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Fünf Lehren aus der WM in Altenberg

Ein sächsischer Dominator, packende Rennen und so viele Besucher wie nie – das waren Festtage. Doch es gibt auch Kritik.

Diese WM wird in Erinnerung bleiben, wegen der vielen Zuschauer und weil es emotional zuging. Nico Walther (rechts oben) tritt zurück, Rekordweltmeister Francesco Friedrich bedankt sich bei seinem Sohn und Christopher Grotheer wird Skeleton-Weltmeister.
Diese WM wird in Erinnerung bleiben, wegen der vielen Zuschauer und weil es emotional zuging. Nico Walther (rechts oben) tritt zurück, Rekordweltmeister Francesco Friedrich bedankt sich bei seinem Sohn und Christopher Grotheer wird Skeleton-Weltmeister. © Lutz Hentschel (4)

Eines steht schon mal fest, noch ehe alle Bilanzen gezogen, Ergebnisse analysiert und die vergangenen zwei Wochen ausgewertet sind. Nach dieser WM in Altenberg wird die Bobwelt eine andere sein, und auch im Skeleton gibt es grundlegende Veränderungen.

Fünf Erkenntnisse, die Sportler, Trainer, aber auch Altenberg in den nächsten Wochen und Monaten nachhaltig beschäftigen werden.

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Friedrich bleibt die Nummer eins, auch in den nächsten Jahren

Rekorde allein sind nicht das Entscheidende. Francesco Friedrich, das hat er selbst mal gesagt, möchte Ergebnisse hinterlassen, an denen sich die Bobpiloten nach ihm vergeblich versuchen. Resultate für die Ewigkeit also. Und der Pirnaer, der sich als Perfektionist bezeichnet, ist auf dem allerbesten Weg dazu.

Sechsmal hintereinander Zweierbob-Weltmeister, dreimal in Folge Doppel-Weltmeister, das heißt, Sieger im Zweier und Vierer bei einer WM – das hat in mehr als hundert Jahren Bobsport keiner vor ihm geschafft. Mit dem insgesamt neunten Titel am Sonntag in Altenberg hat der Pirnaer nun André Lange, seinem Vorgänger als Vorzeigepilot, übertroffen – und mit Eugenio Monti gleichgezogen. 

Dass Friedrich im nächsten Jahr in Lake Placid den WM-Sieg Nummer zehn einfährt, mag kaum noch einer bezweifeln. Er ist athletisch ohnehin der Beste, hat starke Anschieber, kümmert sich akribisch um das Material. Kurzum, der 29-Jährige arbeitet überaus professionell. Und das unterscheidet den Piloten vom BSC Sachsen Oberbärenburg von der Konkurrenz im In- und Ausland.

Nach Walthers unerwartetem Rücktritt stehen sächsische Nachfolger bereit

Der Dreifachsieg im Vierer mit Friedrich, Johannes Lochner vom Königssee und dem Dresdner Nico Walther hätte auch als Beleg für bestehende Kräfteverhältnisse im deutschen Bob-Nationalteam dienen können. Mit dem ungeahnten Rücktritt von Walther, der nach einem Trainingssturz das Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten verlor und deshalb nach dem WM-Finale seine Karriere beendete, ist das hinfällig.

Im Hinblick auf Olympia 2022 in Peking steht vielmehr die Frage, wer Walther, der regelmäßig Medaillen eingefahren hat, jetzt ersetzt. Die Antwort kommt aus Oberbärenburg. Junioren-Weltmeister Richard Oelsner, wie Friedrich und Walther, für den kleinen Verein im Osterzgebirge aktiv, hat dafür – Stand jetzt – die größten Chancen. Dass er in der Weltspitze mithalten kann, hat er diesen Winter gezeigt als Weltcup-Dritter und WM-Fünfter im Zweier.

Oelsner profitiert maßgeblich von den Synergieeffekten unter den Oberbärenburger Piloten. Möglicherweise wechselt auch der eine oder andere Anschieber von Walther jetzt zum 25-jährigen Oelsner. Oder auch zu dessen vier Jahre jüngeren Vereinskollegen Maximilian Illmann, der in dieser Saison im Europacup gewann und auch sein erstes Rennen im Weltcup bestritt.

Noch nicht infrage kommt Alexander Czudaj. Der Sieger im Monobob bei den Olympischen Jugendspielen gilt zweifellos als das nächste große Talent, muss mit seinen 17 Jahren nun erst reichlich Bahnerfahrung sammeln. Zum Vergleich: Das Jahrhunderttalent Friedrich ist mit 22 Jahren jüngster Zweierbob-Weltmeister in der Historie seiner Sportart geworden.

Deutschland dominiert jetzt auch im Skeleton

Bauchrutschen oder doch Rodeln, aber andersrum? Dass mit dem Begriff Skeleton mancher nur wenig bis nichts anfangen kann, ist nicht mehr die Schuld der deutschen Athleten. Sie betreiben natürlich immer noch die kleinste der drei Schlittensportarten, sind aber derzeit so erfolgreich wie nie – und gemessen an der Medaillenbilanz besser als die Rodler.

Weltmeisterin Tina Hermann hat ihren Titel verteidigt, und bei den Männern gab es sogar einen vorher nicht für möglich gehaltenen deutschen Dreifachsieg. Den erstmals ausgetragenen Mixed-Team-Wettbewerb haben die Gastgeber auch noch gewonnen

Heimvorteil hin oder her, der deutsche Verbandschef Thomas Schwab, früher selbst Weltklasse-Rodler, nennt das ein enormes Ergebnis, und er betont, dass sich die Skeletonis auch verbandsintern in ein anderes Licht gerückt haben. Mit so einer Dominanz sei nicht zu rechnen gewesen. Und Bundestrainer Dirk Matschenz ergänzt, dass sämtliche Planungen eigentlich auf Olympia ausgerichtet sind, die sehr positive Entwicklung also längst nicht abgeschlossen ist.

Der Altenberger Eiskanal ist die beste Adresse im Weltcup-Kalender

Mit Wonne erzählt WM-Organisationschef Jens Morgenstern die Anekdote vom ersten WM-Tag. Beim Training, haben ihm die Kollegen vom Bob- und Skeleton-Weltverband gesagt, seien an der Bahn mehr Zuschauer gewesen als vor einem Jahr im Olympia-Ort Whistler bei der ganzen WM. Insgesamt rund 25.000 Zuschauer sind es am Ende in zwölf Trainings- und Wettkampftagen – auch das ist rekordverdächtig.

Von der WM-Organisation schwärmen indes die Sportler. Die perfekten Bahnbedingungen nennen sie, dazu die funktionierenden Abläufe – und immer wieder die Stimmung an der Bahn. Dass die Deutschen und allen voran der Publikumsmagnet Francesco Friedrich gewinnt, trägt natürlich zur guten Laune auf den Tribünen bei. Das Publikum in Altenberg gilt jedoch seit jeher als begeisterungsfähig und überaus fair, so auch diesmal.

Der Oberbärenburger Vereinsvorsitzende Rainer M. Jacobus hat im Vorfeld vom Mekka des Bobsports gesprochen, das haben die WM-Tage einmal mehr bestätigt.

An der Bahn muss dringend investiert und gebaut werden

Aus dem internationalen Wettkampfkalender ist Altenberg nicht wegzudenken. Einen Platz im Weltcup hat die fahrerisch sehr anspruchsvolle Bahn immer sicher, allein aus Mangel an guten Alternativen. 

Und doch gibt es Kritik – verbunden mit Forderungen vor Ort als auch konkreten Auflagen vom Weltverband. So muss die Bahn im unteren Teil, wo es zuletzt immer häufiger zu schweren Stürzen kam, entschärft werden. Der Umbau soll nun beginnen und kostet rund 3,4 Millionen Euro.

Auch Bahnchef Morgenstern ist nicht zufrieden. Infrastrukturell sieht er den Eiskanal nicht mehr konkurrenzfähig. Der Stellplatz für die Bobs am Start muss überdacht werden. Bei der WM passierte dies mit einem provisorischen Zelt, ebenso wie beim Vip-Bereich, der zwar schön ist – aber viel zu klein. 

Morgenstern spricht von einem Zehn-Jahres-Plan, den er im zuständigen Ministerium vorstellen will. Zum WM-Finale am Sonntag war Sachsens Innenminister Roland Wöller an der Bahn – und ist immerhin mit Olympiasieger Harald Czudaj schon mal Schlitten gefahren.

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