merken
PLUS

Zittau

Blaue Flecken, die keiner mehr sieht

Für Kinder, die zu Hause Gewalt und Vernachlässigung erleben, kann der Hausarrest jetzt die Hölle sein. Und es ist nur schwer möglich, das zu verhindern.

Kinder, die in ihren Familien häusliche Gewalt erleben, haben es jetzt im Hausarrest besonders schwer.
Kinder, die in ihren Familien häusliche Gewalt erleben, haben es jetzt im Hausarrest besonders schwer. © Jens Kalaene/dpa

Als Tyler* sich vor dem Mittagsschlaf im Kindergarten Pullover und Hemd auszieht, sieht es die Erzieherin sofort: die blauen Flecken an den dünnen Oberarmen, die roten Striemen auf dem schmalen Rücken. Tylers Vater wird später zugeben, dass er den Fünfjährigen mit einem Schuhanzieher verprügelt hat. Nicht zum ersten Mal, wie sich herausstellt.

Celina* und Marie* sind erst dreieinhalb und zweieinhalb Jahre alt. Ihre Mutter ist alleinerziehend - und nimmt Drogen. Oft bringt sie die kleinen Mädchen ungewaschen in die Kita, in schmutzigen Sachen und ohne Frühstück. Celina, die selbst noch ganz klein ist, hat schon gelernt, sich um ihre noch kleinere Schwester zu kümmern. Die Mädchen schlafen schlecht und suchen bei der Erzieherin die Nähe, die sie zu Hause nicht bekommen.

Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Und jetzt sind die Kinder schon über eine Woche lang den ganzen Tag zu Hause. Und keine Kita-Erzieherin sieht mehr, wie es ihnen geht und könnte im Notfall eingreifen: Wird Tyler wieder verprügelt? Kriegen Celina und Marie etwas zu essen? Auch das sind die quälenden Fragen in diesen Corona-Tagen.

Und Celina, Marie und Tyler sind nur drei von Hunderten Kindern aus dem Landkreis Görlitz, um die sich Lehrer und Erzieher jetzt ernsthaft Sorgen machen: Denn wenn sie nun wochenlang nicht mehr in die Schulen und Einrichtungen kommen, kann auch niemand mehr blaue Flecke erkennen oder bemerken, wenn ein Kind seelische Schmerzen leidet.

Mehr als 550 Familien werden vom Jugendamt betreut

Und schlimmer noch: Wenn die Kinder jetzt den ganzen Tag zu Hause sind und sich das Leben auf engstem Raum abspielt, steigen der Stressfaktor und das Konfliktpotenzial in den Familien erheblich - und damit auch das Gefährdungspotenzial für die ohnehin schon gefährdeten Kinder und Jugendlichen. Elke Drewke, die Leiterin des Jugendamts beim Landkreis, spricht von einer "erheblich größeren Gefährdung".

Wie viele Kinder und Jugendliche es ohnehin schon sind, die zu Hause mehr oder weniger regelmäßig körperliche oder psychische Gewalt erleben müssen, wie viele vernachlässigt, misshandelt und missbraucht werden, das machen wenige Zahlen aus  dem Jugendamt des Landkreises deutlich: Allein im vorigen Jahr hat es hier über 650 Anzeigen zu latenten und akuten Fällen von Kindeswohlgefährdung gegeben. 223 Kinder und Jugendliche haben Mitarbeiter des Jugendamtes 2018 aus akuten Notsituationen heraus in staatliche Obhut genommen - manche nur vorübergehend, manche für immer.

Gegenwärtig stehen mehr als 550 Familien im Landkreis  unter ständiger Betreuung und Beobachtung der Mitarbeiter des Jugendamts. Mehr als 350 Familien haben außerdem regelmäßig sozialpädagogische Familienhelfer von freien Trägern zur Seite. Auch diese Betreuungsangebote aber werden jetzt den Krisen-Auflagen entsprechend auf ein Mindestmaß oder sogar auf Null zurückgefahren.

Jeden Tag Meldungen zu Kindeswohlgefährdungen

Dabei gehen im Jugendamt derzeit täglich Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdungen ein - viel mehr als sonst - von Nachbarn, Bekannten oder anderen Familienangehörigen. Überforderte Eltern rufen auch selbst an und bitten um Hilfe. Nicht alle Befürchtungen bestätigen sich, viele aber doch. 

"Die Situation ist sehr ernst", sagt Amtsleiterin Elke Drewke. "Und wir nehmen sie auch sehr ernst." Über jeden Fall, der als Meldung beim Jugendamt eingeht, werde im Team beraten. So, wie es auch zu normalen Zeiten Standard ist. "Wir besprechen in jedem Einzelfall, welcher Handlungsbedarf besteht", versichert sie. "Und in die Familien, von denen wir wissen, dass ein Gefährdungspotenzial besteht, gehen wir selbstverständlich weiterhin."

In den anderen Fällen wird beraten, wie dringlich ein sofortiger Hausbesuch ist. "Wenn wir einschätzen, es ist dringlich, dann gehen wir auch", erklärt die Amtsleiterin. Sie weiß aber auch, dass die 50 Mitarbeiter des Jugendamts nicht zu jeder Zeit und überall sein können. Womöglich auch nicht bei Tyler oder Celina und Marie.

*Anmerkung: Die geschilderten Fälle sind nicht fiktiv. Zum Schutz der Kinder haben wir die Namen geändert.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Englands Premier Johnson auf Intensivstation

Prämie für Pflegekräfte vereinbart, fast 3.100 Corona-Infizierte in Sachsen, Tschechien lockert Beschränkungen: unser Newsblog.

Symbolbild verwandter Artikel

Infos zu Corona im Kreis Görlitz bis 5. April

Immer mehr Infizierte, abgesagte Veranstaltungen, geschlossene Einrichtungen und Grenzen: Neue Entwicklungen im Ticker.

Hier erhalten Betroffene Hilfe: Hilfetelefon bei häuslicher Gewalt: 0800 116 016; Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222; Elterntelefon: 0800 11 0 550; "Nummer gegen Kummer" für Kinder und Jugendliche: 116 111

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umgebung lesen Sie hier.