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Francesco Friedrich und die Sensation von Altenberg

Der Bobpilot Francesco Friedrich ist das Gesicht seiner Sportart. Jetzt will er Historisches schaffen. Der Druck ist riesig, der Pirnaer aber locker. Wie macht er das?

Eigentlich ruht er in sich, doch Francesco Friedrich kann auch anders – 2018 nach dem Olympiasieg zum Beispiel.
Eigentlich ruht er in sich, doch Francesco Friedrich kann auch anders – 2018 nach dem Olympiasieg zum Beispiel. © dpa/Tobias Hase

Am Sonntag gegen 16.45 Uhr steht die Sensation in Altenberg fest, so viel ist sicher. Entweder Francesco Friedrich ist dann Rekordweltmeister, also zum sechsten Mal hintereinander WM-Sieger im Zweierbob. Oder die beeindruckende Serie des Bobpiloten aus Pirna ist ausgerechnet bei der Meisterschaft auf seiner Heimbahn beendet – was nach dem Stand der Dinge die viel größere Sensation wäre.

Ernsthaft daran glauben mag niemand. Friedrich selbst sowieso nicht, aber auch kein Trainer, kein Experte, keiner seiner Konkurrenten. Der Kanadier Justin Kripps, dem man es vermutlich noch am ehesten zutrauen kann, gibt sich zwar betont optimistisch. Aber das klingt vielleicht nur so, wenn er bei der internationalen Pressekonferenz in der Panoramabaude oberhalb der Bobbahn auf Englisch antwortet. Und was soll er eigentlich auch anderes sagen, als er nach seinen Chancen befragt wird?

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Alles ist möglich! Aber stimmt das wirklich?

Kripps, mit Friedrich vor zwei Jahren zeitgleich Zweierbob-Olympiasieger, lacht also erst mal laut und sagt dann nordamerikanisch-lässig: „Everything is possible.“ Alles ist möglich!?!

Das ist natürlich grundsätzlich richtig, erst recht in einer Rennsportart, die noch dazu maßgeblich von äußeren Bedingungen beeinflusst werden kann. „Du fährst, um Rennen zu gewinnen. Und genau das ist mein Ziel“, betont Kripps, erzählt zudem noch, dass er schon 2018 den Weltcup hier gewonnen habe und der Eiskanal in Altenberg seine Lieblingsbahn ist. Das alles stimmt, lässt sich jedoch auch gut mit zwei Worten zusammenfassen: psychologische Kriegsführung.

Den Helm noch auf dem Kopf und beide Zeigefinger in die Luft - das ist das ultimative Zeichen bei Friedrich, wenn ihm eine starke Fahrt gelungen ist.
Den Helm noch auf dem Kopf und beide Zeigefinger in die Luft - das ist das ultimative Zeichen bei Friedrich, wenn ihm eine starke Fahrt gelungen ist. © dpa

Der Sieg nach den jeweils zwei Rennläufen am Samstag und Sonntag geht ausschließlich über Friedrich, das muss Kripps nicht extra sagen. Das weiß jeder. Bemerkenswert ist, wie gelassen der Dauerweltmeister mit der Favoritenrolle, die ja auch eine Bürde sein kann, umgeht. „Was bleibt mir anderes übrig“, entgegnet er. „Wenn man so dominiert hat wie wir“, sagt Friedrich und meint sich und seine Anschieber, „muss man damit leben, dass man auf der Heimbahn als Topfavorit gilt. Wir sind seit vielen Jahren die Gejagten. Damit kann ich gut umgehen.“

Auch der Mann kann pokern – könnten jetzt alle die sagen, die Friedrich in den vergangenen Jahren bei Weltcups und speziell bei den großen Höhepunkten nicht aus nächster Nähe beobachtet und erlebt haben. Kripps und Co. gehören nicht dazu.

Selbst den zusätzlichen Druck, den so eine Heim-WM verbunden mit besonderen Erwartungen und vielfältigen Verpflichtungen zum Beispiel gegenüber den Veranstaltern, Sponsoren und Fans erzeugt, den ignoriert Friedrich einfach. Das eine oder andere Selfie mehr macht er gern. 

Zusammen wollen sie einmal mehr den Titel einfahren: Francesco Friedrich (rechts) und sein Anschieber Thorsten Margis, mit dem er seit 2015 zusammen Zweier fährt.
Zusammen wollen sie einmal mehr den Titel einfahren: Francesco Friedrich (rechts) und sein Anschieber Thorsten Margis, mit dem er seit 2015 zusammen Zweier fährt. © dpa

Auch die seit einiger Zeit immer öfter kommenden Fragen nach dem historischen sechsten WM-Titel beantwortet er mit stoischer Ruhe wieder und wieder. „Darüber wird viel geredet. Doch Gedanken machen kann ich mir dazu, wenn ich es geschafft habe“, sagt er dann zum Beispiel. 

Doch alles andere kümmert ihn nicht. Friedrich, Spitzname Franz, lässt den Druck schlicht Druck sein. Noch mehr Erwartung als das, was er von sich erwartet, geht sowieso nicht.

Mit dem Franz-Hype am Eiskanal hat er leben gelernt

Das Verblüffende daran: Friedrich verkrampft in dieser zweifellos komplexen Gemengelage nicht, im Gegenteil. Der 29-Jährige hat mit dem Franz-Hype, der rund um diese Heim-WM längst ausgebrochen ist, leben gelernt. Genauso mit der Tatsache, inzwischen Gesicht und Stimme einer ganzen Sportart zu sein.

Seinen Sport in den Mittelpunkt zu rücken, das sei ihm während der WM-Tage von Altenberg wichtig. Einen besseren Ort für eine Weltmeisterschaft könne er sich jedenfalls nicht vorstellen. „So ein Highlight werde ich in meiner Karriere nicht mehr erleben“, erklärt Friedrich in Dreierbob, dem Sächsische.de-Podcast zur WM. Wenn er sich also etwas wünschen dürfte, dann ist das: „Faire, gleiche Bedingungen für alle.“

Dann, so müsste der zweite Teil des Satzes lauten, kann der Weltmeister nur Friedrich heißen. Denn in vier Läufen dürfte es tatsächlich schwer bis nahezu unmöglich werden, ihn zu besiegen.

Mit einem Bob des Berliner FES-Instituts fährt Friedrich im Zweier, beim Vierer nächste Woche wechselt er in ein Fabrikat des österreichischen Schlittenbauers Hannes Wallner.
Mit einem Bob des Berliner FES-Instituts fährt Friedrich im Zweier, beim Vierer nächste Woche wechselt er in ein Fabrikat des österreichischen Schlittenbauers Hannes Wallner. © dpa

Friedrich kennt die Bahn und fährt eine Linie, die andere nur in der Theorie drauf haben. Er hat die ganze Saison auch auf Kosten von Weltcupsiegen am Material getüftelt und in der Vorwoche auf die Titelverteidigung bei der Europameisterschaft verzichtet. Stattdessen stand er einen Tag lang mit seinen vier Anschiebern in der Garage. Zusammen haben sie den WM-Bob komplett auseinandergenommen, jedes Teil gereinigt und wieder zusammengesetzt, zudem die Kufen schon mal poliert. Das Ergebnis: Maximale Entspannung in dieser Woche, während die Konkurrenz immer noch an den Geräten schraubt.

Der jüngste Weltmeister aller Zeiten ist er schon

Diese Besessenheit, sein strategischer Weitblick und seine Athletik machen den Unterschied. Friedrich ist Perfektionist, und das im positiven Sinne. Die Erkenntnis, für Siege nicht auf Glück oder andere äußere Umstände hoffen zu müssen, treibt ihn an.

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Dieser Perfektionismus hat ihn an die Weltspitze gebracht und sorgt dafür, dass er immer noch dort thront. In Zahlen und Fakten liest sich das so: 2013 wird der damals 22-Jährige in St. Moritz jüngster Zweier-Weltmeister in der mehr als hundertjährigen Bob-Historie, es folgen die Titel in Winterberg 2015, Innsbruck 2016, Königssee 2017, Whistler 2019. Zwischendurch erlebt er bei Olympia erst 2014 eine riesige Enttäuschung (Plätze 6 und 8) und 2018 dann mit den Siegen im Zweier und Vierer die größten Triumphe. Zur lebenden Legende, und mit dem Begriff muss man vorsichtig sein, könnte er am Sonntag werden.

Friedrich sagt, er sei sehr optimistisch und gut vorbereitet.

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Alle Infos zur Bob- und Skeleton-WM gibt es hier auf unserer Themenseite.

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