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Bombendrohung oder nur wirres Gerede?

Ein Algerier hatte Ärger mit der Bürokratie und wollte deshalb bei der Ausländerbehörde Luft ablassen. Der Fall landete am Ende vor Gericht.

Das Landratsamt auf dem Pirnaer Sonnenstein. Ein Mann wollte hier auf angebliche Missstände in seiner Heimat aufmerksam machen.
Das Landratsamt auf dem Pirnaer Sonnenstein. Ein Mann wollte hier auf angebliche Missstände in seiner Heimat aufmerksam machen. © Daniel Schäfer

Von Friederike Hohmann

Wäre Ali C. doch nur an einem anderen Tag zur Ausländerbehörde am Landratsamt in Pirna gekommen. Oder hätte er vorher einen Termin vereinbart. Schließlich kennt man den Mann aus Algerien dort schon seit Jahren und alle Mitarbeiter hatten zumindest schon von ihm gehört. Und irgendwie war man auch immer mit ihm klar gekommen. Zwar wusste man meist nicht, was er eigentlich wollte, aber eine Kollegin war besonders gut auf ihn eingestellt und nahm sich, wenn es möglich war, seiner an.

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Tatvorwurf versuchte Nötigung

Aber an diesem Dienstag im Juli vergangenen Jahres war diese Kollegin schon anders beschäftigt. Freundlicherweise kümmerte sich dann ein anderer um Ali C. und war dann schnell überfordert von den Reden des 47-jährigen Mannes. Obwohl er schon gehört hatte, dass Ali C. immer sehr emotional ist und sich in seine Themen hineinsteigert, kam ihm das, was er da hörte, doch nicht mehr ganz harmlos vor. Den Sinn hatte er zwar nicht verstanden, aber Ali C. sprach neben den Problemen, die er mit der Beschaffung seiner Geburtsurkunde und mit dem Jugendamt wegen des Sorgerechts für seine Tochter hatte auch von einer Bombe in der deutschen Botschaft in Algier. Und dass eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde es bereuen würde, wenn man nicht dafür sorgt, dass sich die deutsche Botschaft in Algier künftig nicht mehr im gleichen Gebäude wie die französische Botschaft befindet. Um festzuhalten, was er da an Bedrohlichem vernahm, bat der Landratsamts-Mitarbeiter seinen Kollegen, mitzuschreiben und erstellte daraus später eine Aktennotiz. Die Auswertung dieser Notiz führte nun zu einem Strafverfahren am Amtsgericht Pirna, wo C. wegen versuchter Nötigung angeklagt wurde.

Richterin Cornelia Rosen versucht nun sehr geduldig herauszufinden, was an jenem Nachmittag im benachbarten Landratsamt auf dem Sonnenstein vorgefallen war. Dass von Ali C. selbst nicht viel Erhellendes zu erfahren ist, wird dabei schnell klar. Er schafft es, in einem einzigen Satz gleich eine Vielzahl seiner Probleme unterzubringen. Dabei zieht er Zettel aus Folien, hält Fotos hoch und wedelt mit Dokumenten. Plötzlich zieht er sein T-Shirt nach oben, um dem Gericht die Narben auf seinem Rücken, die von Misshandlungen in Algerien zeugten, zu zeigen. Immer wieder unterbricht ihn die Richterin und fordert ihn sehr bestimmt auf, ihre Fragen zu beantworten. Aber es hilft nichts. Ob auf Deutsch oder auf Arabisch mit Unterstützung eines Dolmetschers, es bleibt ein wirres Durcheinander. Er erzählt zum Beispiel, dass der algerische Geheimdienst ihm angedroht habe, eine Bombe am Haus der deutschen Botschaft zu verstecken und ihm das dann in die Schuhe zu schieben.

Wirrwarr um französische und deutsche Botschaft

Ali C. hat das Glück, einen engagierten Verteidiger neben sich zu haben, der ihn schon seit Jahren kennt. Rechtsanwalt Jürgen Saupe weiß, welche Probleme Ali C. gerade hat und kann sich denken, weshalb er sich diesmal bei der Vorsprache im Landratsamt so echauffierte: Der Algerier hat eine Tochter in Deutschland. Dass er der biologische Vater ist, kann er nachweisen. Er möchte aber, dass auch sein Name auf der Geburtsurkunde der inzwischen 15-Jährigen steht. Das Jugendamt verlangte dafür seine algerische Geburtsurkunde und eine ins Deutsche übersetzte Kopie, beides beglaubigt von der deutschen Botschaft in Algier. Seine mit einer Vollmacht in deutscher Sprache ausgestattete Schwester hatte nun eine aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzte Urkunde in Algier anfertigen lassen war damit zur deutschen Botschaft gegangen, die sich nach Ali C.s Aussage das Gebäude und auch das Personal mit der französischen Botschaft teilt. Laut Routenplaner liegen die beiden Botschaften ein paar Kilometer auseinander. Vor Ort sei sie von einem Mitarbeiter der französischen Botschaft abgewiesen worden, da sie die Dokumente angeblich in französischer Sprache vorlegen müsse. Nach langem Hin und Her und wohl auch Demütigungen bekam die Schwester endlich die benötigten Dokumente. Über diese Vorgänge hatte sich C. sehr erregt und wollte nun wohl bei den Mitarbeitern in der Ausländerbehörde Luft ablassen.

Staatsanwältin und Richterin sehen es schließlich nicht als erwiesen an, dass sich in dem wirren Gerede tatsächlich ernst zu nehmende Drohungen versteckten. Das Gericht stellt das Verfahren ein. An Ali C. gerichtet sagt die Richterin zum Schluss, dass er offensichtlich bedrohlich auf die Mitarbeiter der Behörde gewirkt habe. Das gehe so nicht. Das müsse er unbedingt ändern. So etwas könne auch einmal ganz anders ausgehen.

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