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Blaue Augen beim Straßenfest

Grundlos schlägt ein Mann auf einen anderen ein. Er ist wegen Körperverletzung vorbestraft und steht unter Bewährung. Am Ende hat er trotzdem Glück.

Von Jürgen Müller

Die vier jungen Leute wollen einfach nur vom Straßenfest in Niederau nach Hause gehen, als sie an jenem Augusttag 2012 auf den Angeklagten treffen. Der heute 29-Jährige streitet sich lautstark mit einer Frau. Doch die vier jungen Leute mischen sich nicht ein, gehen einfach weiter.

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Plötzlich kommt der Angeklagte angerannt, schlägt einen der jungen Männer mit der Faust mitten ins Gesicht. Ein anderer greift ein, er und der Angeklagte stolpern über einen Bordstein, gehen zu Boden. Dort teilt der Dresdner weitere Schläge aus. Als eine junge Frau eingreifen will, erhält auch sie einen Schlag, allerdings wohl nicht gezielt, sondern eher aus dem Gerangel heraus. Die jungen Leute rufen die Polizei, doch der Angeklagte haut ab. Eine Bekannte fährt ihn mit dessen eigenem Auto. Die Polizei kann die beiden stellen. Gegenüber den Beamten wird der Angeklagte dann auch noch ausfällig.

Er ist nicht zu finden

Wegen gefährlicher Körperverletzung sitzt der Dresdner gestern vor dem Meißner Amtsgericht. Dass es überhaupt so lange dauerte, bis es zu Verhandlung kam, hat einen simplen Grund. Der Mann war für das Gericht nicht auffindbar, weil er seine Wohnung verloren hatte, eineinhalb Jahre auf der Straße lebte und bei Freunden wohnte. Die Anklageschrift war schon zwei Monate nach der Tat fertig. Doch sie konnte nicht zugestellt werden.

Im Grunde gibt der Mann die Taten zu, räumt aber ein, dass er sich kaum noch erinnern könne. Nicht nur, weil die Tat sol lange zurückliegt, sondern weil er ziemlich betrunken gewesen sei. Dafür hat er allerdings noch ziemlich gute Erinnerungen. Er habe sich mit einem Mädchen „in der Wolle“ gehabt, als die Leute vorbeikamen. Dann sei er angerempelt worden oder habe selbst gerempelt, das wisse er nun wieder nicht mehr so genau. „Da bin ich durchgedreht und habe einfach eine draufgehauen“, sagt er. Mit der Hand natürlich, nicht mit der Faust. Er spricht von einer „sinnlosen Ohrfeige“ – als ob es sinnvolle gäbe.

Dass der Angeklagte mit der Faust zugeschlagen hat mitten ins Gesicht, das bestätigen alle Zeugen. Einem wird bei der Keilerei die Jacke zerrissen und die Brille heruntergerissen, der andere bekommt ein blaues Auge.

Schläge mit der Faust ins Gesicht sind offenbar eine Spezialität des Angeklagten, der auch der Dresdner Hooligan-Szene zugerechnet wird, unter anderem bei einem Spiel der Dresdner Dynamos in Oberhausen randalierte, als Gewalttäter eingestuft ist. 2011 wurde er vom Amtsgericht Dresden wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt. Auch damals hatte er in Dresden einen Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Die Strafe wurde für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Als er die neuen Taten beging, stand er also wegen eines einschlägigen Delikts unter Bewährung. Er habe sich „zu der Tat hinreißen lassen“ und „persönlichkeitsuntypisch gehandelt“, schrieb der damalige Richter in das Urteil. Und: „Die Milde der Bewährungsaussetzung sei daher zu bewilligen.“ Es sei davon auszugehen, dass die Gerichtsverhandlung für ihn Warnung genug gewesen sei, künftig keine Straftaten mehr zu begehen.

Job und Wohnung verloren

Der Angeklagte spricht von einer „wilden Zeit“, wenn er von 2012 spricht. Er hatte damals auch seinen Führerschein verloren, weil er mit dem Auto betrunken in eine Leitplanke knallte. Seinen Job als Kraftfahrer war er damit los. Weil er keine Miete mehr zahlen konnte, verlor er die Wohnung und auch die Freundin. Die Schuld sucht der Hauptschüler, der keinen Beruf hat, bei anderen. „Ich bin immer mitgegangen und wurde für die Taten anderer bestraft“, sagt er. Nach eigenen Angaben hat er 9 000 Euro Schulden, ein Teil davon resultiert aus Gerichtsverfahren.

Für die Staatsanwältin kommt wegen der Vorstrafen eine Geldstrafe diesmal nicht in Betracht. Sie fordert eine viermonatige Haft, die allerdings erneut zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Sie würdigt sein Geständnis und begründet das unter anderem damit, dass er seit den jetzt angeklagten Taten nicht mehr straffällig geworden sei, bescheinigt ihm eine günstige Sozialprognose. Das sieht auch das Gericht so. Es verurteilt den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Haftstrafe von drei Monaten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird.

Auch ein Bewährungswiderruf aus dem letzten Urteil droht nicht. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn diesmal eine Haft von mehr als sechs Monaten verhängt worden wäre, erklärt der Richter. Er rechnet ihm an, dass er während der Verhandlung 50 Euro an Schmerzensgeld an den Geschädigten übergab. Auch der Angeklagte kommt also mit einem blauen Auge davon.

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