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Bombenfunde sind selten

In Görlitz und Umgebung werden meist Patronen und Granaten ausgegraben. Die sind nicht weniger gefährlich.

Von Ralph Schermann

Wenn von einer brisanten Bombe nur Schrott übrig bleibt, haben Sprengmeister gut lachen. Immer wieder müssen diese Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Dresden ausrücken, weil noch immer gefährliche Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges auftauchen. In Görlitz war das zuletzt 1999 und 2004 der Fall, als 100-Kilogramm-Fliegerbomben in Biesnitz und in der Südstadt entschärft wurden. Vorübergehend mussten damals Hunderte Menschen aus ihren Wohnungen, wurden Altenheime evakuiert, ruhte der Straßenverkehr.

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Sprengmeister Holger Klemig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst war schon mehrmals in Görlitz im Einsatz. Hier hat er Fliegerbomben entschärft. Das zünderlose Kriegsgerät wird dann zur Vernichtung nach Dresden gefahren. Archivfoto: D. Thomas
Sprengmeister Holger Klemig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst war schon mehrmals in Görlitz im Einsatz. Hier hat er Fliegerbomben entschärft. Das zünderlose Kriegsgerät wird dann zur Vernichtung nach Dresden gefahren. Archivfoto: D. Thomas

Wenn auch solche spektakulären Fälle selten sind – kein Monat vergeht bei der Polizei ohne Einsätze wegen Fundmunition. 2012 meldeten Bürger 37 solche Funde zwischen Görlitz und Niesky, achtmal davon direkt in der Stadt Görlitz. In diesem Jahr übernahmen die Beamten des Polizeireviers bereits 24 Munitionsfunde, fünf in der Kreisstadt. „Dieser Umfang steht durchschnittlich Jahr für Jahr zu Buche“, bestätigt der Leiter des Görlitzer Polizeireviers, Raik Schulze. Für die gesamte Oberlausitz hat die Polizeidirektion Görlitz im vorigen Jahr 139 Fälle registriert, und für 2013 steht die Statistik bereits bei der Zahl 96.

Der jüngste Fall stammt von einem Hof auf der Görlitzer Landeskronstraße. Dort rief ein Bauarbeiter die Polizei, weil er beim Schachten in 1,10 Meter Tiefe auf einen Revolver gestoßen war. Direkt daneben fand er eine größere Menge bereits verrosteter Patronen. Meistens handelt es sich bei Munitionsfunden um Patronen. Solche buddelte in diesem Jahr zum Beispiel auch ein Gärtner in der Sparte Kummerau aus.

Gelegentlich gehören auch Handgranaten zu den Fundsachen, so wie 2012 in einem Hinterhaus der Elisabethstraße oder 2013 zwischen abgegebenem Schrott bei einem Görlitzer Metallwarenhändler. Eine Artilleriegranate wurde bei Bauarbeiten an der Stadtbrücke entdeckt, und vor einigen Jahren fanden sich bei Hagenwerder sogar in nur 50 Zentimetern Tiefe mehrere panzerbrechende Splitterpatronen von 15 Zentimetern Länge. Im Juli mussten Bauarbeiten auf der Büttnerstraße vorübergehend eingestellt werden, weil „ein munitionsähnlicher Gegenstand“ im Bagger lag.

„Keiner sollte den Helden spielen, wenn er nicht weiß, was er da gefunden hat“, betont Raik Schulze. Wenn Munitionsteile über Jahrzehnte in der Erde lagen, fällt es auch Experten mitunter schwer, deren konkrete Beschaffenheit gleich zu erkennen. Auch, wenn sich eine vermeintliche Granate als verrosteter Feuerlöscher oder verformte Milchkanne herausstellen sollte, ist deshalb die Polizei immer der richtige Ansprechpartner. „Mit Fundmunition sollte niemand experimentieren, das ist sehr gefährlich“, sagt der Revierleiter. Das gilt auch dann, wenn es sich nur um Dekorationsstücke handelt. „Leider werden heute ja viele täuschend echt aussehende Attrappen von Handgranaten oder Pistolen im Handel angeboten, wir hatten auch schon Feuerzeuge in Granatenform“, sagt Raik Schulze. Die meiste Fundmunition gibt es nach wie vor nördlich von Görlitz. Orte wie Groß Krauscha, Zentendorf, Zodel, Kaltwasser oder Charlottenhof tauchen auch in diesem Jahr wieder in den Einsatzlisten auf. Das setzt sich dann über Rothenburg in Richtung Horka fort und macht die Hauptkampflinien am Ende des Zweiten Weltkrieges deutlich. Doch auch in die Stadt Reichenbach und sogar auf den Friedhof von Jauernick-Buschbach wurde der Kampfmittelbeseitigungsdienst 2013 bereits in Marsch gesetzt.

Bisher verhielten sich die Bürger stets umsichtig, wenn sie auf Fundmunition stießen. Die Regeln sind einfach, fasst Wolfgang Trautmann von der Görlitzer Polizeiberatungsstelle zusammen: „Fundort markieren, sichern, Polizei rufen.“ Nie soll Fundmunition berührt werden, nicht nur wegen der Explosionsgefahr, sondern auch wegen eines möglichen Austritts von Gefahrstoffen wie Phosphor. „Alle Arbeiten in näherer Entfernung sind einzustellen, Personen sollen einen genügend großen Sicherheitsabstand einhalten“, ergänzt Wolfgang Trautmann. Weil Fundmunition gefährlich ist, kann das Risiko nicht eingeschätzt werden – selbst für Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bleibt immer ein Restrisiko. Wolfgang Trautmann begründet: „Trotz des Alters haben viele Munitionsteile keine Sprengkraft verloren. Deformation infolge des Aufschlages, Verwitterung und chemische Zersetzung der Zündmittel erhöhen die Empfindlichkeit noch zusätzlich. Man sollte auch wissen, dass militärische Sprengmittel fast unbegrenzt lagerfähig sind und somit auch lange Zeit scharf bleiben.“ Und wohl auch weiterhin in Görlitz gefunden werden.