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Löbau

"Ein Feuermeer riesigen Ausmaßes"

Vor 85 Jahren hat die Seifhennersdorfer Kirche gebrannt. Die Ursache blieb lange unklar.

Das Foto, aufgenommen am 23. März 1935, verdeutlicht das Ausmaß der Brandkatastrophe. Das Kirchenschiff mit seinen wertvollen Ausstattungen brannte vollständig aus.
Das Foto, aufgenommen am 23. März 1935, verdeutlicht das Ausmaß der Brandkatastrophe. Das Kirchenschiff mit seinen wertvollen Ausstattungen brannte vollständig aus. © Bildband "Seifhennersdorf, das Tor zu Böhmen"

Wach- und Schließgesellschaft war der Erste, der das Feuer bemerkte. Die Seifhennersdorfer Kirche, damals mit 2.450 Plätzen eine der größten Landkirchen Sachsens, brannte! Es war 1.30 Uhr an jenem denkwürdigen 23. März 1935, einem Sonnabend. Sofort wurde Großfeuer-Alarm ausgelöst.

Immer mehr Flammen schlugen aus dem Kirchendach. Neben der Seifhennersdorfer Feuerwehr eilten die Wehren aus Warnsdorf, Zittau, Leutersdorf, Neueibau, Spitzkunnersdorf, Rumburg und Oberhennersdorf zum Brandort. Die in Neugersdorf erscheinende "Oberlausitzer Tageszeitung" berichtete: "Das Feuer fand in dem riesigen Dachstuhl, der nur aus Holz bestand, übergroße Nahrung. Es entwickelte sich ein Feuermeer von riesenhaftem Ausmaß, das der Bekämpfung des Brandes außerordentliche Schwierigkeiten entgegensetzte."

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Da Altar und Orgel bereits durch das Feuer vernichtet waren, setzten die Wehren alles daran, den Brand auf seinen Herd zu beschränken und damit den Kirchturm mit seinen wertvollen Glocken und den unersetzbaren Dokumenten in der Turmkugel zu retten. Das gelang. Lediglich eine Turmtreppe war angeschwelt. Damit konnte das Feuer auch nicht auf das benachbarte Rathaus übergreifen, zudem war es in jener Nacht glücklicherweise windstill.

Da Wochenende war, zog es nach dem Löschen des Brandes zig Schaulustige an den Unglücksort. Es wurde über die Ursache spekuliert, aber vor allem diskutiert, warum die Feuerwehren der Nachbarstadt Neugersdorf nicht alarmiert worden waren, zumal die Wehren der großen Neugersdorfer Betriebe wie Herzog & Co. oder C. G. Hoffmann technisch gut ausgerüstet waren.

Letztere verfügte über eine 25 Meter lange Ausziehleiter, die die Seifhennersdorfer Wehr nicht besaß. Damit hätte der Brandherd im Dachstuhl eingedämmt werden können. Im Nachhinein musste sich das Kommando der Seifhennersdorfer Wehr den Vorwurf plan- und konzeptlosen Arbeitens gefallen lassen. Der Gerätepark sei technisch im Rückstand, es habe auch keinen exakten Alarmierungsplan gegeben, hieß es.

Das Foto entstand im November 1935. Da hatte der Wiederaufbau schon beachtliche Fortschritte gemacht, es wurde Richtfest gefeiert.
Das Foto entstand im November 1935. Da hatte der Wiederaufbau schon beachtliche Fortschritte gemacht, es wurde Richtfest gefeiert. © Bildband "Seifhennersdorf, das Tor zu Böhmen"

Demgegenüber wurde die außerordentliche Hilfsbereitschaft der "ausgezeichnet ausgerüsteten" Feuerwehren aus den böhmischen Nachbarstädten Warnsdorf und Rumburg hervorgehoben. Allerdings knirschte es bei deren Alarmierung, 1935 existierte noch kein Grenz-Nachttelefon. Aber man wusste sich zu helfen: So wurde über einen Fernsprecher der Reichsbahn der Hauptbahnhof Warnsdorf angerufen, der wiederum die Warnsdorfer Feuerwehrzentrale informierte.

Was die Brandursache betrifft, so ging man offiziell von schadhaften elektrischen Leitungen und geflickten Sicherungen aus, wie Diplom-Bibliothekar Paul Kirsch, langjähriger Leiter der Bücherei Seifhennersdorf, in seiner ausführlichen, detail- und faktenreichen Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Seifhennersdorf anlässlich deren 125-jährigen Jubiläums 1998 schreibt. Doch es war Brandstiftung.

Einen Beleg dafür liefert die ebenfalls 1998 erschienene "Chronik der evangelisch-lutherischen Kreuzkirche zu Seifhennersdorf". Dort wird ein Pfarrer so zitiert: "Während eines Urlaubs im Krieg wurde ich zu einem Sterbenden ins Oberdorf gerufen. Er teilte mir unter Eid mit, daß die Kirche einer Brandstiftung zum Opfer gefallen sei. Er nannte mir auch die Namen der drei Brandstifter. Leider kann ich diese Namen nicht nennen, da sie unter das Beichtgeheimnis fallen." In Kirchenkreisen war man sich ohnehin sicher, dass hier gezündelt worden war. Doch als ein Pfarrer das äußerte, wurde er von der Gestapo in Bautzen scharf verwarnt und ihm mit KZ gedroht.

Der Wiederaufbau der Seifhennersdorfer Kreuzkirche, die 1798 eingeweiht worden war, ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im November 1935 fand das Richtfest statt. Da der Turm von Brandschäden verschont geblieben war, ließ sich beim Neuaufbau das äußere Bild fast ohne Ausnahme erhalten.

Mit der Gestaltung des Inneren wurde der Zittauer Architekt Richard Schiffner (1881-1953) beauftragt, von dem unter anderem der Turm auf dem Breiteberg, das Ehrenmal an der Spreequelle am Kottmar und der Ratskeller sowie der Ratssaal in Löbau stammen. Schiffner gab dem Kirchenraum ein modernes zweckmäßiges Gepräge. Die Zahl der Plätze wurde auf 1.600 reduziert. Die Orgel schuf der 1887 in Seifhennersdorf geborene Georg Schuster, der bis zu seinem Tode 1962 fast 100 Orgeln baute.

Am ersten Advent 1936 wurde das wieder erstandene Gotteshaus feierlich geweiht. Der verheerende Brand ist auch nach 85 Jahren nicht vergessen.

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