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Bolt und der ewige Verdacht

Der Jamaikaner ist und bleibt der „Heilsbringer“ der Leichtathletik. Allen Doping-Skandalen zum Trotz begeistert er die Massen.

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© dpa

Ausgerechnet der Spezialist für das Außergewöhnliche hat die Sprinterwelt zurück in die Normalität geführt: Usain Bolt scherzte, posierte, rannte, siegte wie eh und je – und 60 000 Fans im Londoner Olympiastadion feierten den Superstar nach seinem Erfolg über 100 m, als hätte es die jüngsten Doping-Skandale um Asafa Powell und Tyson Gay nie gegeben. „Die Fans geben mir die nötige Energie, um schnell zu laufen“, sagte Bolt nach seinem Sieg in 9,85 Sekunden beim olympischen Revival in der Diamond League.

Eine dürre Erklärung, die in den Katakomben der riesigen Arena einen faden Beigeschmack hinterließ. Und dieser verstärkte sich noch, als einen Tag später Bolts Landsfrau Shelly-Ann Fraser-Pryce bereits im Vorlauf über 100 m eine knackige Jahresweltbestleistung (10,77) auf die Bahn legte – ihre Staffelkolleginnen Veronica Campbell-Brown und Sherone Simpson waren schließlich im Mai bzw. Juli ebenfalls als mutmaßliche Betrügerinnen aus dem Verkehr gezogen worden.

Das Publikum focht all das wenig an. Während es fast unterging, dass bei Gay – immerhin nach wie vor der schnellste Mann des Jahres (9,75) vor Bolt – auch die B-Probe positiv war, beklatschten die Londoner Jamaikas Superstar vollkommen unkritisch wie einen Heilsbringer. Und in dieser Rolle fühlte sich Bolt sichtlich wohl: „Ich kann nicht festlegen, wie sehr dieser Sport mich braucht. Ich bin nur hier, um mein Bestes zu geben und der Welt zu zeigen, dass es möglich ist, sauber zu laufen.“

Wer Bolt etwas Böses will, könnte nun behaupten, dass in genau diesem Sinne der Londoner Lauf pure Berechnung war: Seine 9,85 Sekunden waren schnell genug, um kurz vor der WM (10. bis 18. August) wie erwartet eigene Stärke zu zeigen, und langsam genug, um Doping-Gerüchten keine neue Nahrung zu geben. Einerseits neigt Bolt zwar nicht zu rationalen Leistungen, andererseits verschenkte er durch einen schwachen Start reichlich Zeit. „Wenn ich so starte, dann werde ich bei der WM vielleicht als Fünfter das Ziel erreichen“, sagt Bolt. Was für die Öffentlichkeit wohl weitaus schockierender wäre als die Doping-Fälle Gay/Powell.

Am Stabhochsprung-Weltrekord (6,12 Meter) versuchte sich derweil Olympiasieger Renaud Lavillenie (Frankreich) zweimal vergeblich, sorgte aber mit seinen übersprungenen 6,02 m für den Höhepunkt in London. Christina Obergföll fuhr mit dem Speer und soliden 65,61 m ihren zweiten Gesamtsieg in der Diamond League nach 2011 ein. Kugelstoßerin Christina Schwanitz (Thum) wurde mit 19,74 m Zweite hinter Neuseelands Olympiasiegerin Valerie Adams (20,90/Jahresweltbestleistung).

Ein Last-Minue-Ticket für Moskau buchte der gebürtige Äthiopier Homiyu Tesfaye über 1500 Meter. In 3:34,76 Minuten blieb er 24 Hundertstel unter der Norm. Die geforderte Zeit für die WM hat der Dresdner Georg Fleischhauer über 400 Meter Hürden in 50,37 erneut verpasst. (sid/SZ)