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Sachsen

Was macht Björn Höcke beim Mühlentag?

Der Thüringer AfD-Chef trifft sich mit zwei weiteren Landesvorsitzenden im Triebischtal zum Fotoshooting. Der Veranstalter ist pikiert.

© dpa/Martin Schutt

Der Name könnte Programm sein: Neidmühle heißt das historische Gebäude zwischen den Dörfern Roitzschen und Robschütz. Idyllisch an der Mündung des Gallenbachs in die Triebisch im Landkreis Meißen gelegen, sollen die Fischerträge an der Wassermühle einst so ertragreich gewesen sein, dass die Gemeinde im Jahr 1597 um des lieben Friedens willen eigens einen Vergleich mit dem „Neidmüller“ schließen musste.

Dass Erfolg Neider schafft, hat sich auch rund 420 Jahre später nicht geändert. Politisch ist es in Sachsen vor allem die AfD, die auf einer Erfolgswelle schwimmt. Und warum sollten sich ihre ostdeutschen Spitzenleute nicht treffen an so einem historischen Ort wie der Neidmühle? Prinzipiell spräche nichts dagegen, wenn es nicht just der Pfingstmontag gewesen wäre. Ein Tag, an dem in ganz Deutschland der 26. Mühlentag begangen wurde. Mehr als 200 Anlagen standen offen. Im Triebischtal machten die Eigentümer von Fichtenmühle, Mittelmühle, Preiskernmühle und auch Neidmühle Heimatgeschichte erlebbar. Und für Familie Müller aus Meißen war das Anlass genug, wieder von Mühle zu Mühle zu radeln. „Schon seit Jahren machen wir das so“, sagt Johannes Müller.

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An der Neidmühle jedoch sei die Familie weniger mit Informationen zur Mühle vertraut gemacht worden als vielmehr „mit der aktuellen Politik der AfD“. Linkerhand habe ein Plakat der Partei gehangen, auf dem Gelände hätten sich rund 70 Personen befunden, „auffallend viele davon trugen Anzug“. Im Innenhof hätten Grüppchen zusammengestanden und sich unterhalten. Es sei um Politik gegangen, um Wahlergebnisse, sagt Müller. Und dann habe seine Partnerin Björn Höcke gesehen. „Völlig geplättet sind wir zügig zu unseren Rädern zurück und weggefahren.“

Die Pressestelle der AfD in Thüringen bestätigt, dass ihr Landes- und Fraktionsvorsitzender zum Mühlentag an der Neidmühle war. Und nicht nur er. Höcke habe „an einem gemeinsamen Fotoshooting-Termin der AfD-Spitzenkandidaten der Länder Brandenburg, Sachsen und Thüringen bei Dresden teilgenommen“. Andreas Kalbitz, Jörg Urban und Björn Höcke seien jedoch nicht zum Mühlentag nach Sachsen gereist, „sondern ausschließlich“ wegen des Fototermins. „Es ist schlicht selbstverständlich, dass sie sich mit Besuchern des Festes unterhalten haben.“ Für die AfD sei dort aber nicht geworben worden.

Der Eigentümer der Neidmühle ist Steinmetz Dieter Vogt. Auch er betont, es habe sich mitnichten um eine AfD-Wahl- oder -Werbeveranstaltung gehandelt. Anlass des Besuchs von Höcke auf seinem Grundstück sei vielmehr der Deutsche Mühlentag gewesen. Die AfD habe das Ziel, „unser großes Kulturerbe für die kommenden Generationen zu bewahren und unsere kulturelle Identität zu erhalten“. In den Satzungen der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM) sowie des sächsischen Mühlenvereins finde sich zwar kein Hinweis auf das Erlauben politischer Werbung, „ebenso gibt es keinen Hinweis, dass politische Werbung verboten ist“, schreibt Vogt auf Anfrage von Sächsische.de. Bei Facebook finden sich immer noch zwei Fotos vom Deutschen Mühlentag 2017. Veröffentlicht auf der Seite der AfD Meißen trägt es den Titel „Aufgebaut, Mühlentag Neidmühle Triebischtal“. Sie zeigen einen doppelachsigen Anhänger, ganz in blau. Aufgeklappt sieht er aus wie ein Verkaufsstand, gefüllt mit Broschüren, Aufklebern, Souvenirs und Programmen der AfD.

Seit 1995 gehört die Mühle Dieter Vogt. Er hat dort seinen Firmensitz. Bei der Kommunalwahl Ende Mai kandidierte er für die AfD zum Kreistag. Und Vogt, Jahrgang 1953, schaffte es prompt: In der Gemeinde Klipphausen und der Stadt Nossen holte er etwas mehr als 3.500 Stimmen. Nur der Klipphausener Bürgermeister von der CDU und ein interner AfD-Konkurrent fanden in seinem Wahlkreis mehr Zuspruch. Vogt sitzt nun im Kreistag und wird künftig unter anderem darüber mitbestimmen, wie viel Fördergeld aus dem Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum zur Bewahrung der Mühlen im Triebischtal beantragt werden soll. Finanziert wird das Programm übrigens aus dem Landwirtschaftsfonds der bei der AfD wenig geliebten Europäischen Union.

Die DGM als Veranstalter des Deutschen Mühlentags indes sieht in dem AfD-Spitzentreffen an der Neidmühle eine „sehr unangenehme Angelegenheit“. Man möchte „in keinster Weise hiermit in Verbindung gebracht werden“, teilt DGM-Geschäftsführer Friedrich Rohlfing mit. Dessen Büro allerdings findet sich im Landratsamt des westfälischen Landkreises Minden-Lübbecke. Dort erreichte die AfD bei der Europawahl mit 9,1 Prozent nicht einmal die Hälfte des Ergebnisses der Grünen.