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Blockiert der IPO die Kaltluft?

Kritiker befürchten, dass der Gewerbepark das Klima nachteilig verändert und die Flutgefahr erhöht. Gutachter sagen aber: die Probleme lassen sich beherrschen.

Geplanter Industriepark Oberelbe: Kaum Hindernisse für Kaltluftströme.
Geplanter Industriepark Oberelbe: Kaum Hindernisse für Kaltluftströme. © Visualisierung: Ingenieurbüro Kasparetz-Kuhlmann

Links und rechts des Autobahnzubringers zwischen Pirna und der A 17 erstrecken sich ausgedehnte Flächen, die derzeit überwiegend landwirtschaftlich genutzt werden - noch. Dieser Zustand könnte sich in Zukunft gravierend verändern, Pirna, Heidenau und Dohna wollen auf einigen Arealen den Industriepark Oberelbe (IPO) entwickeln. 240 Hektar soll das Gewerbegebiet einmal umfassen, davon sind aber nur 140 Hektar für Gewerbeansiedlungen vorgesehen. Der Rest ist für ökologische Ausgleichsflächen - beispielsweise Streuobstwiesen und Waldstreifen - bestimmt.

Seit das Großprojekt vor reichlich zwei Jahren publik wurde, gibt es nicht nur Befürworter. Die Schar der Gegner und Skeptiker ist groß, sie stören sich nicht nur an dem Gewerbegebiet an sich. Kritiker monieren, dass mit dem IPO wertvolles Ackerland verschwindet. Zudem befürchten sie, der Industriestandort könnte die Kaltluftströme blockieren, aufgrund der versiegelten Flächen könnte auch die Flutgefahr durch abfließendes Regenwasser steigen - beispielsweise für das Gebiet Schlosserbusch, das Pirnaer Seidewitztal sowie den Dohnaer Ortsteil Krebs.

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Inzwischen liegt das fertige Realisierungskonzept für den IPO vor. Darin haben Fachleute unter anderem den künftigen Umgang mit dem Regenwasser untersucht. Eine schon vor Längerem fertiggestellte "Lokalklimatische Bewertung" setzt sich damit auseinander, wie sich der IPO auf die Kaltluftströme auswirkt. 

Das Ergebnis: Fachplaner halten den Technologiestandort unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich für möglich, auftretende Probleme lassen sich beherrschen. Sächsische.de stellt die Details vor.

Wie beeinflusst der IPO die Kaltluft?

Für den IPO wird derzeit der Bebauungsplan erarbeitet, damit einhergehend muss auch untersucht werden, wie der Gewerbepark möglicherweise das lokale Klima beeinträchtigt oder verändert. Bei dieser Prüfung wurden auch die Kaltluftströme in dem Gebiet modelliert und bewertet. 

Laut der Gutachter entsteht in dem Untersuchungsgebiet - die IPO-Flächen - aufgrund der überwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen Kaltluft, die entsprechend der Hangneigung nach Pirna, Heidenau und Dohna abfließt. 

Demgegenüber gibt es aber westlich von Dohna und südlich von Heidenau große Kaltluftentstehungsgebiete, die Kaltluft fließt in diese beiden Städte. Für Pirna wichtige Kaltluftentstehungsgebiete liegen an den Hängen des Seidewitz-, Bahre- und Gottleubatals. Die Planer kommen daher zu dem vorläufigen Schluss: Die im IPO-Gebiet entstehende Kaltluft ist nicht wirklich relevant, um die drei Städte zu belüften.

Ganz unproblematisch ist der IPO in dieser Hinsicht jedoch nicht. Laut der Fachplaner-Expertise wirken die zusätzlichen Industriegebäude durchaus als Strömungshindernisse für die Kaltluft. Durch die geplante Änderung vom Freiland zur Gewerbefläche

  • verringert sich die Kaltluftproduktion auf den Gewerbeflächen erheblich
  • wird verhindert, dass aus Nachbarbereichen Kaltluft auf die Gewerbeflächen einfließt
  • sinkt die Kaltluftgeschwindigkeit in der Anfangsphase über den geplanten Gewerbeflächen auf unrelevante Weise ab
  • werden die Kaltluftströme in der Anfangsphase ihres Abflusses im Bereich der geplanten Gewerbeflächen stark reduziert
  • verringert sich die Kaltluftschichtdicke auf den geplanten Gewerbeflächen.

Dies alles gilt allerdings nur für den Fall, wenn die Kaltluft gerade entsteht. So kommen die Gutachter letztlich zu dem Fazit: Bei voll ausgeprägter Kaltluft verändern sich sowohl die Kaltluft-Fließgeschwindigkeit als auch das Volumen der Kaltluftströme gegenüber dem jetzigen Zustand nicht relevant.

Die zuständige Hauptplanerin Martina Kasparetz-Kuhlmann erklärt das wie folgt: Die Kaltluft entsteht nachts an etwa fünf bis sechs Tagen im Monat. Eine voll ausgebildete Kaltluftschicht ist bis zu 70 Meter hoch, damit weitaus höher als die geplanten IPO-Gebäude. Somit strömt die Kaltluft größtenteils über die Gewerbeflächen hinweg. Darüber hinaus werden, so die Planerin, vor allem Pirna und Dohna von der Kaltluft aus dem Seidewitz-, Gottleuba- und Müglitztal ohnehin gut durchlüftet.

Damit das IPO-Areal später selbst gut durchlüftet wird, empfehlen die Planer folgendes:

  • Dachflächen und Fassaden sollten begrünt werden, damit sie sich nicht zu sehr aufheizen
  • es sollten möglichst viele Grünflächen angelegt werden
  • der Anteil der versiegelten Flächen sollte auf ein Mindestmaß reduziert werden, indem beispielsweise Hofflächen, Zufahrten und Stellplätze nur teilversiegelt werden
  • an Straßen und auf den Grundstücken sollten möglichst große Bäume stehen
  • zwischen den Ansiedlungen sollten mindestens zehn Meter breite Belüftungsachsen freigehalten werden. 

Wie wird das Regenwasser gebremst?

Für das IPO-Realisierungskonzept haben Ingenieure anhand eines Computermodells alle möglichen Regenarten simuliert. Laut Martina Kasparetz-Kuhlmann wurden mehrere Dutzend Fälle durchgespielt - vom einfachen Nieselregen bis hin zum heftigen Dauerregen. Auf diese Weise ermittelten die Fachleute, wie viel Wasser sich auf den künftigen IPO-Flächen sammelt und in welche Richtungen es abfließt - um daraus Schlüsse für notwendige Rückhalte abzuleiten. Denn es gibt einen unumstößlichen Grundsatz: Durch den IPO darf sich der Wasserabfluss gegenüber dem jetzigen Zustand nicht verschlechtern.

Das grundlegende Fazit der Experten: Durch geeignete Rückhalte- und Entwässerungssysteme lässt sich das auf den IPO-Flächen anfallende Regenwasser vollständig kompensieren. Ohne einen solchen Rückhalt würden insbesondere in Dohna und am Feistenberg in Pirna erhebliche Abflussmengen entstehen.

Daher empfehlen die Planer, auf den IPO-Flächen Regenrückhaltebecken, Stauraumkanäle und ähnliches zu errichten, Ausmaß und Umfang sollten in einem für den IPO zu entwickelnden Regenwasser-Bewirtschaftungskonzept geregelt werden. Darüber hinaus sollte das Niederschlagswasser von den privaten Dachflächen in Rückhaltebecken zurückgehalten werden, dort kann es entweder verdunsten  oder aber als Brauch- und Löschwasser genutzt werden. Regenwasser von privaten Verkehrsflächen sollte in unterirdischen Pufferspeichern zwischengespeichert werden, ehe es teilweise versickert oder bei großen Mengen gedrosselt ins öffentliche Kanalnetz abgegeben wird. Ebenso soll Wasser von den öffentlichen Straßenflächen über ein Pufferspeicher-System verdunsten und teilweise versickern.

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