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Krimi im Eiskanal: Friedrich gewinnt, aber ganz knapp

Dramatik, Spannung und ein Ergebnis in der Königsdisziplin Viererbob, das alle Erwartungen übertrifft. Die WM in Altenberg endet sensationell.

Großer Pokal, großer Jubel beim Bobteam Friedrich. Auch der Sohn des neuen Rekordweltmeisters darf den Pokal mit hochheben.
Großer Pokal, großer Jubel beim Bobteam Friedrich. Auch der Sohn des neuen Rekordweltmeisters darf den Pokal mit hochheben. ©  Sebastian Kahnert/dpa

Die letzte Entscheidung bei dieser Bob-WM in Altenberg wird lange in Erinnerung bleiben, bei Trainern, Funktionären und Zuschauern gleichermaßen – vor allem aber bei den deutschen Bobfahrern.

Vor dem letzten Lauf trennt die Teams von Nico Walther, Francesco Friedrich (beide BSC Sachsen Oberbärenburg) und Johannes Lochner vom Königssee lediglich die Winzigkeit von 0,01 Sekunden. Umgerechnet sind das: 26 Zentimeter auf der 1.400 Meter langen Bahn. „Das war Wahnsinn heute, einfach unglaublich“, sagt Friedrich danach. Oder besser: Er krächzt nur noch, was schon einiges über den Ausgang des Rennens verrät.

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Denn als Friedrich und seine Anschieber Candy Bauer, Martin Grothkopp und Alexander Schüller das Ziel erreichen, brechen an der Bahn alle Dämme. Hundert Kilogramm schwere Männer herzen sich, schreien ihre Anspannung heraus, die jetzt mehr und mehr Freude wird.

Team Friedrich hat es geschafft: Sie sind wieder Weltmeister. Nach dem Zweiersieg am vergangenen Sonntag, dem sechsten WM-Triumph im kleinen Schlitten hintereinander, gewinnen sie auch mit dem Vierer, und das zum dritten Mal in Folge. Das hat vor ihnen auch noch niemand geschafft. Man kann es kurz fassen: Seit 2017 hat diese Mannschaft tatsächlich alle wichtigen, alle großen Rennen für sich entschieden, Olympia 2018 inklusive.

Nach dem riesigen Vorsprung von 1,65 Sekunden in der Vorwoche ist diesmal aber alles anders, spannender, dramatischer. Es läuft schlicht nicht so wie gewünscht für den 29-jährigen Pirnaer auf seiner Heimbahn. Gleich im ersten Lauf verbessert das Team zwar den 24 Jahre alten Startrekord, das aber auf Kosten der Abgangsgeschwindigkeit. 

Sie sind viel zu weit gelaufen, können das Tempo damit nicht so richtig mitnehmen. Fahrfehler kommen im ersten und zweiten Lauf dazu. Konsequenz: Friedrich ist am Samstag lediglich Vierter, hat auf den Führenden Nico Walther allerdings auch nur 0,09 Sekunden Rückstand. „Pleitetag“, nennt er das – und macht eine Kampfansage: „Wir ändern ein paar Kleinigkeiten, nehmen andere Kufen und dann schauen wir mal. Die anderen müssen mit der Situation auch erst mal klarkommen.“

Lange haben sie nach dem ersten Tag in der Bobgarage gestanden, haben noch mal am Material geschraubt, Kufen poliert und sich vor allem eingeschworen auf den alles entscheidenden Sonntag, der sich in Sachen Spannung und Dramatik sogar noch zuspitzt.

Den Startrekord auf der Altenberger Bahn hat Friedrichs Team bereits am Samstag geknackt. Die alte Bestmarke hatte Christoph Langen vor 24 Jahren aufgestellt.
Den Startrekord auf der Altenberger Bahn hat Friedrichs Team bereits am Samstag geknackt. Die alte Bestmarke hatte Christoph Langen vor 24 Jahren aufgestellt. © dpa

Friedrich und seine Anschieber fahren wieder nicht fehlerfrei, aber die Laufbestzeit und schieben sich auf den ersten Platz. Nur stehen sie dort nicht allein. Team Walther hat die auf die Hundertstelsekunde exakt gleiche Zeit. Und Lochner liegt 0,01 Sekunden hinter dem sächsischen Duo – nach drei Läufen, insgesamt 4.200 Bahnmetern.

Alles offen also, und eine Nervenfrage verbunden mit dem Blick aufs Wetter. Sonne, Regen, Schnee wechseln sich ab. Weil es im vierten Lauf zwei Stürze gibt, verzögert sich das Rennen, die Schneeflocken werden größer. Und dann fällt die Entscheidung in umgekehrter Startreihenfolge.

Lochner muss vorlegen, und das macht er gut. Mit seiner besten Fahrt während der WM-Tage in Altenberg, so sagt er das danach, geht er in Führung. Nun ist Walther gefordert. Der ewige Zweite und oft genug auch Viertplatzierte sehnt sich nach seinem ersten großen Titel. Am Ende liegt er 0,18 Sekunden hinter Lochner. Aber zumindest die Medaille hat Walther sicher. Er schaut – nicht unbedingt begeistert. Kurze Zeit später wird Walther emotional, er beendet überraschend seine Karriere

Schließlich Friedrich und seine Anschieber, sie dürfen als Letzte ran, weil sie im dritten Lauf die Bestzeit gefahren sind. „Bei der Erwärmung war ich ein bisschen aufgeregt“, gesteht Friedrich danach, was einigermaßen überrascht. Das hätte man von ihm nicht gedacht, auch wenn die äußeren Bedingungen ziemlich schwer einzuschätzen sind. Friedrich funktioniert eher so: „Am Start wusste ich, dass es um alles geht und ich mich zusammenreißen muss und das Ding ins Ziel bringe.“

Das sind die neuen alten Weltmeister: Francesco Friedrich, Martin Grothkopp, Alexander Schüller und Candy Bauer
Das sind die neuen alten Weltmeister: Francesco Friedrich, Martin Grothkopp, Alexander Schüller und Candy Bauer © Fabian Deicke

So kommt es dann auch: Die Startraketen sind auch diesmal ziemlich schnell auf den ersten 50 Metern. Die Zwischenzeiten: 0,06 Sekunden Vorsprung, dann noch mal 0,06, schließlich 0,07 und wieder 0,07. Das müsste reichen. Das reicht. 0,05 liegen sie am Ende vor Lochner.

„Eine unglaubliche Mannschaftsleistung von uns Fünfen“, sagt Friedrich, der seinen Zweier-Anschieber Thorsten Margis ausdrücklich mit einschließt. Diesen Luxus, auf einen Top-Anschieber zu verzichten, kann sich nur der Rekordweltmeister leisten. Neun WM-Titel hat er jetzt eingefahren, genauso viele wie der Italiener Eugenio Monti. Was das bedeutet, ist klar: Im nächsten Jahr, bei der WM in Lake Placid, will Friedrich auch diese Bestmarke für sich ganz allein haben.

„Es kann ja noch weitergehen“, sagt er. Seine Anschieber stehen hinter ihm und grinsen. Erst mal, das verrät ihr Blick, wird jetzt gefeiert.

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