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Bonsai-Jets hängen an der Schraube

Beiersdorf. Großenhains Modellsportler weihten am Sonnabend mit einem Sonnenwendfliegen ihren neuen „Flugplatz“ ein.

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Von Manfred Müller

Die Nase gen Himmel gereckt, verharrt Volker Steinkamps Kunstflug-Maschine nahezu bewegungslos in der Luft. Nur das angestrengte Brummen des Benzinmotors verrät, dass sie gerade ein kompliziertes Manöver fliegt. An die Luftschraube hängen heißt bei den Modellsportlern die hohe Schule des Fliegens. „Ein Modellflugzeug zu steuern, ist schwieriger, als in einer richtigen Maschine zu sitzen“, erklärt der Bastler aus Sörnewitz. „Jedes Manöver muss aus der Ferne abgeschätzt werden – völlig ohne Körpergefühl.“

Etwa 20 Mitglieder des Großenhainer Modell-Sport-Clubs und ebenso viele Zaungäste haben sich am Rasenhang bei Beiersdorf eingefunden, um den neuen „Flugplatz“ mit einer zünftigen Air-Show einzuweihen. Aber zunächst gibt es einen Becher Sekt, denn es war gar nicht so leicht, die bürokratischen Hürden des Genehmigungsverfahrens zu überwinden.

Irgendwann fallen sie alle

„Früher oder später fällt jedes Modell mal runter“, weiß der Coswiger Steffen Krüger. „Und je mehr Baustunden und Geld man investiert hat, desto heftiger tut das weh.“ Krüger ist ein Fan ausgefallener Verbrennungsmotoren, und allein für den Zweizylinder-Viertakter-Antrieb seiner Maschine hat er schon 900 Euro hingeblättert. Aber ein bisschen verrückt muss man eben sein, wenn man in der Modellsportler-Gilde akzeptiert werden will.

„Dabei sind wir noch nicht einmal die Schärfsten“, erklärt Vereins-Chef Christian Ernst. „Nur ein Haufen individueller Freizeitflieger ohne riesige sportliche Ambitionen.“ Beim Modellflugsport gibt es eine Fülle von Leistungsdisziplinen, in denen man seinen Ehrgeiz auf die Spitze treiben kann. Aber so weit wollen die Großenhainer nicht gehen. Modellsport ist keineswegs nur ein Hobby für verspielte junge Burschen. Werner Einert etwa lässt mit 77 Lenzen immer noch sein Segelflieger-Modell Solution XL steigen. Der stattliche Flieger hat eine Spannweite von vier Metern. Einert hat erst als Rentner begonnen, dem Modellsport zu frönen. „Was sollte ich machen?“, erklärt er. „Ich war Porzellanmaler in Meißen und hatte nie wirklich Zeit dafür. Jetzt hält mich der Umgang mit den jungen Leuten hier fit.“

Erinnerung an das Moped

„Die Jungen haben Sachen drauf, an denen wir ‚Alten' uns die Zähne ausbeißen“, gesteht Christian Ernst. Und ergänzt: „Es gehört schließlich schon eine Menge dazu, ein Modell mit 50-Kubikzentimeter-Motor zu steuern. So etwas hatten wir früher beim Mopedfahren unterm Hintern, und wir waren verdammt stolz drauf.“

Inzwischen hat sich nahezu ein Dutzend der verschiedensten Modelle ausgetobt – Kunstflieger, Doppeldecker, Segelflieger und sogar ein Kampfflugzeug. Christian Ernst muss sich einige Frotzeleien anhören, weil er das Sonnenwendfliegen auf den Tag gelegt hat, an dem die Kicker der deutschen Nationalmannschaft das Achtelfinale gegen Schweden bestreiten. „Wer kann denn ahnen, dass die bis dorthin kommen?“, verteidigt er sich scherzhaft. Aber seine Vereinsmitglieder haben natürlich vorgesorgt. Ein akkubetriebener Fernseher steht bereit; der Empfangs-Spiegel ist ausgerichtet. Wäre ja auch gelacht, wenn Technik-Freaks wie die Großenhainer Modellsportler so etwas nicht hinkriegen würden.