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Borkenkäfer-Plage hält Förster in Atem

Die Schäden in den Fichtenwäldern sind mittlerweile so groß, dass oft nur noch der Kahlschlag hilft. Dabei gerät auch ein großer Plan durcheinander.

Vor einem Jahr noch Fichtenwald, jetzt Kahlschlag: Revierförster Stephan Radler im Wald bei Röthenbach.
Vor einem Jahr noch Fichtenwald, jetzt Kahlschlag: Revierförster Stephan Radler im Wald bei Röthenbach. © Egbert Kamprath

Um das Problem zu zeigen, muss Revierförster Stephan Radler nicht lange suchen. Er geht zu einem Holzstapel am Wegesrand, holt ein Messer aus der Tasche und fährt damit unter die Rinde eines der abgelagerten Fichtenstämme. Die Borke löst sich großflächig. Radler dreht sie um, sodass die Innenseite zu sehen ist. "Hier", sagt er und zeigt auf die typischen Muster der Fraßgänge, die ein kleiner Krabbler hinterlässt, dessen schlechter Ruf ihm weit vorauseilt. Der Borkenkäfer ist wieder da. Und er frisst derzeit die Fichtenwälder im Landkreis regelrecht kahl.

Ob in Förster Radlers Revier zwischen den Talsperren Klingenberg und Lehnmühle, ob im Nationalpark Sächsische Schweiz oder dem Hohwald und am Unger - der auch Buckdrucker genannte Schädling wird zur Plage. So sehr, dass selbst Laien die abgestorbenen Bäume auffallen. Und es handelt sich dabei nicht um einige Fichten, die kahl in den Himmel ragen und jederzeit umzufallen drohen. Der Buchdrucker befällt komplette Gebiete und macht sie vorübergehend zum Geisterwald. Zudem hat er einen kleineren Verwandten, den Kupferstecher. Der ist auf junges Fichtenholz spezialisiert und befällt Baumkronen oder junge Bäume. Auch der Kupferstecher tritt nun vermehrt auf.

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Immer dem Geruch nach

Eigentlich sind die beiden Borkenkäferarten gar keine Schädlinge. Sie gehören seit jeher in die Natur und sind Teil des Zerfallsprozesses. "Der Borkenkäfer fliegt geschwächte oder kranke Bäume an, er erkennt sie am Geruch", erklärt Kristina Funke, Pressesprecherin des Forstbezirkes Bärenfells im Osterzgebirge. Angekommen am Ziel, bohrt er sich in die Rinde und kriecht in die sogenannte Bastschicht. Das ist der Teil des Baumes, der für den Wasser- und Nährstofftransport zuständig ist. Dort hinein frisst der Borkenkäfer Gänge, paart sich, jedes Weibchen legt zwischen 20 und 30 Eier ab. Die daraus schlüpfenden Larven fressen sich ebenfalls durch die Bastschicht, verpuppen sich und schwärmen dann als neue Generation zu den nächsten Bäumen aus. 

Der ganze Prozess dauert etwa sechs bis zehn Wochen und beginnt je nach Wetterlage meistens Mitte April. "Bei guten Bedingungen wachsen in einem Jahr bis zu drei Generationen Käfer heran", sagt Kristina Funke. Aus zwei Käfer-Eltern am Saisonbeginn können im Jahresverlauf bis zu 80.000 Nachfahren hervorgehen.

Der Borkenkäfer frisst sich durch die Schicht der Rinde, welche für den den Wasser- und Nährstofftransport des Baumes zuständig ist.
Der Borkenkäfer frisst sich durch die Schicht der Rinde, welche für den den Wasser- und Nährstofftransport des Baumes zuständig ist. © Egbert Kamprath

Und jetzt herrschen gute Bedingungen, zum Leidwesen der Waldbesitzer und Förster. Denn nach drei trockenen, heißen Jahren sind die meisten Fichten derart geschwächt, dass sie dem Käfer nichts mehr entgegensetzen können. Normalerweise wehren sich die Bäume gegen den Eindringling, indem sie Harz absondern und das Insekt verkleben. "Aber die Bäume sind so ausgetrocknet, dass sie kaum oder gar nicht mehr harzen können", sagt Funke. Der Käfer hat leichtes Spiel und vermehrt sich rasant. Mittlerweile, fügt Förster Radler hinzu, befalle er sogar kräftige und gesunde Bäume. "Die können einfach diese große Menge an Käfern nicht mehr abwehren."

Komplette Waldflächen sterben ab

Galt bisher 2019 als Borkenkäfer-Rekordjahr, als man an Zählstellen und in Fallen so viele Tiere wie noch nie registrierte, liegen die Fangzahlen dieses Jahr noch deutlich darüber. Betroffen sind vor allem die Wälder in einer Höhenlage von bis zu 600 Meter. Doch selbst im Gebirge, wo die Fichte beste Standortbedingungen aufgrund des kühleren Klimas vorfindet, setzt der Buchdrucker den Bäumen zu.

Das hat Folgen. Weil im Landkreis in vielen Waldgebieten die Fichte der vorherrschende Baum ist, sterben komplette Waldstücken regelrecht ab. Schon macht ein Wort die Runde, welches weder Förster noch Naturschützer gerne hören: Kahlschlag. Denn die befallenen Bäume haben keine Chance mehr, sich zu regenerieren. Sie müssen so schnell wie möglich aus dem Wald herausgeholt werden, damit nicht noch mehr Borkenkäfergenerationen sich in ihnen vermehren und in unbefallene Bestände ausschwärmen können. 

Die vom Borkenkäfer befallenen Fichten haben keine Chance mehr, sich zu regenerieren, und sterben ab.
Die vom Borkenkäfer befallenen Fichten haben keine Chance mehr, sich zu regenerieren, und sterben ab. © Egbert Kamprath

Weil aber die Sägewerke und die Industrie die Holzmengen, die derzeit auf den Markt kommen, gar nicht so schnell verarbeiten können, stapeln sich an den Waldrändern riesige Polter. Der Forstbezirk Bärenfels hat nun Agrarflächen an der Autobahn A4 gepachtet, um dort einen teil des Fichtenholzes erst einmal zwischenzulagern. Zu all den Sorgen der Förster und Waldbesitzer kommt noch der Preisverfall: Das Angebot an Fichtenholz übertrifft die Nachfrage derzeit bei Weitem und lässt die Preise fallen.  

Im Nationalpark Sächsische Schweiz hat man mit dem Borkenkäfer weniger Sorgen. Auch dort war die Fichte lange der dominierende Baum - ihr Anteil lag bei 50 Prozent. Nun sind 40 Prozent aller Fichten abgestorben, was wiederum 20 Prozent aller Bäume im Nationalpark entspricht. Doch hier nimmt man den Borkenkäfer als Teil der Natur hin und lässt ihn gewähren. Die Bäume fallen von alleine irgendwann um. An Wanderwegen und Straßen werden sie mitunter umgesägt und liegengelassen - aus Sicherheitsgründen, damit sie nicht irgendwann unkontrolliert zur Gefahr für Passanten werden. Wenn ein Fällen nicht möglich ist, werden Wege gesperrt. Derzeit betrifft das den Reitsteig und den Königsweg. 

Kinderstube für neues Leben

Die toten Bäume aber sind eigentlich gar nicht so tot. Denn sie dienen Insekten, Würmern, Pilzen, Pflanzen und Mikroorganismen als Wohnstube, die das Totholz besiedeln und zersetzen. Am Ende ihres Lebenszyklus ist die Fichte zerfallen und dient als damit als Untergrund, Dünger und Wasserspeicher für neues Leben. Gefällt und abtransportiert wird nur noch an den Rändern des Nationalparks, wie Hanspeter Mayer, Pressesprecher der Nationalparkverwaltung, erklärt: " Wir greifen vor allem in den Bereichen ein, wo der Borkenkäfer nahe an privaten Waldflächen auftritt. Jeder Borkenkäferbefall, der näher als 500 Meter an Privatwald liegt, wird bekämpft."

Jahrhunderte galt insbesondere die Fichte als der beste Baum schlechthin. Sie wächst schnell und stellt keine hohen Ansprüche, eignet sich gut als Bauholz und für die industrielle Verarbeitung. Mit dem fast monokulturellen Anbau der Fichte retteten die Förster von einst die hiesigen Wälder überhaupt erst in die heutige Zeit. Doch aufgrund des Klimawandels geht es der Fichte schlecht. Denn sie mag es eher feucht und kühl. Seit 1990 werden die Fichtenwälder deshalb schrittweise umgebaut.

Lärchen statt Fichten: Sie kommen mit warmem, trockenem Klima besser zurecht und werden nun oft anstelle von Fichten gepflanzt.
Lärchen statt Fichten: Sie kommen mit warmem, trockenem Klima besser zurecht und werden nun oft anstelle von Fichten gepflanzt. © Egbert Kamprath

Dieser Waldumbau folgt einem Plan. Zunächst lichten die Förster die Fichtenwälder aus, indem sie einzelne Bäume entnehmen. Damit schaffen sie Platz für Arten wie Tannen, Buchen oder Erlen, die im Schutz der alten Bäume wachsen können. Voranbau nennen die Förster diese Methode, im alten Wald bereits für die nächste Generation zu sorgen. Weichen dann die alten Fichten, teilweise auch durch Sturm oder Borkenkäferbefall, ist bereits ein junger Mischwald da. Andere Baumarten kommen oft von selbst, wie Birken, Kiefern oder Ebereschen. Auch die Fichte hat im Mischwald nach wie vor ihren Platz, bloß eben nicht mehr in der Anzahl wie bisher. Förster sprechen dabei immer gerne vom "naturnahen Wirtschaftswald".

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Doch diese Waldumbaupläne geraten wegen der Borkenkäferplage gerade mächtig durcheinander. "Wir können die geschädigten Bäume nur noch abholzen und dann auf der kahlen Fläche neu anfangen", gibt Forst-Sprecherin Funke zu. Reagieren statt agieren - das ist das Problem. Und nicht alle Baumarten, die die Förster gerne anpflanzen wollen, wachsen auf den Kahlschlägen. Buchen und Weißtannen beispielsweise brauchen den Schutz der alten Bäume, um über die ersten Jahre zu kommen. Andere, wie Lärchen, Ahorne, Eichen oder Ebereschen brauchen viel Licht - sind also ideale Erstbesiedler. Sie werden die Fichten ersetzen und für einen neuen, kräftigen Mischwald sorgen - aber das dauert. "Wir Förster", sagt Kristina Funke, "denken nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten. Unser Ziel ist es, den nächsten Generationen einen stabilen, gesunden Wald zu hinterlassen."  

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