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Bombentag am D-Day

Gestern wurden drei weitere Bomben in der Dippser Heide entschärft. Es dürften nicht die letzten Exemplare gewesen sein.

Von Annett Heyse

Das Datum ist ganz sicher ein Zufall. Am 6. Juni 1944 landete ein Großaufgebot alliierter Truppen an den Stränden der Normandie – die Operation ging als D-Day in die Geschichte ein. Und während gestern in Frankreich mehrere Staats- und Regierungschefs mit viel Pomp den 70. Jahrestag der Invasion feierten, mussten sich in der Dippoldiswalder Heide die Männer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst wieder einmal um die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs kümmern.

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An einer der drei Bomben hing noch eine Aluminiumplatte – das Bombenschloss. Die Vorrichtung bleibt beim Ausklinken eigentlich im Flugzeug.
An einer der drei Bomben hing noch eine Aluminiumplatte – das Bombenschloss. Die Vorrichtung bleibt beim Ausklinken eigentlich im Flugzeug.
Die Bomben werden in die Zerlegeanstalt nach Zeithain abtransportiert, dort in Scheiben gesägt und in einem Ofen verbrannt. Das Metall kommt in die Verwertung.
Die Bomben werden in die Zerlegeanstalt nach Zeithain abtransportiert, dort in Scheiben gesägt und in einem Ofen verbrannt. Das Metall kommt in die Verwertung.

Denn am Dienstag und Mittwoch dieser Wochen waren abermals amerikanische Fliegerbomben gefunden worden. Die drei Sprengkörper lagen rechts der Straße Heidemühle–Dippoldiswalde, zwei davon direkt unter Waldwegen und nur 80 Zentimeter und 2,50 Meter tief. Abermals mussten deshalb gestern 50 Karsdorfer ihre Häuser verlassen, bevor das Waldgebiet weiträumig abgesperrt wurde. Gegen 9.30 Uhr war der Sperrbezirk menschenleer – bis auf die Männer des Kampfmittelbeseitigungsteams um Sprengmeister Thomas Lange. Sie machten sich ab zehn Uhr an die Entschärfung der Bomben Nummer 16, 17 und 18 – so viele wurden mittlerweile in dem „Eisernen Wald“ gefunden. Gegen zwölf Uhr konnte Vollzug gemeldet werden, gegen 12.30 Uhr wurde die Straßensperrung zwischen der Heidemühle und der B 170 aufgehoben. Abgeriegelt blieb bis nach 14 Uhr die Verbindung Heidemühle – Dippoldiswalde.

Gleich neben der Fahrbahn in einer Waldschneise liegen sie im Gras: etwa einem Meter lang, 30 Zentimeter dick, jede fünf Zentner schwer und mit 113 Kilo Sprengstoff gefüllt. Thomas Lange, Chef des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, weist auf einen der Sprengkörper. Daran hängt eine Metallplatte aus Aluminium, sie glänzt auch noch nach 69 Jahren im Erdreich. „Front“ – auf Deutsch „vorn“ – ist deutlich sichtbar zu lesen.

„Das ist das Bombenschloss, also die Aufhängung im Flugzeug, aus der die Bombe beim Abwurf ausgeklinkt wird“, erläutert Lange. Dass mit dem Bombenschloss ein Bauteil des Flugzeugs herunter gekommen sei, weise darauf hin, dass die Maschine ein ernsthaftes technisches Problem gehabt haben muss. Aus maximal 800 Meter Höhe müssen die Bomben gefallen sein, schätzt Experte Lange. Normal wären etwa 3 000 Höhenmeter. Vermutlich sei man hier auf die todbringende Fracht einer amerikanischen Maschine gestoßen, die am 17. April 1945 bei einem Angriff auf Dresden über der Dippoldiswalder Heide mit einem weiteren Flugzeug kollidierte, und dessen Bomben im vergangenen Jahr geortet wurden.

Diese ersten Bomben waren bei Suchungen im November 2013 aufgetaucht. Eigentlich ging es damals darum, Munition zu bergen, die am Kriegsende von der 4. Panzerarmee und der Besatzung der „Festung Dresden“ auf der Flucht vor der Roten Armee in der Dippoldiswalder Heide zurückgelassen worden war. Dabei stieß man zunächst auf elf Bomben, die in einer Großaktion entschärft wurden. Im März 2014 fand man weitere drei Bomben – und hatte damit eine komplette Flugzeugladung zusammen. Bekannt ist inzwischen, dass dieser erste Fund von einer amerikanischen B-17 stammt, die an jenem 17. April 1945 nach einem Zusammenstoß abstürzte.

Verschollen blieb bis Anfang Mai aber die Fracht der zweiten Maschine und auch das Flugzeug hat man bis heute nicht gefunden. Am 4. Mai meldete sich dann ein Spaziergänger bei der Polizei. Er hatte eine Bombe in einem Gebiet, welches man bisher nicht abgesucht hatte, entdeckt. Sie steckte nur 80 Zentimeter tief im Boden und war wohl von einem Hobbyausgräber freigelegt worden. Über die genauen Hintergründe schweigt die Polizei. Fakt ist, dass man eine neue Spur hatte. Dort sondierten die Männer intensiver das Gelände, bis sie auf Nr. 16, 17 und 18 stießen. Weil aber diese amerikanischen Flugzeugtypen in der Regel 14 Bomben mitführten, geht man nun davon aus, dass noch bis zu zehn weitere Bomben im Wald liegen. Sie gilt es nun zu finden.

Und das wird nicht so einfach. Denn schon die drei gestern entschärften Bomben lagen völlig unsystematisch verstreut. „Normalerweise fallen die Bomben wie an einer Perlenschnur aufgefädelt herunter“, erklärt Thomas Lange. Selbst bei einem Notabwurf gäbe es noch ein halbwegs einheitliches Bild. Der neue Fund hingegen ist wirr und schwer zu deuten. Der „Eiserne Wald“ will seine gefährlichen Hinterlassenschaften eben nicht so einfach hergeben. Und auch die Suche nach der Infanteriemunition der deutschen Armee geht weiter. Mindestens noch eineinhalb Jahre wird man wohl brauchen, bis die Patronen, Granaten und Panzerfäuste geborgen sind. 18 Tonnen Munition hat man bereits aus dem „Eisernen Wald“ geholt.