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Warum will keiner seine Ruinen loswerden?

Löbaus Angebot ist verlockend: Die Stadt reißt auf eigene Kosten für die Eigentümer marode Gebäude ab. Aber keiner will das. Eine Suche nach dem Haken am Angebot.

Das alte Gut in Neucunnewitz sieht traurig aus. Abriss kommt für die Besitzer aber wohl nicht infrage.
Das alte Gut in Neucunnewitz sieht traurig aus. Abriss kommt für die Besitzer aber wohl nicht infrage. © Anja Beutler

"Ein Segen wäre es, wenn das alte Ding wegkommt!" Der junge Mann in Neucunnewitz, dem nördlichsten Zipfel des Löbauer Stadtgebietes, nickt in Richtung des großen Gutes am Ortsende. Neucunnewitz ist überschaubar - eine Straßenkreuzung mit ein paar Häusern - wenn man so will. Und doch hat es ein ziemlich großes altes Gut, das einst der Familie vom Gersdorff gehörte, nun aber seit Jahren verfällt. Da kommt die neue Idee aus dem Rathaus bei den Nachbarn gut an: Löbau bietet Besitzern solcher "Sorgenkinder" an, auf städtische Kosten die maroden Gebäude abzureißen und die Flächen zu entsiegeln. Ganz uneigennützig ist es nicht, denn die Stadt will und muss sich Umweltpunkte für ihre Erweiterung des Gewerbegebietes West verdienen. Auf diese Weise wären aber auch die Schandflecke, bei denen seit Jahr und Tag nichts mehr vorangegangen ist, rasch und unkompliziert Geschichte.

Gerade Löbaus Norden rund um Kittlitz und Kleinradmeritz ist reich an solchen "Problemfällen". Hier gibt es einige größere Gehöfte mit Ställen und Scheunen, einstige Gaststätten, Gutshäuser oder Mühlen, die zum Teil seit der Wende, mitunter aber auch schon länger nicht mehr genutzt werden. Doch die Briefaktion der Stadt brachte nicht den erhofften Erfolg: "Manche wollen das nicht, manche begreifen es einfach nicht", analysierte Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (parteilos) die Sache jüngst in der Stadtratssitzung auf seine Weise. Aber, warum wollen die Besitzer nicht? Sind sie tatsächlich nicht in der Lage, die Chance zu erkennen, wie der OB es interpretiert?

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Problem 1: Besitzer haben andere Pläne

Auch wenn die maroden Gebäude kaum darauf schließen lassen: So mancher Eigentümer hat schlicht kein Interesse, die Gebäude wegzureißen. So verhält es sich auch beim Neucunnewitzer Gut, zu dem OB Buchholz in der Ratssitzung erklärte: "Die Grundstückseigentümer müssten eigentlich froh sein, wenn der Dreck weggerissen wird." Doch die aktuellen Besitzer haben das Grundstück erst seit einem Jahr und wollten hier eigentlich ein Unternehmen ansiedeln, das Reitsportböden aus Vlieshäckseln anbietet, erklärt Michael Czolpinski, dessen Frau einen Teil des Grundstückes und der Gebäude besitzt.

Derzeit sehe es aber nicht danach aus, dass ihre Pläne genehmigt werden. Dennoch: Wegreißen, wofür man zuvor "viel Geld bezahlt hat", komme nicht infrage. Stattdessen, so erklärt Czolpinski, werde er lieber an alte Zeiten anknüpfen, das Gut zur Landwirtschaft zurückführen und die Gebäude wieder aufbauen. Wie realistisch das ist, bleibt gänzlich offen. Anwohner sind skeptisch, weil noch nicht viel passiert ist und das Grundstück in den letzten zehn Jahren häufiger den Besitzer gewechselt hat, einst zum Milchgut Borda und dann einem Holländer gehörte. Fest steht aber, dass das Umweltamt des Kreises erst am 15. Juni in Neucunnewitz nach dem Rechten geschaut hat. Man habe eine immissionsschutz- und abfallrechtliche Überwachung auf dem Vierseithof durchgeführt, weil es Hinweise auf eine gewerbliche Tätigkeit gegeben habe, teilte der Landkreis mit. Gefährliches sei nicht gefunden worden. Allerdings liegen dem Umweltamt auch keine Anträge für neue Nutzungen des Grundstücks vor. Seitdem ist das Gelände nicht mehr offen zugänglich und alles das, was Czolpinski und sein Geschäftspartner hier lagern, ist in die Gebäude gebracht.

Andere Pläne mit ihrem ebenfalls maroden Gebäude in Kleinradmeritz hat übrigens auch eine Familie aus Niederbayern, die von der Stadt angeschrieben wurde. Sie werden ihren Teil eines Gehöfts - vor allem einer Scheune - an einen Nutzer verkaufen, der sie für seine Tierhaltung braucht. Warum also abreißen?

Problem 2: Nicht immer die richtigen Ansprechpartner

Jörg Freiherr von Lüdinghausen hat auch Grundstücke im Norden Löbaus, wo es nicht nur glänzt und glitzert. Und er kennt viele Besitzer, die eben nicht wie er vor Ort wohnen. Das Angebot mit dem Abriss findet er durchaus sinnvoll, aber: "Manche haben gar keinen Brief bekommen", wundert er sich. Vielleicht seien ja die falschen Personen angeschrieben worden? Den richtigen Ansprechpartner zu finden, ist mit Blick auf die mitunter komplizierten Besitzverhältnisse meist nicht so einfach. Mitunter stehen auch Erbengemeinschaften hinter den Immobilien. Lüdinghausen hat nun selbst noch einmal bei Bekannten Grundstücksbesitzern recherchiert, sich mit der Stadt in Verbindung gesetzt und nach eigenen Angaben auch zwei eigene Ruinen - ehemalige Stallungen - in die Diskussion eingebracht. Entschieden ist hier noch nichts.

Problem 3: Fläche darf nicht mehr bebaut werden

Eine mehr oder minder große Kröte müssen die Besitzer, die sich von der Stadt die Ruinen beseitigen lassen, definitiv schlucken: Auf dieser Fläche darf dann nichts mehr gebaut werden. Das geht laut Baugesetzbuch allein deshalb nicht, weil sich der Großteil der Gehöfte im sogenannten Außenbereich befindet und es somit Flächen sind, "welche ohnehin baurechtlich kaum wieder bebaubar sind bzw. nur landwirtschaftlich nachnutzbar wären", schreibt auch die Stadt in ihrem Brief an die Besitzer. Zudem will sich Löbau auch per städtebaulichem Vertrag absichern, dass man an gleicher Stelle nicht wieder bauen darf, schließlich geht es ja um die Entsiegelung der Flächen.

Problem 4: Zu wenig Zeit?

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Viel Zeit zum Überlegen hatten die Besitzer offenbar nicht: Bei dem der SZ vorliegenden Brief hatten die Angeschriebenen von Ende Mai bis Mitte Juni knapp drei Wochen Zeit zum Reagieren. Vielleicht hat sich also - verglichen zum Stand im Stadtrat am 7. Juni  -inzwischen noch Positives getan? Die Stadt verweigert auf SZ-Nachfrage die Auskunft, "weil es sich hierbei um noch laufende Verfahren handelt", erklärt Pressesprecher Marcus Scholz. Auch zu den - im Stadthaushalt ja eigentlich eingestellten Mitteln für die Entsiegelungen - gibt es ebenso wenig Auskunft wie zur Zahl derer, die den Vorschlag annehmen wollen.

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