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Blind auf den Mount Everest

Der Österreicher Andy Holzer nimmt den zweiten Anlauf am höchsten Berg der Erde. Das fehlende Augenlicht ersetzen andere Sinne.

© Robert Michael

Von Jochen Mayer

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Der Wunsch nach dem perfekten Geschenk treibt regelmäßig verzweifelt Suchende in die Läden. Dabei ist es so einfach. 

Sehen kann Andy Holzer die dreidimensionalen Fotos nicht. Trotzdem hat er die Bilder im Kopf, sogar räumlich. Der Tiroler ist wegen einer Netzhauterkrankung von Geburt an blind. Und doch lebt der 48-Jährige als „selbstständiger Bergsteiger“, wie er auf seiner Homepage schreibt. Wie das möglich ist, beschreibt Andy Holzer in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung: „Unser Gehirn lebt von Signalen der fünf Sinne. Bei mir sind es nur vier. Aber ein Bild wird nicht nur vom Augenlicht bestimmt, sondern von allen Sinnesnerven. So habe ich genauso ein Bild im Sehzentrum wie Sehende.“ Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich sehe vielleicht Dinge, die ein Sehender nicht wahrnimmt oder wahrnehmen muss.“

Der Khumbu-Gletscher am Everest-Basislager. Das Motiv entstand bei Analysen von Luftströmungen an Gebirgskämmen. Das Kamerasystem transportierte ein Motorsegler, der von Strausberg nach Nepal überführt worden war. Das 3D-Modell hilft auch bei Rettungsflüg
So sehen Nepalesen den Everest. Grundlage dieses 3D-Motivs sind mehrere Aufnahmen der Gipfelpyramide aus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln sowie Satellitendaten. Die DLR-Software legte alle Daten so übereinander, dass das Modell eine Genauig

Seine besondere Gabe vermittelt Andy Holzer bei Multimedia-Vorträgen. Der Titel ist programmatisch: „Den Sehenden die Augen öffnen.“ Mit Daten und Winkelmaßen konstruiert er seine Welt wie ein dreidimensionales Modell. Der Österreicher hat dafür eine Episode: „Ich habe ein kleines Häuschen bauen lassen, das trapezförmige Räume hat. Dort ist nichts rechtwinklig. Der Architekt wusste nicht, dass er einen Blinden als Kunden hat. Er wollte schon verzweifeln, weil er mir seinen Plan nicht zeigen konnte. Wir lösten das Problem. Er nannte mir eine Stunde lang die Maße aller Linien und die Winkel, wie die nächste Linie anschließt. So wuchs das Haus in mir. Danach sagte ich ihm, was mir optisch zu eng wirkt. Ich konnte virtuell durch das Haus gehen.“

Mitunter sind die supergeschärften Sinne der Blinden fast unheimlich – zumindest für Sehende. So verblüffte Andy Holzer schon sein Umfeld, als mal eine Kaffeetüte umkippte und Bohnen auf den Boden fielen. „Es sind 24 Bohnen“, kommentierte er den Fall wie nebenbei. „Es gibt viele Tests mit Blinden, die verblüffende Fähigkeiten entwickeln – wie Sehende meinen“, erklärt er seine besonderen Fähigkeiten. „Ich gehe damit nicht hausieren, bestreite damit keine Wettshows. Dafür bin ich zu demütig gegenüber den Gaben, die mir der liebe Gott geschenkt hat. Ich nehme diese Fähigkeiten, um mich zu orientieren.“

Das gelingt ihm außergewöhnlich gut im Gelände, im Gebirge. Manchmal orientiert er sich an Windgeräuschen. Oder wenn sein Partner 15 Meter über ihm mit dem Kletterschuh am Fels kratzt, dann weiß er später an der Stelle, was zu tun ist. „Ich spüre Sonnenstrahlung und weiß aus dem Winkel, wo ich mich befinde“, beschreibt er seinen ungewöhnlichen Orientierungssinn. „Oder ich höre am Wind, dass ich noch zwei Meter von einer Kante entfernt bin. Mir helfen Natureindrücke, die ich über Ohren, Fingerspitzen, Fußsohlen erkenne. Sogar die Nase nützt, wenn ich Moose rieche oder Schwefelspuren bei Felsausbrüchen. Das registriere ich automatisch, mache meine Bilder daraus. Ich bin blind, lebe aber in einer visuellen Welt. Diesen Bildern klettere ich nach.“ Und manche vertrauen ihm als Vorsteiger.

Andy Holzer hat einen Traum. Als zweiter Blinder – nach dem US-Amerikaner Erik Weihenmayer – möchte er auf den höchsten Gipfeln aller Kontinente stehen. Sechs dieser sieben Berge hat Andy Holzer schon bestiegen. Der erste Versuch am noch fehlenden Mount Everest schlug im vergangenen Frühjahr auf der Südseite in Nepal fehl. Eine Lawinentragödie hatte 16 einheimische Bergführer und Hochträger am Karfreitag in den Tod gerissen. Es war die schlimmste Katastrophe, die der Everest je erlebt hat, wie Kenner der Szene befanden. Die Besteigungssaison mit rund 350 Kandidaten für einen Gipfelversuch wurde abgebrochen. Auch Andy Holzer reiste mit seiner Mannschaft ab.

Jetzt nimmt er einen zweiten Anlauf mit seinem Team. Im April will der gelernte Heilmasseur und Heilbademeister auf die Tibetroute gehen. Diesen Plan hatte er schon bei der Rückreise im vergangenen Jahr gefasst. Begegnungen mit Everest-Gipfeltouristen hatten ihn in seinem Vorhaben bestärkt. „Da trifft man Leute, die überhaupt keinen Bezug mehr zum Geld haben, die glauben, damit alles gut machen zu können“, klagte er in einem Interview mit dem Südkurier.

„Meine Freunde haben mir Figuren beschrieben, die sich völlig stümperhaft bewegen und wirklich keine Ahnung haben, wie sie mit Steigeisen umgehen.“ Scharf urteilt der Gehandicapte über die Gipfeltouristen: „Es ist erschreckend, wie überheblich diese reichen Typen, die vom Bergsteigen nicht die geringste Ahnung haben, mit den Sherpas umgehen.“

Andy Holzer fühlt sich in der Bergwelt sicherer als in den hektischen Städten, „weil da alles dynamisch abläuft. Berge sind dagegen statisch“, vergleicht er im SZ-Interview. „Alles bleibt so, bis ich mit der Nase draufstoße. Blinde sehen nur so weit, wie der Arm reicht. Wir haben noch eine Art Echolot-Gefühl, wenn sich der Luftdruck verändert vor einer Wand. Das haben alle, Blinde spüren es aber wesentlich intensiver. Bevor ich in Städten die Chance habe, etwas zu orten, hat sich die Situation längst verändert.“

Andy Holzer hat vorgegebene Bahnen verlassen. Er lehrt Sehende nicht nur das Sehen – manche auch das Leben, wenn er sagt: „Wir haben den Verstand mitbekommen, mit dem wir alle Schwierigkeiten meistern können. Wenn wir das alles nicht hätten, wäre das Leben langweilig.“

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