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Können Blumen eine Grabschändung sein?

Eine Zittauerin beschwert sich über die Zustände im Zittauer Urnenhain. Die Frau hat nicht nur in diesem Einzelfall Recht - eine Lösung gibt's dennoch nicht.

Blumenvasen auf der Wiese des Zittauer Urnenhains - eine Grabschändung?
Blumenvasen auf der Wiese des Zittauer Urnenhains - eine Grabschändung? ©  Matthias Weber

Der Urnenhain rund um das Zittauer Krematorium an der Görlitzer Straße ist ein Ort der Andacht und des stillen Gedenkens. Tausende Zittauer fanden in der denkmalgeschützten Parkanlage seit 1909 ihre letzte Ruhe. Ein ganz besonderer Ort hier ist die anonyme Urnen-Grabanlage. Kein Grabstein, kein Kreuz, kein Namensschild erinnert an die Verstorbenen, deren Urnen hier bestattet wurden. Es ist einfach bloß eine grüne Wiese. Doch gerade auf dieser Wiese sieht nun eine Zittauerin die ewige Totenruhe gestört.

Grund dafür ist ausgerechnet ein Umstand, den viele Besucher des Friedhofs als schön empfinden. Zahllose Blumenvasen oder Blumengebinde sorgen für Farbe und Blütenpracht auf der Wiese. "In meinen Augen ist das eine Grabschändung", schreibt eine Zittauerin nun der SZ. Die Frau hat selbst einen Angehörigen auf der Wiese bestattet. "Ich muss leider feststellen, dass auf der Wiese viele Vasen von Angehörigen stecken", schreibt sie, und: "Nur um an die Stelle zu gelangen, wo hunderte von Urnen bestattet wurden, wird auf der Wiese herumgetrampelt." Die Frau ist empört: "Ich möchte nicht, dass auf meinen und anderen Verstorbenen rumgetrampelt wird."

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Die Frau findet es schade, dass die Friedhofsverwaltung das einfach so hinnimmt. Sie habe deshalb sogar schon die Urne ihres Angehörigen exhumieren und andernorts bestatten lassen wollen - das sei aber laut Vertrag nicht möglich. Tatsächlich scheint die Frau eine der Wenigen zu sein, die die Nutzungsbestimmungen der Urnen-Grabanlage gelesen haben. Denn die Friedhofsordnung untersagt außer anlässlich von Bestattungen das Betreten der Wiese und das Aufstellen von Vasen und anderem Blumenschmuck. "Aus Pietätsgründen", sagt Stefan Winkler, Bereichsleiter der Zittauer Bestattungsdienste auf SZ-Anfrage und gibt damit der Zittauerin grundsätzlich recht.

Nun wird Pietät unterschiedlich interpretiert - und das ist das Problem der Friedhofsverwaltung. Vielen Hinterbliebenen ist es nämlich ein Bedürfnis, auch auf der anonymen Urnen-Wiese ihrer verstorbenen Angehörigen mit einem Blumenschmuck zu gedenken. Das Problem sei so alt wie der Friedhof selbst, erklärt Stefan Winkler. Die aktuelle anonyme Urnen-Wiese sei in den 110 Jahren des Bestehens bereits die dritte oder vierte ihrer Art. Und schon immer hätten sich Angehörige nicht an das Betretungsverbot gehalten - obwohl es am Rande der Wiese zwei Steinmale gibt, die für das Ablegen von Blumen oder Aufstellen von Vasen vorgesehen sind. Unmöglich könne die Friedhofsverwaltung ständig überwachen, ob jemand unbefugt den Rasen betritt, so Winkler. Ihm ist auch nicht bekannt, dass sich je ein Angehöriger über die Vasen beschwert hätte. "99 Prozent der Leute beschweren sich eher, wenn wir was wegnehmen. Die meisten Menschen finden den Blumenschmuck schön", sagt Stefan Winkler.

Das größte Ärgernis sind die Blumenvasen für die Friedhofsverwaltung selbst - denn sie machen jede Menge Arbeit. "Wenn wir mähen wollen, müssen wir erst zwei bis drei Stunden lang die Wiese abräumen. Das Mähen selbst dauert nur eine halbe Stunde", sagt Friedhofsleiter Winkler. Je nach Wetter könne die Grasmahd einmal wöchentlich nötig sein. "Es kommt vor, dass die Mitarbeiter die Vasen wegräumen und wenn sie kurz später mit dem Mäher wiederkommen, stehen schon wieder neue da", erzählt er. Auch Friedhofsbesucher auf das Betretungsverbot hinzuweisen, habe sich als nicht zielführend erwiesen. "Wenn jemand angesprochen wird, wartet der, bis der Mitarbeiter weg ist, und setzt die Vase dann auf die Wiese", erzählt Winkler aus langjähriger Erfahrung. Im Ergebnis ist es so: Alles bleibt, wie's ist. Er hat keine Lösung.

Die verärgerte Zittauerin schlägt auch eine Lösung vor. "Mein Vorschlag wäre, Blumensamen zu streuen. Da haben alle was davon und die Verstorbenen hätten ihre Ruhe in Frieden, den sie verdient haben", schreibt die Frau. Eine Idee, über die Friedhofsleiter Stefan Winkler tatsächlich schon mal nachgedacht hat. Aber:  Die romantische Vorstellung vieler Menschen von einer bunt blühenden Blumenwiese hat einen Haken. "Die Menschen denken immer nur an blühende Blumen, nicht daran, was nach der Blüte kommt", sagt Stefan Winkler. Denn eine natürliche Blumenwiese sieht nicht während des ganzen Vegetationszyklus so aus wie die Bilderbuchwiese von Heidis Alm. Würde man die anonyme Urnen-Wiese als Blumenwiese gestalten, müsste man nämlich bei der Pflege immer warten, bis alle Blumen verblüht sind. "Und so eine Wiese sieht auch nach dem Mähen nicht so schön aus, wie manche sich das vorstellen", sagt Stefan Winkler.  

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