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Boykottkultur gegen Unliebsame

Lisa Eckhart verbreite Antisemitismus – behauptet die Cancel Culture. Auch einige Dresdner fordern ihre Ausladung.

Lisa Eckhart spießt die „erleuchtete Sittlichkeit“ der Selbstgerechten auf und lockt mit Brüchen vermeintlicher Tabus am 20.8. in Dresdens „Junge Garde“
Lisa Eckhart spießt die „erleuchtete Sittlichkeit“ der Selbstgerechten auf und lockt mit Brüchen vermeintlicher Tabus am 20.8. in Dresdens „Junge Garde“ © dpa/Hans Punz

Noch lärmt der Streit über den Rauswurf Lisa Eckharts beim Hamburger Harbour Front Festival wegen angeblich drohender linker Randale durchs Land, da fordern nun auch einige sächsische Antirassisten, den Auftritt der Kabarettistin am 20. August in der Dresdner Jungen Garde zu canceln. Als Grund nennt die Initiative „Dresden Postkolonial“ jenen Verdacht, in den Eckhart immer wieder mal gerät: „Unter dem Deckmantel von Kunstfreiheit und Satire“ reproduziere und verbreite sie „Rassismus und Antisemitismus“. Schwerere Vorwürfe sind in Deutschland nicht denkbar. Erst recht in der Kulturlandschaft.

Cancel Culture nennt sich diese aus den USA stammende Protestform, die mehr ist als das Äußern von Kritik oder das Orchestrieren von Shitstorms, um politisch missliebige Menschen einzuschüchtern. Am treffendsten ließe sich der Begriff mit „Boykott-Kultur“ übersetzen. Denn ihr geht es darum, mit den Mitteln des öffentlichen Anprangerns Personen zu boykottieren, die durch zweifelhafte Aussagen oder diskriminierende Handlungen auffällig geworden sind. Genauer: Sie nicht nur anzugreifen, sondern ihre ökonomische Existenz zu gefährden, am besten zu zerstören. Etwa indem man Lisa Eckhart ihre Auftrittsmöglichkeiten nimmt.

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Die Strategien der Boykottkultur sind jedoch breiter gefächert als das Erzwingenwollen von Auftrittsabsagen wie die Ausladung des Malers Axel Krause von der Leipziger Jahresausstellung 2019, weil dieser im Internet einigen rechten Statements zugestimmt hatte. Boykottversuche finden auch statt durch Störungen „feindlicher“ Veranstaltungen, durch Verhinderung von Vorlesungen etwa des AfD-Gründers Bernd Lucke an der Uni Hamburg oder Protestaktionen gegen rechts auslegende Verlage auf Buchmessen. Auch die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen musste Umsatzeinbußen hinnehmen, weil sie von vielen Kunden boykottiert wurde; sie hatte zuvor gegenüber einem Reporter des Spiegel Verständnis für die rechtsextreme Pegida-Bewegung geäußert.

Gelegentlich greifen Cancel-Kulturalisten auch zum Mittel der studentischen und dozentischen Überwachung gegen ihnen politisch unliebsame Professoren. Die bekanntesten solcher „Watch“-Aktionen fanden statt gegen die konservativen Hochschullehrer Jörg Barberowski und Herfried Münkler in Berlin sowie, in abgeschwächterer Form, gegen den Dresdner Werner J. Patzelt. Deren Aussagen bei Vorlesungen wurden akribisch notiert, um im Bedarfsfall etwas gegen sie in der Hand zu haben.

Das Versagen der Politik

Nun also Lisa Eckhart. Ihre Boykott-Aufrufer und Kritiker verweisen gern auf deren Aussagen in einer WDR-Sendung der Reihe Mitternachtsspitzen von 2018. Besonders auf Eckharts Sätze über die des Sexismus angeklagten jüdischen US-Filmgrößen Woody Allen und Harvey Weinstein: „Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt kommt plötzlich heraus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und dafür brauchen sie Geld.“

Der auch von der Initiative Dresden Postkolonial erhobene Vorwurf, damit würde Eckhart Antisemitismus reproduzieren und verbreiten, klingt auf den ersten Blick kurios. Schließlich wird damit lediglich ein traditionelles Betätigungsfeld von Satire beschrieben: Wann immer sie Minderheiten-Vorurteile aufs Korn nimmt, muss sie diese zunächst reproduzieren, also benennen, und dann verbreiten, also auf der Bühne äußern, um sie bloßstellen und demaskieren zu können.

„Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen", sagt Lisa Eckhart.
„Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen", sagt Lisa Eckhart. © dpa/Daniel Karmann

Sie selbst sagt jetzt zu den Vorwürfen: „Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen.“ Bei manchen scheine es einen klassisch konditionierten Reflex zu geben, auf Reizworte zu reagieren. „Wie geht man mit Antisemitismus und Rassismus um? Erhebt man sie zum Tabu oder degradiert man sie zum Witz? Ich bin immer auf der Seite des Humors“, so die 27-Jährige, die in Wien geboren wurde und in Leipzig lebt.

Was die Sache kompliziert macht: Eckhart will keine Rechten bekehren. Vielmehr ist es ihr Anliegen, die „erleuchtete Sittlichkeit“ der Selbstgerechten in deren „Furor“ zu bremsen und sie „zum Innehalten zwingen“. Die Selbstgerechten; das meint die sogenannten Gutmenschen. Die schlagen nun zurück. Jedenfalls einige.

Boykottkultur trifft Diskussionskultur

In ihrem amerikanischen Mutterland wird Cancel Culture überwiegend von Liberalen und Linken betrieben, die sich traditionell den Kampf gegen Unterdrückung und Benachteiligung auf die Fahne geschrieben haben. Gegen Diskriminierung von Minderheiten, Sexismus, Rassismus, Vorherrschaft der Reichen und Mächtigen. Welche positiven Effekte sie beabsichtigt, zeigte am deutlichsten die MeToo-Bewegung. 

Auch den eigentlichen Sinn der Cancel Culture: Sie ermöglicht es, dass sich politisch und ökonomisch Machtlose im Internet zusammenfinden und vereint auch gegen solche Mächtige durchsetzen können, deren Untaten für gewöhnlich folgenlos bleiben – eben weil ihre Macht und ihr Einfluss sie schützen. Wie es lange Jahre geschah im Fall des Medienmoguls Harvey Weinstein, der dank MeToo wegen seines aggressiven Sexismus schließlich doch geschasst und angeklagt wurde.

Bereits in der larmoyanten Schmoll-Ecke zurückgezogen: Kabarettist Dieter Nuhr.
Bereits in der larmoyanten Schmoll-Ecke zurückgezogen: Kabarettist Dieter Nuhr. © Jörg Carstensen/dpa

Das tendenzielle Erstarken der Boykottkultur in Deutschland aber ist nicht zu verstehen ohne die jüngere Entwicklung der Diskussionskultur. Denn sie ist auch eine Reaktion darauf, dass ausländer- und frauenfeindliche Aussagen wieder zunehmend straßentauglich geworden sind, sogar parlamentsfähig. Und dass ein rechtsradikaler Internet-Mob in seinem wachsenden Furor gegen Minderheiten oder Andersdenkende selbst vor Morddrohungen nicht zurückschreckt, ohne dass man ihn dafür verantwortlich machen könnte.

„Warum wird auf dem Rücken der Kultur eine politische Korrektheit ausgetragen, die in der Politik ihren Platz hätte?“, fragt Lisa Eckhart, und diagnostiziert: Im Politischen würden die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet, in der Kunst aber immer mehr beschränkt. Das kommt einem weiteren, vielleicht sogar dem Kernmotiv der Cancel Culture sehr nahe: Sie erstarkt, wenn die Politik zu schwach scheint, Machtlose gegen Mächtige zu schützen, klare Grenzen des Sagbaren zu ziehen, sie durchzusetzen und zu verteidigen.

Da die Boykottkultur sich mit Vorliebe auf Personen einschießt, deren Existenzgrundlage die Bühne ist, findet sie ihre meisten potenziellen Opfer unter Künstlern, im Kulturbetrieb. Der jedoch ist in Deutschland eine liberale bis linke Domäne, weshalb es auch vergleichsweise wenig rechte Cancel Culture gibt; Boykottaufrufe aus dieser Ecke sind dem Betrieb und seinem Publikum herzlich egal.

Hasenfüßler als Boykotthelfer

Die logische Folge davon beschrieb der Politologe Claus Leggewie im Deutschlandfunk unlängst so: „Es ist ein Streit zwischen besonders Linken und anderen Linken oder zwischen Linken und Liberalen. Es geht also um Ordnung im eigenen Lager.“ Anders formuliert: um die Deutungshoheit darüber, wessen Definition von politischer Korrektheit und Moral die einzig richtige ist. Wie immer in Glaubensstreitigkeiten kommt es auch hierbei zu Radikalisierungen. Bis hin zum Gutheißen der Unterdrückung unliebsamer Meinungen, unliebsamer Kunst und unliebsamer Künstler.

Befördert Lisa Eckhart durch ihre Satire also wirklich Rassismus und Antisemitismus? Das finale Urteil darüber ist jedenfalls nicht das Privileg von radikalen Cancelern wie der Initiative Dresden Postkolonial. Und das Gros der Reaktionen aus Kultur und Politik auf die Absage von Eckharts Hamburger Auftritt kommt zu einer anderen Bewertung: Der Rückzug des Veranstalters wurde kritisiert – und Eckhart samt ihrer Kunst damit der Rücken gestärkt.

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Das belegt einerseits, dass die radikale Variante der Cancel Culture in Deutschland alles andere als mehrheitsfähig ist und ihr bedenklicher Grundwesenszug erkannt wird: der einer Unkultur, die sich nicht nur im Fall von Lisa Eckhart der wirklichen Auseinandersetzung über Kunst verweigert und Künstler leichtfertig stigmatisiert.

Andererseits zeigt die Angelegenheit: Manchmal braucht es gar keine aktiven Boykotteure, um Cancel Culture wirken zu lassen. Etwa dann, wenn selbst laut eigenem Bekunden Gegner der Boykottkultur wie die Hamburger Veranstalter sich zu einem Teil der Cancel Culture machen. Nämlich indem ihnen vages Nachbarschaftsgerede über die eventuelle Möglichkeit von bevorstehenden Protesten genügt, um Eckharts Auftritt hasenfüßig abzusagen.

Immerhin scheint durch die vielstimmige Rückenstärkung der Künstlerin eine weitere Gefahr zunächst abgewendet: dass sich noch ein Kabarett-Talent, von außen forciert, in jene larmoyante Schmoll-Ecke zurückzieht, in die sich unter anderem bereits Dieter Nuhr, Lisa Fitz und Uwe Steimle eher haben sinken lassen als dass sie geschoben worden wären.

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