Nerven lagen in den ersten Wochen in der gesamten Reisebranche blank. Kaum einer, der nicht hilflos zusehen musste, wie alles den Bach runter ging. Erst schlossen einzelne Grenzen, dann Flughäfen, Hotels, Ferienwohnungen, Europa und am Ende die ganze Welt. 

Antje Löchel war trotz allem  für die Kundschaft da. Schließlich bot sie in dieser Zeit den Service, den man bei einer Online-Buchung nicht bekommt. Viele der Kunden wussten das zu schätzen. Nicht wenige bis dato überzeugte Online-Bucher kamen in diesen Tagen zu ihr und baten um Rat. Doch die eigene Hilflosigkeit und Existenzängste bestimmten die Tage. Ihre Mitarbeiterin musste sie gleich zu Beginn in die Kurzarbeit schicken. Ein Schritt, der ihr weh tat. Seit 20. April darf die Reiseverkehrskauffrau zwar wieder im Büro für Kunden da sein. Doch die Tage zogen sich in die Länge.

Sommerurlaub auf Rügen statt in der Türkei

Nun spürt sie frischen Wind. Von Mecklenburg-Vorpommern und aus anderen Lieblingsgegenden deutscher Urlauber. Plötzlich lohnt es sich wieder, morgens aufzustehen. Am Mittwoch verkaufte Antje Löchel ihre erste Inlandsreise über Pfingsten an die Ostsee. Und diese erste Buchung  machte ihr Mut. Auf der Facebookseite  schnellten die Daumen nach oben. 

Gerade sitzt die nächste Kundin im Reisebüro. Sie möchte ein Ferienhaus auf Rügen buchen. "Einmal dringend Ostsee bitte", sagt sie lachend.  "Wir wissen, dass man sich jetzt  drehen muss, wenn bald alle auf einmal ans Meer wollen", so die Zweifach-Mama.  Am 4. Mai ging die Nachricht der absehbaren Tourismus-Öffnung aus Mecklenburg-Vorpommern viral. 

Nach einer halben Stunde herrscht Einigkeit am Beratungstisch. Noch eine weitere Buchung für die Ostsee und  eine Umbuchung von der Türkei auf eine Reise nach Rügen im Sommer flattern an diesem Nachmittag herein. "Innerhalb des Anbieters ist das Umbuchen bei Katalog-Angeboten kostenlos möglich. Man büßt nichts ein", erklärt Antje Löchel.

"Viele denken leider, dass man in einem Reisebüro nur teure Flug- oder Schiffsreisen bekommt. Und staunen, dass  es nicht teurer ist, als wenn man online bucht und dafür stundenlang im Internet surfen muss."  Harz,  Thüringer oder Bayrischer Wald, Seenplatte oder vielleicht die nahe Sächsische Schweiz - das alles werde diesen Sommer hoffentlich laufen. 

Noch mindestens bis 14. Juni gilt  die internationale Reisewarnung.  "Ich vermute, dass wir vor Oktober keinen normalen Reiseverkehr haben. Jedenfalls nicht ins Ausland", so die Reisebüro-Besitzerin. Die Hoffnung auf Lockerungen stirbt aber zuletzt. Kürzlich signalisierten Spanien und Griechenland, dass Reisen vielleicht  doch im Sommer möglich sind. 

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