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Bleibt Kinderschänder hinter Gittern?

Seit März sitzt der 26-Jährige in Untersuchungshaft. Dort bleibt er auch erst einmal, mindestens bis zum Montagmittag.

Seit März sitzt ein Kinderschänder aus Nossen in Untersuchungshaft. Er bleibt weiter im Gefängnis. Kommt er am Montag frei?
Seit März sitzt ein Kinderschänder aus Nossen in Untersuchungshaft. Er bleibt weiter im Gefängnis. Kommt er am Montag frei? ©  dpa / Symbolbild

Nossen/Dresden. Der Elfjährige ist verstört an diesem Tag, anders als sonst. Doch er rückt nicht mit der Sprache heraus. Erst als die Familie beim Abendbrot zusammensitzt, sagt er einen Satz, der seine Eltern aufhorchen lässt. „Da muss der ja ins Gefängnis.“ Nach und nach erzählt der Junge, was er und sein Freund an jenem Tag erlebt haben.

Ein Bekannter, Angestellter in einem Nossener Supermarkt, hatte ihn und seinen Freund zu sich nach Hause eingeladen, zum Pizzaessen wie er sagte. Doch der großzügige Gastgeber hat Appetit auf etwas Anderes. Es dauert nicht lange, da steht der 26-Jährige splitterfasernackt vor den beiden kleinen, völlig verdutzten Jungen. Er fordert sie auf, ebenfalls „FKK“ zu machen und sich die Hosen runterzuziehen.

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 Doch die wollen das nicht. Schließlich nimmt der Mann den Elfjährigen mit ins Bad, schließt die Tür hinter sich ab. Wieder soll das Kind die Hose ausziehen. Als sich der Junge erneut weigert, muss er den erigierten Penis des Mannes anfassen. Unter dem Vorwand, sie müssten nach Hause, verlassen sie die Wohnung. Beim Abschied umarmt der Nossener einen der Jungen von hinten und fasst ihm in den Schritt. 

Später küsst er beide auf die Wange. Und er bläut den beiden ein, ja niemandem etwas zu erzählen, sonst müsse er ins Gefängnis. Nun hat der Junge doch etwas erzählt. Seine entsetzten Eltern rufen die Polizei. 

Die fordert den Jungen auf, weiter mit dem Mann zu chatten, sagt, was er ihm schreiben soll. Der nette Verkäufer aus der Getränkeabteilung des Supermarktes will sich wieder mit den Jungen verabreden. Jetzt schlägt die Polizei zu.

Seit März dieses Jahres sitzt der Nossener in Untersuchungshaft. Am Freitag musste er sich vor dem Landgericht Dresden wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten. Nicht nur diese beiden, sondern drei weitere Jungen hat der Mann missbraucht. 

Seine Masche ist immer die gleiche. Er lockt die Jungen an, indem er ihnen Cola, Chips und Energy-Drinks spendiert. Er gibt ihnen aber auch Geld, einem insgesamt 500 Euro. Einem anderen spendiert er ein Fahrrad. Der Missbrauch findet außer in der Wohnung vor allem in einem Abstellraum der Leergutannahme des Supermarktes statt, in dem der Angeklagte arbeitet. Einem der Jungen gibt er 75 Euro, nachdem er dessen Penis anfassen durfte.

Der Angeklagte räumt alle Taten vollumfänglich ein. „Ich sehne mich nach einem gleichaltrigen Partner, bin aber zu schüchtern“, sagt er dem Gericht. Ob es ein Partner oder eine Partnerin sein sollte, darüber sei er sich nicht im Klaren. Sexuelle Kontakte mit Gleichaltrigen oder Älteren hatte er bisher noch nicht. „Als ich die Jungen anfasste, hatte ich ein schönes, kribbeliges Gefühl im Körper“, gibt er zu. 

Er habe den Kindern, deren Alter er kannte, Geld gegeben, um sich mit ihnen anzufreunden. „Das ist dann ein Selbstläufer geworden“, sagt er. Er hatte wohl noch mehr Taten vor. So verbreitete er das Foto eines der Jungen über Whats App, gab sich dabei als dieser Junge aus. Offenbar suchte er nach weiteren Kontakten zu kleinen Jungs. Schon einmal wurde er angeklagt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von Kinderpornografie. 

Verurteilt wurde er am Amtsgericht Meißen im November vorigen Jahres nur wegen Letzterem zu einer Geldstrafe von 1800 Euro. Der Missbrauch konnte ihm damals nicht nachgewiesen werden. Der 13 Jahre alte Geschädigte war nicht als Zeuge erschienen. Obwohl der Nossener wusste, dass ihn die Justiz im Visier hat, machte er weiter.

Der Gefängnisaufenthalt hat ihn schwer beeindruckt und offenbar auch geläutert. „Die Untersuchungshaft ist das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe“, sagt er. Vor seinen Mithäftlingen konnte er bisher verheimlichen, weswegen er angeklagt wird. Kinderschänder sind in Haftanstalten in der Hierarchie ganz unten. Jetzt möchte er eine Therapie machen. „Ich schäme mich so sehr, will reinen Tisch machen, würde gern ein ganz normales Leben führen“, sagt er.

Was er den Kindern angetan hat, das weiß er wohl noch immer nicht so richtig. Der mittlerweile Zwölfjährige, der sich in psychologischer Behandlung befindet, habe sich anfangs nicht aus dem Haus getraut, sagt sein Vater. Jetzt gehe er zwar raus, aber nur in Begleitung seines Bruders. Er habe ständig Angst, dass ihm so etwas wieder passiere. 

Vor allem aber fürchte er die Rache des Angeklagten, wenn dieser eines Tages aus dem Gefängnis entlassen werde, sagt der 41-jährige Vater. Das könnte schneller gehen als gedacht. Denn die Staatsanwältin plädierte überraschend auf eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung, während die drei Nebenkläger alle unbedingte Freiheitsstrafen forderten.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Andreas Ziegel sah sich am Freitag außerstande, ein Urteil zu fällen. Dies soll nun am Montag um 13 Uhr gesprochen werden. Zumindest über das Wochenende bleibt der Angeklagte daher im Gefängnis. Durchaus möglich, dass er dann freikommt.

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