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Blogger und Bürgerschreck

Wie sich ein 18-jähriger Abiturient mit den Sudeten auseinandersetzt und damit ein erstaunliches Echo auslöst.

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Von Steffen Neumann

An der Wand hängt ein Kalender von 2015: „Urlaub in den Sudeten“. Darauf sind Bilder von Sammeltransporten deutscher Vertriebener aus der Tschechoslowakei 1945, Angehörige der berüchtigten Revolutionsgarden, ein Tagebau und ein Kraftwerk zu sehen, und rechts oben das „Henlein-Qualitätssiegel“. Die offensichtliche Fotomontage wurde Anfang der Woche im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht. Die zugehörige Seite kommt aus Tschechien und trägt übersetzt den Namen „Sudeten – der schönste Platz in der Hölle“.

Für Geschichte interessierte sich Dominik Feri schon immer. Der 18-Jährige ist seit November auch Stadtrat in Teplice (Teplitz). Foto: privat
Für Geschichte interessierte sich Dominik Feri schon immer. Der 18-Jährige ist seit November auch Stadtrat in Teplice (Teplitz). Foto: privat

Im Kommentar des Autors Dominik Feri, einem 18-jährigen Absolventen des Gymnasiums in Teplice (Teplitz), wird aus Revolutionsgarden (revolucni gardy) Plündergarden (rabovaci gardy). Auf Tschechisch kann beides mit RG abgekürzt werden, eine Anspielung darauf, dass die häufig mit äußerster Brutalität vorgehenden Garden nicht zimperlich waren, wenn es darum ging, sich das Beste vom Besitz der aus ihren Häusern vertriebenen Deutschen zu holen. Die Facebook-Seite hat bereits einigen Staub aufgewirbelt. Wie schon der satirische Name ahnen lässt, ist Feri nichts heilig. Seit der erste Eintrag am 18. Mai erfolgte, verfügt die Seite über beachtliche 3 700 Abonnenten. Als sie nach nur einem Tag bereits 500 Leser zählte, kommentierte das Feri launisch: „Das ist gerade mal ein bescheidener Vertriebenentransport!“ Auf dieser Seite bekommt jeder sein Fett weg.

„Ich glaube, dieses Thema braucht die Übertreibung“, erklärt Feri, warum er diesen Weg gewählt hat, um sich mit dem Thema Vertreibung auseinanderzusetzen. Zwar sei schon viel passiert. Andererseits werde immer noch zu wenig darüber gesprochen. Und mit dem Format kann Feri das Thema auch seinen Altersgenossen näherbringen, die häufig nur wenig über die Geschichte ihrer Region wissen.

Die Geschichte der Heimat zu kennen, ist aber der erste Schritt, um diese auch als Heimat anzusehen. Und die ist in den Sudeten nun einmal deutsch geprägt. „Ich wäre froh, wenn die Seite hilft, aus den Sudeten als historische Region eine Bezeichnung der Gegenwart zu machen“, wünscht er sich. Denn eigentlich befasst sich sein Projekt viel mehr mit der Gegenwart, als mit der Vergangenheit, wie schon der Erklärungstext zu der Facebook-Seite verrät: „In den Sudeten gibt es alles Schöne dieser Welt. Tagebaue, Kommunisten, Ghettos, hohe Arbeitslosigkeit und – Kebab. Und darum lieben wir es hier!“, schreibt Feri in dem ihm typischen scharfen Humor.

Nicht allen schmeckt das, wie aus einigen Reaktionen auf der Facebook-Seite zu lesen ist. Das kann nicht am Humor liegen, denn der ist in Tschechien deutlich schwärzer, als wir das in Deutschland gewohnt sind. Für Feri war das Echo jedoch eine große Überraschung. „Ich dachte, ich mache hier eine Freak-Seite für maximal tausend Leute“, sagt er.

Ob er sein Ziel erreichen kann, das Verhältnis der Menschen zu ihrer nordböhmischen Heimat zu verändern, ist natürlich nicht abzusehen. Als Stadtrat von Teplice ist er erst einmal mit seiner Idee gescheitert, dass sich die Kurstadt für die nach 1945 an der deutschsprachigen Bevölkerung begangenen Verbrechen entschuldigt, wie das kürzlich die Stadt Brno getan hatte. Doch davon lässt er sich nicht entmutigen und will mit einem nicht offiziellen Memorandum einen neuen Anlauf starten. „Das hat große Symbolik, wenn sich einzelne Städte entschuldigen und nicht der Staat. Das betrifft mehr Menschen“, meint er.

Seine Arbeit will er fortsetzen, auch wenn er ab Herbst in Prag Jura studiert. „Ich muss immer wieder nach Teplice zurück, schon allein wegen des Erzgebirges. Wenn ich das nicht habe, fühle ich mich nicht gut“, verrät er.